Sri Lanka Wo bleibt die Hilfe?

Die größte Hilfsaktion der Uno-Geschichte ist angelaufen. Die Spenden steigen stetig, die Weltgesundheitsorganisation behauptet, die Situation in Sri Lanka sei unter Kontrolle. Doch die Menschen spüren vielerorts nichts von der versprochenen Hilfe.


Sri Lanka: Hilfslieferungen kommen noch sporadisch
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Sri Lanka: Hilfslieferungen kommen noch sporadisch

Berlin - Wenn Sönke Weiss von Sri Lankas Hauptstadt Colombo in die Küstenstadt Galle fährt, sieht er rechts und links immer noch eine apokalyptische Landschaft der Verwüstung. Bis vor wenigen Tagen war auch die Straße so gut wie unbefahrbar: Herumirrende Menschen, eingestürzte Brücken, auf die Straße gespülte Boote, Bäume und andere Hindernisse sorgten für Dauerstau. Für die 120 Kilometer von Colombo bis Galle brauchte Weiss teilweise acht Stunden.

Gestern schaffte der deutsche Entwicklungshelfer die Strecke in Rekordzeit: Immer noch musste er zahlreiche Umwege fahren, doch in nur zwei Stunden war er am Ziel. Für den 37-Jährigen ein Zeichen, dass sich etwas bewegt im Krisengebiet.

Das meinen auch die großen Hilfsorganisationen: Eine Woche nach der Sintflut beginnen die ersten, vorsichtigen Optimismus zu verbreiten. "Die Situation scheint weitgehend unter Kontrolle", sagt Roy Wadia, Sprecher der Weltgesundheitsorganisation WHO, gegenüber SPIEGEL ONLINE.

Die Nachricht, dass in einem Flüchtlingslager in Galle die ersten Cholera-Fälle aufgetreten seien, dementiert Wadia - ebenso wie zuvor der Leiter einer örtlichen Klinik. Weiss, der die Nachricht über die deutsche Nachrichtenagentur dpa in die Welt gesetzt hatte, steht zu seiner Geschichte. Ein lokaler Doktor habe ihm erzählt, vier Patienten zeigten Cholera-Symptome, sagt er gegenüber SPIEGEL ONLINE.

Wadia hingegen sagt, die Regierung habe zusammen mit der WHO die Überwachung der Lager zu einem Schwerpunkt gemacht. "Bisher ist kein Cholera-Fall bekannt", betont er. Es gebe noch Lücken in der Überwachung der vielen hundert Lager, räumt er ein. Die Koordinierung laufe aber immer besser. In Colombo wurde ein nationales Krisenzentrum eingerichtet.

Auch beim Deutschen Roten Kreuz in Colombo zählt man erste Erfolge auf. Die 25 Mitarbeiter seien inzwischen von ihren Erkundungstrips durchs Land zurückgekehrt, sagt der DRK-Koordinator in Colombo, Stefan Kühne Hellmess, gegenüber SPIEGEL ONLINE. Man habe jetzt einen fast kompletten Überblick über die 800 Kilometer lange Küste. Der Küstenstreifen sei auf einer Breite von 50 Metern bis zu zwei Kilometer völlig zerstört. "Die gute Nachricht ist, dass die Infrastruktur dahinter funktioniert", sagt Kühne Hellmess. Deshalb konnten die schwersten Fälle bereits in den ersten Tagen behandelt werden, sagt Wadia.

Im Osten der Insel, wo die Welle mit der größten Wucht auftraf, ist die Versorgung besonders schwierig. Heftige Regenfälle machen Hilfseinsätze noch schwieriger. Die Region sei aber nicht, wie vielfach berichtet, völlig abgeschnitten, sagt Kühne Hellmess. Mit einem Allradwagen seien auch die teilweise überschwemmten Straßen befahrbar.

In dem von Rebellen kontrollierten Bürgerkriegsgebiet war die medizinische Versorgung schon vor der Katastrophe schlecht. Bis morgen abend will das DRK dort drei mobile Gesundheitsstationen in Betrieb genommen haben. Auch eine Wasseraufbereitungsanlage ist unterwegs. Die Regierung ermutigt die ausländischen Organisationen, in die Rebellengebiete zu fahren. "Sie sieht das sehr pragmatisch", lobt Wadia von der WHO.

Doch die Wahrnehmung in den Krisenstäben in der Hauptstadt ist oft eine andere als die der Menschen vor Ort. In Galle, berichten SPIEGEL-TV-Reporterin Kerstin Mommsen und SPIEGEL-Autor Andreas Ulrich über Handy, sei von ausländischer Hilfe noch kaum etwas zu sehen. Die Nichtregierungsorganisation Worldvision, für die Weiss arbeitet, hat einige Notunterkünfte und zwei mobile Kliniken errichtet. Das Technische Hilfswerk baut eine Trinkwasserversorgung auf. Aber weder DRK noch WHO sind vor Ort.

Es fehlt weiterhin an allem: Wasser, Benzin, Schaufeln - und Leichenspürhunde. "Die Trümmer wurden einfach zusammengeschoben, und niemand weiß, wie viele Leichen darunter liegen", sagt Ulrich. Der Verwesungsgeruch lässt darauf schließen, dass längst nicht alles unter Kontrolle ist.

Aus dem Chaos der ersten Tage ist inzwischen eine gewisse Ordnung entstanden, sagt Weiss. Aber noch immer liegen in Galle Leichen auf den Straßen. Weiss berichtet von einem Lager mit 1500 Flüchtlingen. "Da gibt es einen Arzt, an Medikamenten hat er Aspirin und etwas Hustensaft", sagt er.

Die offizielle Zahl der Toten in Sri Lanka stieg heute auf knapp 30.000. Über 5500 gelten als vermisst, die meisten davon im Osten der Insel. Die Rebellen schätzen die Zahl der Vermissten sogar auf knapp 18.000.



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