Schweizer Schokoladen-Dynastie: Tod der "Seitensprüngli"-Witwe

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Für Alexandra Gantenbein verließ Schokoladen-König Rudolph Sprüngli nach 45 Jahren Ehe seine Frau. Die gehobenen Kreise hatten immer Probleme mit der neuen Gattin, die einst als Callgirl gearbeitet haben soll und ein Faible für Sekten hatte. Nun wurde bekannt, dass die 63-Jährige im Januar gestorben ist.

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Ehepaar Alexandra und Rudolph Sprüngli: "Sie hatte ein gewinnendes Wesen, war eloquent"

Alles begann mit einem Strip beim Martinimahl, dem alljährlichen November-Treffen der "Zunft zum Weggen" in Zürich. Es ist ein Fest der Bäckermeister, eine Tradition aus dem Mittelalter, die bis heute in gewissen Regionen der Schweiz gewahrt wird. Zunftmeister empfangen die oberen Zehntausend des Landes. Der Höhepunkt des Abends: eine Überraschung für die bessere Gesellschaft.

An jenem Abend Ende der Achtziger heißt die Überraschung Alexandra Gantenbein. Eine Frau mit pechschwarzen Haaren und anmutigem Augenaufschlag, die sich vor den Gästen räkelt und auszieht. Unter den Bewunderern: ein Aufsichtsratsmitglied der Lindt & Sprüngli AG in Kilchberg bei Zürich.

Dieser Mann soll Alexandra Gantenbein mit Rudolph Sprüngli bekannt gemacht haben. Sprüngli ist Schokoladenfabrikant in fünfter Generation, Chef der Lindt & Sprüngli AG, eines Konzerns mit damals 4000 Mitarbeitern und zehn Milliarden Franken Umsatz sowie etwa 330 Millionen Franken Gewinn. Die Schweizer nennen Sprüngli den "Schoggi-König".

Die Begegnung mit Gantenbein verändert sein Leben. Für sie verlässt Sprüngli seine Frau. Die beiden heiraten. Für die konservative Schweiz ein Skandal, für den Boulevard eine Traumvorlage.

Alexandra Gantenbein, so wurde erst jetzt bekannt, ist im Januar tot in der Badewanne ihres Hauses in Arosa gefunden worden, einem Erholungsort im Kanton Graubünden. Sie wurde 63 Jahre alt.

Es ist der mysteriöse Tod einer mysteriösen Frau, die es nicht nötig hatte, vor einer Herrenrunde zu strippen - und es trotzdem mit voller Hingabe tat. "Sie war eine schillernde Figur, eine, die mehrere Leben gelebt hat", sagt René Lüchinger. Der Schweizer Journalist beschreibt in seinem Buch "Kampf um Sprüngli" die Schokoladen-Dynastie. "Es ist ein Sittengemälde fast wie bei den Buddenbrooks. Alexandra Gantenbein ist nur die letzte Episode in diesem filmreifen Stoff, sie erfüllt quasi den voyeuristischen Teil."

Sie strippt und arbeitet angeblich als Callgirl

Gantenbein stammt aus dem Osten der Schweiz, ihre Eltern taufen sie auf den Namen Heidi, sie jobbt als Kellnerin, später als Aushilfssekretärin bei der Suppenfirma Knorr. 1985 trennt sie sich von ihrem Vornamen, der ihr zu provinziell klingt, und nennt sich Alexandra. Ein Jahr später heiratet sie den 77-jährigen Industriellen Max Burri, der 16 Monate nach der Hochzeit stirbt und ihr ein Vermögen von 4,5 Millionen Franken hinterlässt.

Alexandra Gantenbein schließt sich der umstrittenen amerikanischen Sekte "I am" an, die gleichermaßen Jesus und den Graf von Saint-Germain als "Meister" verehrt, einen Scharlatan aus der Zeit Ludwigs XV. Gantenbein wird Predigerin, eröffnet eine Praxis als Geisterheilerin, betet vor Sektenjüngern und organisiert Gebetsseminare in teuren Zürcher Hotels.

Sie sucht die Gesellschaft betuchter Männer, strippt und arbeitet angeblich als Edel-Callgirl. Warum tut sie das? "Sie ging nicht auf den Strich oder betrieb plumpe Prostitution", konstatiert Lüchinger. "Sie sah sehr gut aus, hatte ein gewinnendes Wesen, ein beeindruckendes Auftreten, war eloquent, ich denke, sie suchte über ihren eigenen Weg Zugang zu der Gesellschaft."

Rudolph Sprüngli kennt das Vorleben Gantenbeins, als er ihr 1989 vorgestellt wird. Sie wirbt bei ihm für ihre Agentur für meditative Beratung. Er ist über 70 Jahre alt, getrieben von der Panik, Nestlé könnte seinen Konzern übernehmen. Er quält sich mit der Regelung der Nachfolge, feuert Spitzenmanager. Er überwirft sich mit seinen Kindern, setzt seinen Sohn und designierten Nachfolger vor die Tür, in seiner Ehe mit Elisabeth Halter kriselt es. "Er befand sich in einer Sinnkrise", sagt Lüchinger, "und ausgerechnet in dieser Situation taucht Alexandra Gantenbein auf."

Sprüngli engagiert sie als persönliche Beraterin. "Er brauchte jemanden zum Reden", sagt Lüchinger. Es bleibt nicht dabei. Gantenbeins Einfluss wächst, sie nimmt an Sitzungen des Verwaltungsrats teil. Mitarbeiter werfen ihr vor, Sektenjünger in den Betrieb einzuschleusen. "Mit meinen Gebeten", wird sie zitiert, "kann ich jeden aus dem Unternehmen entfernen."

Zudem kommen sich der alternde, oft auch störrische Firmenboss und die von der Presse als "Femme fatale" abgestempelte Beraterin privat näher. Sprüngli, 72, verlässt nach 45 Ehejahren seine Frau Elisabeth, 65, und reicht die Scheidung ein. Er will die 44-jährige Gantenbein heiraten. Ein Skandal. Ausgerechnet der konservative Sprüngli, der "Inbegriff der Seriosität", will noch einmal von vorne beginnen. Das Volk verspottet den Schokoladen-König als "Seitensprüngli".

Dabei geht es in der Beziehung nicht um Sexualität oder Geld, wie Biograf Lüchinger sagt. Die Esoterik habe die beiden geeint: den Patriarchen in der Sinnkrise und das Ex-Callgirl, das sein Vorleben abstreifen wollte.

"Dann ist sie eben tot"

Die Boulevardpresse wühlt in Gantenbeins Vergangenheit, findet Nacktfotos und Bilder, die sie in lasziver Pose zeigen mit schwarzen Strapsen und diabolischem Blick. Sie habe "erst einmal Luft schnappen müssen", sagt Gantenbein in einem Fernsehinterview Mitte der Neunziger, als sie die Bilder gesehen habe. "Lächerlich" seien die Vorwürfe - ebenso wie die Unterstellung, sie habe Sektenmitglieder in Führungspositionen installiert.

Im Juli 1992 heiratet Sprüngli seine 28 Jahre jüngere Verlobte. Eine unabhängige Untersuchung habe die Haltlosigkeit der Verdächtigungen gegen seine Auserwählte erwiesen, lässt der Bräutigam die Öffentlichkeit wissen.

Sprüngli geriert sich als Chef des Konzerns. Er habe aber nie mehr als 12 bis 15 Prozent der Aktien besessen, sagt Lüchinger. Seine Ehefrau Elisabeth sei die mächtigste Einzelaktionärin gewesen, 5000 der insgesamt 28.000 Lindt-Sprüngli-Aktien hätten ihr gehört.

Im Januar 2008 stirbt Rudolph Sprüngli im Alter von 88 Jahren. In den vergangenen Jahren galt Alexandra Gantenbein als spirituelles Oberhaupt einer Gemeinschaft, die sich der heilenden Kraft des Lichts verschrieben hat. Sie lebte in Arosa, wo sie sich mit ihrem zweiten Ehemann in ein Holzhaus zurückgezogen hatte.

Als Gantenbein am 6. Januar dieses Jahres den ganzen Tag nicht ans Telefon ging, verschaffte sich eine Freundin, die einen Zweitschlüssel hatte, Zugang zum Haus, das tief eingeschneit war. Sie fand die Tote in der Badewanne.

Die Staatsanwaltschaft Graubünden gab bekannt, dass Gantenbein vermutlich während des Badens eine Bewusstseinsstörung erlitten habe und deshalb ertrunken sei. "Auslöser dieser Bewusstseinsstörung dürfte am ehesten eine mittels Autopsie nicht nachgewiesene bzw. nicht nachweisbare innere Ursache gewesen sein", heißt es. Fremdeinwirkung, Medikamenten- oder Drogeneinfluss - ausgeschlossen.

"Die höhere Intelligenz, an die Alexandra Sprüngli geglaubt und die sie stets respektiert hat, berief sie am 6. Januar 2012 zu sich", haben Angehörige auf der Homepage der 63-Jährigen geschrieben. "Alexandra verstarb völlig unerwartet."

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