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Spreepark in Berlin: Mit Vergnügen ins Desaster

Von , Berlin

Spreepark-Ruine in Berlin: Verwuchert und verworren Fotos
Clara Fohrbeck

Pflanzen überwuchern die Achterbahn, das Riesenrad dreht sich einsam im Wind. In Berlins Osten siecht der stillgelegte Spreepark dahin. Immer wieder gab es Versuche, die DDR-Freizeitanlage wieder zu eröffnen. Doch Behördenchaos und Inkompetenz stoppten alle Pläne.

Das Ungeheuer ist noch da, Menschen hat es schon lange nicht mehr verschluckt. Bäume und Hecken haben sich um die alte Achterbahn mit dem Monster-Tunnel gelegt, das Pflanzenmeer erledigt, was bisher nicht geschah: das Gerät im Spreepark beseitigen. Ein Vergnügungspark im Dornröschenschlaf, doch Sabrina Witte klopft auf einen Stahlpfeiler und sagt: "Man muss nur die Elektrik neu machen."

Sie trägt Jeans, Flipflops und knallpinken Lippenstift; vor ihr stehen Touristen aus New York, Familien aus dem Prenzlauer Berg, Ost-Nostalgiker. Immer samstags führt Witte Besucher über das Gelände im Osten Berlins, erzählt ihnen mit einer Stimme so laut und rau wie ein Rummelplatz von ihrer Kindheit in Berlins einzigem Freizeitpark. Wie sie und ihre Geschwister nach Ladenschluss die elektrischen Autos aus der Bahn hoben und durch den Park rasten. Wie sie die alte Wildwasserbahn abends auf schnell stellten. "Braucht man eigentlich nur wieder einen Investor", sagt ein Besucher.

Doch der ist angeblich nicht zu finden. Seit 2001 liegt das Gelände brach. Warum eigentlich? Stillstand im Spreepark - eine Geschichte, so verworren wie die Ranken ums Riesenrad. Eine Geschichte, in der keiner die Verantwortung übernehmen möchte. Sie handelt von Träumen, die irgendwo im Berliner Behörden-Wirrwarr untergingen, von Pech, Misswirtschaft und Missverständnissen.

Die Geschichte beginnt mit den Wittes, einer Schaustellerfamilie aus dem Westen, die nach der Wende den Auftrag bekommt, auf dem ehemaligen Areal eines DDR-Rummelplatzes einen Vergnügungspark nach westdeutschen Standards zu errichten. Kopf des Unternehmens ist Sabrinas Vater, Norbert Witte. Der Erbbaurechtsvertrag über das knapp 30 Hektar große Areal im Plänterwald wird trotzdem auf seine Frau Pia abgeschlossen. Die Abmachung mit dem Land Berlin: Das Grundstück darf bis 2061 ausschließlich als Freizeitpark genutzt werden.

Sein Sohn sitzt immer noch im Gefängnis in Peru

Die Berliner Presse ist skeptisch. Die Politik habe bei der Auswahl des Betreibers nicht genau hingeschaut. Mitte der neunziger Jahre läuft der Spreepark zunehmend schlechter, die Besucher bleiben aus. 2001 meldet das Unternehmen schließlich Insolvenz an. Familie Witte siedelt mit ein paar Fahrgeschäften nach Peru über. Ein Umzug ins Unglück, Norbert Witte erleidet mehrere Herzinfarkte, lässt sich mit Drogenschmugglern ein. 2003 werden er und sein Sohn verhaftet, weil sie versuchen, 167 Kilo Koks nach Deutschland zu schmuggeln - im Innern eines Fahrgestells, dem "Fliegenden Teppich".

Witte wird in Deutschland geschnappt, sein Sohn in Peru. Der Vater wird zu acht Jahren Haft verurteilt, nach vier Jahren kommt er frei. Der Sohn sitzt bis heute in einem Gefängnis in Peru, 20 Jahre hat er für die gleiche Straftat bekommen.

Heute lebt Norbert Witte wieder im Spreepark im Plänterwald, hier hat er einen Wohnwagen. An einem Sonntag im August sitzt er im Café Mythos, einem Imbiss, den seine Tochter auf dem Gelände betreibt. In der linken Hand hält er einen Zigarillo, in der rechten einen Kaffee, schwarz. Hinter ihm schaukelt ein Pappmaschee-Gorilla. Zwei kleine Mädchen kommen mit ihren Eltern vorbei. "Gruselig", sagt die eine mit Blick auf den Affen. "Ach, der ist doch nicht mehr gruselig", sagt die andere. "Der ist lustig." Witte, ein schroffer Typ mit wachen Augen und braungebrannten Armen, ignoriert sie.

Wie war das denn damals mit dem Spreepark? 1993 war ein gutes Jahr, sagt er. Im Spreepark ratterten laut Witte die größten Achterbahnen Europas, es gab ein Westerndorf mit Stuntshows und jede Menge neue Investitionen. Ein Mann, der gerne in Superlativen spricht.

"Wir waren uns als Eheleute nicht immer einig"

Doch dann kam das Geschäft ins Trudeln. Witte fühlt sich von der Politik getäuscht. Er behauptet, das Land habe das Gelände um den Vergnügungspark nachträglich zum Landschaftsschutzgebiet erklärt. Dort will man sich zum Vertragsverhältnis nicht äußern. "Hätten wir das gewusst, hätten wir hier nie investiert", sagt Witte. Im Vertrag habe nichts davon gestanden. Doch mit der neuen Anordnung seien die benötigten Parkplätze nicht gewährt worden, die Anreise zum Spreepark erschwert. "Die haben uns die Geschäftsgrundlage entzogen." So sieht er das alles.

Witte ist wütend. Auf die Herren vom Liegenschaftsfonds, die immer gegen ihn waren, auf die Presse, die immer falsch berichtete, auf die Verwaltung, die die Senatoren falsch informierte und den Insolvenzverwalter, der einen Großteil der Fahrgeschäfte weit unter Wert verscherbelte.

Am meisten ärgert es ihn, wenn er liest, die Natur habe sich "ein Stück zurückgeholt". "Ich habe damals hier die Betonlandschaft selbst aufgebrochen, Natur angelegt und Frösche für die Seen gefangen", sagt Witte.

So weit, so Witte. Doch auch die andere Seite hat nach der Insolvenz eine lange Liste mit Vorwürfen vorgebracht. Herr Witte habe sein ursprüngliches Konzept nie verwirklicht, sondern immer anderen die Schuld gegeben, lautet ein Vorwurf. Er soll mit der Pacht im Rückstand gewesen sein, das zum Gelände gehörende, denkmalgeschützte Ausflugslokal mit dem schönen Namen "Eierhäuschen" nicht saniert haben, es wurde Giftmüll gefunden. Er habe sich nichts vorzuwerfen, sagt Witte. Im Gegenteil, er habe versucht, den Park wiederzubeleben. Immer ist das Vorhaben irgendwie gescheitert. Nur eines gesteht er ein: "Wir waren uns als Eheleute nicht immer einig." Er und Pia Witte sind mittlerweile geschieden.

Seit 2001 wird der Park seinem Schicksal überlassen. Dutzende Interessenten haben sich im Laufe der Jahre vorgestellt. Doch der Insolvenzverwalter gab den Wittes das Gelände irgendwann zurück. Seit einigen Jahren betreibt Sabrina Witte dort wieder einen Imbiss und bietet ihre Führungen an. Anfang Juli ließ das Land Berlin eine Zwangsversteigerung platzen - obwohl ein Berliner Konzertveranstalter fast 2,5 Millionen Euro für den Pachtvertrag bot. Offenbar möchte das Land das Gelände in der Hand behalten. Möglicherweise um dort doch noch Wohnungen zu bauen.

Ruine in Berlins bester Baulage

Der Ruf der komplizierten Berliner Vertragsverhältnisse reicht weit. "Auf keinen Fall werde ich bei dieser Versteigerung mitbieten", sagt der Chef des erfolgreichen Europaparks, Roland Mack. Der Park sei zwar ein Schnäppchen. "Die Bedingungen rund um Naturschutz, Besucher und Parkplätze sind aber ein großes Problem."

Doch der Senat kümmert sich nicht darum. Auf Anfrage will man sich dort nicht zu den Zukunftsplänen, abgesprungenen Investoren geschweige denn zum Vertragsverhältnis äußern. Auch einen Antrag der Piratenfraktion, den Vertrag endlich offenzulegen, lehnte der Senat ab.

Niemand will schuld am Scheitern des Spreeparks sein, keiner Verantwortung für das brachliegende Herz des Plänterwalds übernehmen. Für die Ruine in Berlins bester Baulage.

Vielleicht haben sich nach der Wende die Zeiten geändert. Für die einen war der Spreepark Kult, für die anderen ein piefiges Stück DDR. Vielleicht liegt es an der chaotischen Berliner Verwaltung der Neunziger. Vielleicht will man im hippen Berlin keinen Freizeitpark mehr. Ob es erneut zu einer Zwangsversteigerung kommt, ist unklar.

So bleibt der Spreepark ein fotogener Abenteuerspielplatz für Großstädter - regelmäßig steigen Menschen über den Zaun. Manche wollen nur mal schauen, manche ein schickes Souvenir aus dem mystischen Spreepark in Ostberlin. Einmal musste Sabrina Witte ein Schwan-Boot der Märchenbahn aus Brandenburg abholen. Diebe waren damit über die Spree getuckert. Danach bohrte sie in alle Schwäne ein Loch. Sabrina Witte will den Park retten, sie ist da wie ihr Vater. "Würde ich im Lotto gewinnen, ich würde sofort alles kaufen."

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insgesamt 35 Beiträge
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1. Willkommen in Klein-Berlin
Bobby Shaftoe 13.09.2013
Ein Freizeitpark im Dornröschenschlaf? Wohl eher eine ganze Stadt. Berlin ist seit dem 2. WK zu einer Provinz voller Großmäuler verkommen, die nach der Wende zur "Weltmetropole" hochgejazzt wurde. Ein Moloch voller unfähiger Politiker, mit Bürgern, die sich für den Nabel der Welt halten, wenig zustande bringen und dafür dem Rest der Welt die Schuld geben. Vom FBB will ich gar nicht erst reden, man muss sich doch nur den Postdamer Platz ansehen: Eine öde, langweilige Steinwüste, ohne Gesicht und mit teuren, hastig hingeschissenen Touristenattraktionen, die weder besonders gut noch besonders originell sind. Da helfen auch keine Hipster im Prenzelberg, Berlin ist geistig tot und wird nie wieder die Größe der goldenen 20er haben.
2. Wirtschaftliche Interessen
mielforte 13.09.2013
Die Lage des Areals beantwortet alle Fragen über das weitere Schicksal der Anlage. Es ist einfach zu wertvoll und hat Begierden geweckt.
3.
meineidbauer 13.09.2013
Zitat von sysopClara FohrbeckPflanzen überwuchern die Achterbahn, das Riesenrad dreht sich einsam im Wind. In Berlins Osten siecht der stillgelegte Spreepark dahin. Immer wieder gab es Versuche die DDR-Freizeitanlage wieder zu eröffnen. Doch Behördenchaos und Inkompetenz stoppten alle Pläne. http://www.spiegel.de/panorama/spreepark-in-berlin-geschichte-eines-untergangs-a-917612.html
Hört sich alles irgendwie "halbseiden" an. Nicht gerade sehr die beste Grundlage für erfolgreiche Investorengespräche.
4. Verträge
altmannn 13.09.2013
Zitat von sysopClara FohrbeckPflanzen überwuchern die Achterbahn, das Riesenrad dreht sich einsam im Wind. In Berlins Osten siecht der stillgelegte Spreepark dahin. Immer wieder gab es Versuche die DDR-Freizeitanlage wieder zu eröffnen. Doch Behördenchaos und Inkompetenz stoppten alle Pläne. http://www.spiegel.de/panorama/spreepark-in-berlin-geschichte-eines-untergangs-a-917612.html
offen legen? Diese Piraten sind wirklich gemein gegenüber den etablierten. Auf der anderen Seite könnte dabei das Wirrwar vielleicht entwirrt und das Gelände einer Nutzbringenden Verwendung zugeführt werden. Aber ein bisschen Grüne Lunge ist in einer Großstadt auch nicht zu verachten.
5. Es...
peeka 13.09.2013
Zitat von sysopClara FohrbeckPflanzen überwuchern die Achterbahn, das Riesenrad dreht sich einsam im Wind. In Berlins Osten siecht der stillgelegte Spreepark dahin. Immer wieder gab es Versuche die DDR-Freizeitanlage wieder zu eröffnen. Doch Behördenchaos und Inkompetenz stoppten alle Pläne. http://www.spiegel.de/panorama/spreepark-in-berlin-geschichte-eines-untergangs-a-917612.html
...gibt zu der Geschichte einen hervorragenden Dokumentarfilm, den man auch auf youtube finden kann. Informationen dazu gibt es hier: ACHTERBAHN (http://www.achterbahn-der-film.de/)
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