Sri Lanka Verzweifelte Suche nach vermisster Eisenbahn

Mehr als 1000 Menschen starben in Sri Lanka, als ein Zug von den Flutwellen erfasst wurde. Noch immer sind nicht alle Toten geborgen worden. Die Bergungsarbeiten kommen nur schwer voran, weil Lastwagen und Kräne die Unglücksstelle nicht erreichen können. Und: Zwei Waggons werden noch vermisst. Sie wurden ins Meer gerissen.

Aus Paraliya berichtet


Ein buddhistischer Mönche an der Unglücksstelle
REUTERS

Ein buddhistischer Mönche an der Unglücksstelle

Verwesungsgeruch hängt in der Luft. Noch immer bergen Soldaten Tote aus dem Zug, den der Tsunami in Sri Lanka aus den Gleisen hob und ins Land schmetterte.

Verbissen arbeiten sich die jungen Männer vor. Werkzeug haben sie kaum, ihre Gummihandschuhe sind durchlöchert. Auf Holzlatten tragen sie die Toten zum Strand, wo sie unter Palmen aufgereiht werden. Auf dem Weg dorthin passieren die Soldaten eine Buddha-Figur, die auf den Trümmern eines zerstörten Hauses aufgestellt ist. Von dort überblickt der Buddha gleichmütig die grauenhafte Szenerie. Er lächelt sein ewiges Lächeln. Buddha sitzt so weit oben, erklärt ein Arbeiter, weil sich kein Mensch höher stellen darf.

Luftbild der Unglücksstelle: Wie viele Tote liegen noch in den Palmenhainen?
AP

Luftbild der Unglücksstelle: Wie viele Tote liegen noch in den Palmenhainen?

Zumindest die Natur lehrt hier Bescheidenheit. Die Zerstörungskraft des Tsunamis wird wohl an kaum einem anderen Ort so deutlich sichtbar wie in Hikkaduwa. Nur einmal erhob sich das Meer, für einen kurzen Augenblick, und richtete Zerstörungen an, die selbst im Krieg kaum vorstellbar sind.

Die Welle hob den Tonnen schweren Triebwagen und ein halbes Dutzend Waggons aus den Gleisen, riss den Zug auseinander und schob die Waggons wie Papierschiffchen mehr als hundert Meter weit ins Landesinnere. Als wögen sie nichts, hoben sich die Stahlkolosse und krachten in Häuser und Palmenreihen.

Der Zug war wegen des Endes der Weihnachtsfeiertage und dem anstehenden Mondfest voll besetzt. Das Wetter war ruhig und schön, als die Welle den mit rund 1200 Passagieren besetzten Zug traf. Sogar die Gleise hob die Wucht des Wassers aus dem Bett und drehte sie wie dünnen Draht.

Kilometerweit schoss die Flut ins Land, sie entwurzelte Bäume, schob Häuser von ihrem Fundament, Boote und Schutt finden sich noch hunderte Meter tief im Palmenwald. Ölig schimmert das Wasser, das noch immer zwischen den Waggons steht. Fünf Tage sind seit dem Unglück vergangen, und immer wieder werden Tote unter den Trümmern gefunden.

Arbeiter durchsuchen die Waggons und die Umgebung
REUTERS

Arbeiter durchsuchen die Waggons und die Umgebung

Die Identifizierung der Toten sei kaum noch möglich, sagt der Einsatzleiter des Militärs. Oft fehlt deren Kleidung, sie sind nach fünf Tagen in der Hitze aufgequollen und entstellt. Die Pässe, die zwischen den Leichen liegen, sind ihnen nicht mehr zuzuordnen. Und niemand weiß, wie viele Tote noch in den Palmenwäldern liegen. Ohnehin würde sie niemand finden unter dem Teppich aus Schutt, der alles bedeckt. Zudem werden zwei Waggons noch immer vermisst. Sie wurden ins Meer gespült.

An eine Bergung der zerschmetterten Waggons ist derzeit nicht zu denken. Bergungskräne haben keine Chance, den Unglücksort zu erreichen. Die Gleisanlagen entlang der Küste sind komplett zerstört, ebenso die Brücken der Hauptstraße. Auf den kleinen Nebenstraßen im Landesinneren dagegen kommen nicht einmal größere Lastwagen durch.

Mehr als 1000 Menschen starben in dem Zug
AFP

Mehr als 1000 Menschen starben in dem Zug

Aus Colombo sind buddhistische Mönche an den Unglücksort gereist. In ihren orangefarbenen Gewändern besichtigen sie das Ausmaß der Tragödie. Sie wollen sich ein Bild machen und ihren Brüdern davon erzählen. Mit Regenschirmen schützen sie sich gegen die brennende Sonne. Am Nachmittag zieht ein Gewitter auf, heftige Regenfälle erschweren die ohnehin schwierigen Bergungsarbeiten. Auch im Regen lächelt Buddha sein ewiges Lächeln.



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