Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.

Spurensuche in Madrid: Wahlkampf mit dem Terror

Die Jagd auf die Terroristen wird zum Politikum - beide Seiten nutzen die Attentate zur Stimmungsmache für die morgige Wahl. Ein der Opposition nahe stehender Radio-Sender meldet, dass der Geheimdienst Islamisten für die Täter hält. Zuvor war bekannt geworden, dass Spaniens Botschafter auf Geheiß der Regierung die Eta-These verbreiten sollten.

Trauernde Menschen in Barcelona: Der Ausgang der Ermittlungen könnte Wahl entscheidend sein
DPA

Trauernde Menschen in Barcelona: Der Ausgang der Ermittlungen könnte Wahl entscheidend sein

Madrid - Der spanische Privatsender SER verbreitete am Nachmittag die Nachricht unter Berufung auf Geheimdienstquellen: Danach sei man sich sehr sicher, dass radikale Islamisten die Bomben gezündet hätten, durch die 200 Menschen getötet wurden. Die Ermittler gingen davon aus, dass 10 bis 15 Attentäter die Bomben in den Zügen versteckt hätten und dann geflohen seien. Der Besitzer des Privatsenders SER hat Verbindungen zur oppositionellen Sozialistischen Arbeiterpartei, meldet die Nachrichtenagentur Reuters.

Der Ausgang der Ermittlungen könnte Wahl entscheidend sein. Sollte sich die Eta-Spur erhärten, würde dies der Partei des ohnehin in Führung liegenden Premiers Aznar nutzen: In Zeiten des Terrors neigen die Wähler allerorten dazu, der Regierungspartei zu vertrauen, besonders wenn sie auch noch wie in Spanien konservativ ist.

Islamistische Spur bringt Gefahr für Aznar

Die islamistische Spur hingegen könnte Aznar gefährden. Die Spanier waren in großer Mehrheit gegen eine Teilnahme am Irak-Krieg, Hunderttausende demonstrierten vor einem Jahr gegen die Regierung. Die Enthüllungen über die Manipulationen in Washington und London haben die Gegnerschaft noch erhöht. Sollte sich herausstellen, dass der verhasste Krieg nun auch noch Ursache für den blutigsten Terroranschlag der Nachkriegszeit war, könnte dies den Premier seinen bisher als sicher geltenden Sieg kosten.

Norweger entdeckten Internet-Dokument

Sichergestelltes Dynamit: Die Polizei vereitelte am 29. Februar einen Anschlag der Eta
AFP

Sichergestelltes Dynamit: Die Polizei vereitelte am 29. Februar einen Anschlag der Eta

Bereits am Mittag hatten norwegische Terrorismusexperten erklärt, es gebe neue Hinweise auf die Täterschaft von islamistischen Fundamentalisten. Die Analysten hatten im Internet ein Dokument entdeckt, das eine Beteiligung des Terrornetzwerks al-Qaida vermuten lässt. In dem Text, der im vergangenen Jahr auf einer arabischen Webseite veröffentlicht wurde, wird Spanien wegen der Parlamentswahl als geeignetes Ziel für Anschläge genannt, um die US-geführte Irakkriegskoalition zu erschüttern. "Wir müssen den größten Nutzen aus der Nähe des Wahltermins in Spanien im kommenden März ziehen", zitierte die norwegische Tageszeitung "VG" heute aus dem Dokument. "Spanien hält maximal zwei oder drei Anschläge aus, bevor es sich aus Irak zurückzieht."

Thomas Hegghammer vom Norwegischen Forschungszentrum für Verteidigung sagte der Zeitung, zunächst hätten die Wissenschaftler vermutet, in dem 42 Seiten langen Text gehe es um geplante Attacken gegen Koalitionsstreitkräfte in Irak. "Aber die Hervorhebung der Wahl in Spanien lässt die Angaben angesichts der Anschläge in Madrid in einem neuen Licht erscheinen." Der anonyme Autor des Dokumentes kenne sich in der spanischen Politik gut aus, sagte der Wissenschaftler Brynjar Lia dem Blatt. "Wir können nicht mit Sicherheit sagen, dass der Text von al-Qaida stammt. Wir haben aber auch keinen Grund, an seiner Echtheit zu zweifeln." In dem Dokument wird davon ausgegangen, dass ein durch Terror erzwungener Rückzug Spaniens aus der Kriegskoalition diese zum Zusammenbruch bringen würde.

"El Pais" belastet Regierung

Erst am Morgen war durch einen Artikel in der spanischen Zeitung "El Pais" bekannt geworden, dass die Regierung ihre Botschafter angewiesen hatte, die Eta-These zu verbreiten. Das staatliche spanische Fernsehen vermied peinlichst, die islamistische Spur als ernsthaft darzustellen. Beobachter rechnen damit, dass erst nach der Wahl am Sonntag genauere Ermittlungsergebnisse öffentlich gemacht werden.

SPIEGEL ONLINE dokumentiert, welche Indizien für die unterschiedlichen Thesen sprechen.

Für die Täterschaft al-Qaidas sprechen:

Der Plastiksprengstoff "Goma 2" wurde von der Eta schon seit Jahren nicht mehr benutzt. Zuletzt füllten die Basken ihre Bomben stets mit einem in Frankreich hergestellten Sprengstoff namens "Titadyne".

Auch die Zünder sind nicht aus dem sonst von der Eta bevorzugten Material. Sie bestanden aus Kupfer, die Eta setzt in der Regel Aluminium-Zünder ein.

In dem gestohlenen Lieferwagen, der Stunden nach den Anschlägen gefunden worden war, stellten die Fahnder ein Tonband mit Koran-Versen sicher. In dem Fahrzeug waren die Bomben transportiert worden. An ein Ablenkungsmanöver der Eta glauben die Ermittler nicht.

Die in dem Lieferwagen entdeckten Fingerabdrücke stammen nach derzeitigem Stand von keinem bekannten Eta-Aktivisten.

Erstmals hat die Eta einschließlich der verbotenen Eta- nahen Partei Batasuna die Anschläge verurteilt.

Antiterror-Experten haben Zweifel an der logistischen Qualität der Eta, Anschläge zu verüben, die einer Koordinierung von bis zu einem Dutzend Terroristen bedürfen.

Spanien ist eines der wichtigsten Rückzugsgebiete islamischer Terroristen in Europa. Die Anschläge des 11. September 2001 in den USA waren teilweise in Spanien vorbereitet worden.

Islamische Extremisten hatten Spanien mit Vergeltung gedroht, weil das Land den Irak-Krieg unterstützt und im Irak 1300 Soldaten stationiert hat.

Was für die Täterschaft der Eta spricht:

Die Eta hat den in Spanien hergestellten Plastiksprengstoff "Goma 2" in der Vergangenheit genutzt

An Heiligabend 2003 plante die Eta, einen Bombenanschlag auf einen Zug auf dem Weg nach Madrid. Die Sprengsätze, die in zwei Reisetaschen versteckt waren, wurden jedoch entdeckt, die Beinahe-Attentäter festgenommen.

Schon früher hat die Eta vor Wahlen - wie an diesem Sonntag - Attentate verübt.

Vor zwei Wochen wurden zwei mutmaßliche Eta-Terroristen gefasst, die einen mit 536 Kilogramm Sprengstoff beladenen Lieferwagen in Madrid explodieren lassen wollten. Sie hatten einen Stadtplan bei sich, auf dem auch die Gegend der Tatorte vom Donnerstag eingekreist war.

Vor den Anschlägen in Madrid waren im Baskenland Flugblätter radikaler Separatisten mit dem Aufruf aufgetaucht, das spanische Bahnnetz zu sabotieren.

In den Aufnahmen der Überwachungskameras der Bahnhöfe ist ein Mann zu sehen, der einem gesuchten Eta-Terroristen gleicht.

Im Gegensatz zu den Methoden islamischer Terroristen waren keine Selbstmordattentäter am Werk.

Es gibt Zweifel am Bekennerschreiben von al-Qaida, das eine in London erscheinende arabische Zeitung veröffentlichte. Noch nie habe sich die Terrorgruppe unmittelbar nach einem Anschlag dazu bekannt, sagen spanische Ermittler.

Dass es keine telefonische Vorwarnung gab, ist bei Eta-Anschlägen schon mehrmals der Fall gewesen.

Diesen Artikel...

© SPIEGEL ONLINE 2004
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH




Der kompakte Nachrichtenüberblick am Morgen: aktuell und meinungsstark. Jeden Morgen (werktags) um 6 Uhr. Bestellen Sie direkt hier: