St. Gallen Schulturnhalle stürzt unter Schneemassen ein

Nur knapp entkamen Studenten einer Schweizer Berufsschule der Katastrophe: Kurz vor Unterrichtsbeginn sackte die Dachkonstruktion ihrer Sporthalle in sich zusammen. Jetzt rätseln Experten über die Unglücksursache - war es der schwere Schnee, die Statik oder der Baugrund?

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St. Gallen - "Der Mensch ist nur dort ganz Mensch, wo er spielt" steht über dem Eingang zum "Tal der Demut" im Schweizer St. Gallen. Nur durch Zufall entgingen am Dienstagmorgen zahlreiche Studenten der gewerblichen Berufsschule im Riethüsli einem schweren Unglück, als die Dachkonstruktion der angeschlossenen Sporthalle einstürzte.

Die Assistentin des Rektorats, Cäcilia Martig, sagte SPIEGEL ONLINE, das Kollegium sei schockiert, aber auch "heilfroh": Sehr viele Klassen hätten bereits um 7.15 Uhr Turnunterricht gehabt, was bedeute, dass die Schüler schon gegen 6.45 Uhr in den Umkleiden gewesen wären. Gegen 6 Uhr hatte ein Stadtangestellter ein Donnern und Grollen gehört und Alarm geschlagen. Das Dach war herunter gekracht und hatte die Mittelwand eingerissen. "Wir haben großes Glück gehabt, dass niemand verletzt wurde", so Martig.

Der St. Galler Kantonspolizei zufolge entstand am Gebäude ein Schaden in Millionenhöhe. Von der Fensterfront im Osten ist nur noch das Gerippe übrig geblieben, hieß es.

In den vergangenen Tagen sei besonders schwerer, feuchter Schnee niedergegangen, sagte Martig. Dies könne eine Ursache für den Einsturz des Dachs gewesen sein. "Die Halle war aber so gut wie neu, so dass wir davon ausgehen, dass mehrere Faktoren zu dem Einsturz führten."

Im Juli 2006 war der Bau der Architekten Peter Österreicher und Markus Schmid eröffnet worden. Laut Bauverwaltung des Kantons St. Gallen wurde die 50 Meter lange und 26 Meter breite Turnhalle nach neuesten Standards gebaut und hätte der Schneelast standhalten müssen. Kantonsbaumeister Werner Binotto erklärte, man stehe zurzeit noch vor einem Rätsel. Ursache könnten die Schneelast, aber auch die Statik oder der Baugrund gewesen sein.

"Grundsätzlich können wir davon ausgehen, dass die Lasten, die durch Schnee auf Dächern entstehen, nicht höher sind, als berechnet", erklärt Manfred Tiedemann, Geschäftsführer der Bundesvereinigung der Prüfingenieure (BVPI). Ein besonderes Risiko entstehe dann, wenn sich wie im Winter 2005/2006 Frost- und Tauwetter abwechselten. Dann bilde sich ein besonders schweres Eis-Schnee-Gemisch, das ein Dach zum Einstürzen bringen könne.

Abgesehen davon sei vor allem die Bauüberwachung ein Thema: Häufig würden die Pläne nicht sauber und exakt ausgeführt, weil die Handwerker zunehmend schlecht ausgebildet seien. Außerdem gebe es Kommunikationsprobleme: "Mit der steigenden Zahl ausländischer Baukolonnen gibt es immer weniger Beteiligte, die Deutsch sprechen und die Bauanweisungen verstehen."

Eine falsche Berechnung der Tragfähigkeit von Dachträgern oder Bauhöhen wie im Fall Bad Reichenhall ist laut Tiedemann eher die Ausnahme. Dort waren im Januar 2006 beim Einsturz einer Eisporthalle 15 Menschen ums Leben gekommen. "Unser Problem", so Tiedemann, "ist vielmehr die Überalterung zahlreicher Gebäude und somit der Faktor Zeit."

In Deutschland gibt es rund 40.000 Hallen. Viele der Bäder, Theater, Sport- oder Mehrzweckhallen sind weit über 40 Jahre alt. Laut einer Untersuchung des TÜV-Nord vom April 2008 zeigen 60 Prozent der Dächer "relevante Sicherheitsmängel". Bei mehr als einem Viertel der Konstruktionen könne ein "Gefährdung der Standsicherheit" nicht ausgeschlossen werden, heißt es.

Die Ingenieure vom BVPI fordern deshalb regelmäßige Überprüfungen von Gebäuden durch sachkundige Experten, die idealerweise bereits an der Planung der Bauwerke beteiligt waren und deren Schwachstellen kennen. Im Abstand von etwa sechs Jahren sollten Inspektionen durchgeführt und die Ergebnisse wie beim Auto-TÜV festgehalten werden. "Da aufwändige Untersuchungen wie etwa das Aufreißen von Decken kostenintensiv und mühevoll sind, wird man die Eigentümer vermutlich nur durch gesetzliche Auflagen zu solchen Maßnahmen überreden können", so Tiedemann.

Laut "St. Galler Tagblatt" kostete der Bau der Turnhalle insgesamt 12,5 Millionen Franken und resultierte rund 600.000 Franken billiger als geplant. Wurde womöglich am falschen Ende gespart? Eine Untersuchung durch Bauexperten und Spezialisten der Polizei soll nun klären, ob es Mängel am Bau gegeben hat.

In Bad Reichenhall starben vor drei Jahren 15 Menschen, darunter zwölf Kinder und Jugendliche, als das Dach einer Eissporthalle unter den Schneemassen zusammenbrach. 34 Menschen wurden verletzt. Im November 2008 sprach das Landgericht Traunstein einen Architekten und einen Gutachter vom Vorwurf der fahrlässigen Tötung frei und verurteilte den Konstrukteur des Hallendaches zu einer Bewährungsstrafe von eineinhalb Jahren. Die Urteile sind noch nicht rechtskräftig - sowohl die Staatsanwaltschaft als auch zwei Nebenkläger und einer der Verteidiger haben Revision eingelegt.

Mit Material von dpa

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