Staatsakt zur Flutkatastrophe "Wir können den Schmerz kaum ermessen"

Es war eine bewegende Zeremonie heute im Bundestag: Angehörige der Opfer, Vertreter von Hilfsorganisationen und die Spitzen der Politik trauerten um die Zigtausend Toten der Tsunami-Katastrophe. Das Leid habe die Menschen einander näher gebracht, sagte Bundespräsident Köhler beim Staatsakt: "Wir alle gehören zusammen. Wir leben in einer Welt."

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Köhler, Sinfoniker: "Vor niemandem hat die zerstörerische Kraft des Wassers Halt gemacht"
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Köhler, Sinfoniker: "Vor niemandem hat die zerstörerische Kraft des Wassers Halt gemacht"

Berlin - Es waren warme und beruhigende Töne, die 15 Mitglieder des Berliner Sinfonie-Orchesters dem Publikum zu Beginn des Staatsaktes darboten. Richards Strauss Serenade op. 7 wird zu den eher harmonischen, an einigen Stellen sogar fröhlich klingenden Stücken des Komponisten gezählt. Das Stück in Es-Dur hatte der Musiker bereits im Alter von 17 Jahren komponiert, einem Alter in dem die Welt gemeinhin noch in Ordnung ist.

Für viele Hunderttausende Menschen ist seit dem zweiten Weihnachtsfeiertag 2004 nichts mehr in Ordnung. Etwa eine Viertel Million Menschen haben in Südasien ihr Leben verloren, unter den Toten sind wohl auch etwa 600 Deutsche.

"Alle, die schon einmal einen geliebten Menschen verloren haben, wissen, wie sich die Leere anfühlt, die der Tod hinterlässt", sagte Bundespräsident Horst Köhler heute im Bundestag, zu dem die Botschafter Indiens, Sri Lankas, Indonesiens und Thailands und viele Angehörige deutscher Tsunami-Opfer eingeladen worden waren. "Ich möchte Ihnen sagen: Wir können Ihren Schmerz kaum ermessen, doch wir trauern mit Ihnen."

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Die Flut habe abertausende Bindungen zwischen Menschen zerrissen. "Mütter und Väter suchten verzweifelt ihre Kinder, die eben noch draußen herumtollten. Frauen und Männer liefen durch den Schutt und Schlamm, versuchten ihren Partner zu finden. Kinder standen apathisch zwischen Bergen von Leichen. Ob Einheimischer oder Tourist, ob reich oder arm, ob Kind oder Greis - vor niemandem hat die zerstörerische Kraft des Wassers Halt gemacht."

Viele Familien würden wohl nie wissen, wo ihre Lieben abgeblieben seien, sagte Köhler. "Die Familien werden deshalb kein Grab haben, an dem sie um ihren Sohn oder ihre Tochter, ihren Vater oder ihre Mutter, ihren Mann oder ihre Frau, ihre Schwester oder ihren Bruder trauern können. Ich weiß, dass dies jedem Einzelnen, den dieses Schicksal trifft, fast übermenschliche Kräfte abverlangt. Wir versichern Ihnen: Was getan werden kann, um Gewissheit zu bekommen, das wird getan."

Mit gesenkten Köpfen saßen die Angehörigen neben Abgeordneten im Plenarsaal. Die Finger verkrampft ineinander geschlungen, lauschten sie der Rede Köhlers. Manche hielten sich in ihrer Trauer fest an den Händen, tauschten immer wieder Taschentücher aus, wischten sich die Tränen von den Gesichtern. Auch auf der Regierungsbank war den Ministerinnen und Ministern die Betroffenheit anzusehen. Außenminister Joschka Fischer, der in der vergangenen Woche aus den von der Flut zerstörten Gebieten zurückgekommen war, blickte mit starrem Blick in den Plenarsaal, der mit weißen Lilien und weißen Gerbera dekoriert war.

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"Die Bilder von der heranstürzenden Welle, von den vielen Toten, von den trauernden, ratlos vor den Trümmern stehenden Menschen - sie lassen Viele zweifeln und hadern. Wenn etwas so Schreckliches passiert, dann möchten wir einen Schuldigen dafür benennen, Verantwortung ausfindig machen." Angesichts dieser Naturkatastrophe aber gebe es keine befriedigende Antwort auf die vielen Fragen nach dem "Warum", sagte Köhler.

Es gebe nun Menschen, die sagten, die Hilfsbereitschaft, das Zusammengehörigkeitsgefühl mit fernen Ländern sei nur daraus entstanden, dass auch ausländische Touristen in der Katastrophe ums Leben gekommen seien. Oder weil die starke Medienpräsenz diese Hilfsbereitschaft ausgelöst habe. "Wir können doch aber froh darüber sein, dass Medien und Tourismus mit dazu beitragen, dass wir uns als die eine Welt fühlen und begreifen. Wichtig erscheint mir vor allem das Ergebnis - das tätige Zusammenstehen der Menschen aus allen Nationen. Wir sehen unsere Welt neu, wir entdecken Partnerschaften mit entfernten Regionen, und wir schöpfen so neue Kraft zum Handeln. Das gibt Hoffnung. Und das macht Mut."

Köhler sagte: "Ich denke, die Zeit ist gekommen, neu über die Zusammenarbeit der Staatengemeinschaft nachzudenken - und auch über die Hilfe für arme Länder insgesamt. Wann - wenn nicht jetzt - werden wir die Kraft finden, unser Handeln auch als Weltinnenpolitik zu verstehen?"

Köhler sagte, er selbst habe angesichts der Katastrophe in einem Adventslied von Jochen Klepper Trost gefunden: Die Nacht ist vorgedrungen, der Tag ist nicht mehr fern. So sei nun Lob gesungen dem hellen Morgenstern. Auch wer zur Nacht geweinet, der stimme froh mit ein. Der Morgenstern bescheinet auch Deine Angst und Pein.

Der Staatsakt endete mit einer Serenade von Wolfgang Amadeus Mozart (Nr. 20, Gran Partita, Sätze 3 und 5) und der Nationalhymne.



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