Stadtarchiv-Einsturz in Köln Oberbürgermeister stellt Weiterbau der U-Bahn in Frage

Führte der Bau einer U-Bahn zum Einsturz des Historischen Stadtarchivs in Köln? Oberbürgermeister Schramma hält dies offenbar nicht für abwegig - und sagt nun, er wolle den Weiterbau in der Altstadt am liebsten stoppen. "Fast unverantwortlich" sei das Projekt, dessentwegen es schon öfter Probleme gab.


Köln - "Ich halte das eigentlich jetzt fast für unverantwortlich", sagte Fritz Schramma in der ARD auf die Frage nach dem Weiterbau der U-Bahn unter der Kölner Altstadt. Und ging dann noch weiter: Es müsse grundsätzlich geprüft werden, ob man in Zukunft in bewohnten Städten U-Bahn-Bauten in einem solchen Ausmaß durchführen könne und solle. "Es ist ja nicht das einzige Haus, das Risse zeigt und das Schäden zeigt."

Der CDU-Politiker hatte seinen Urlaub in Österreich unterbrochen, um sich vor Ort über die Arbeiten an der Unglücksstelle zu informieren. Die Sorge gelte vor allem möglichen Verschütteten, sagte er. Zwar gebe es bisher keine Menschenleben zu beklagen. Es würden jedoch noch immer Personen vermisst.

Eine These zur Unglücksursache ist, dass das Archiv durch einen Erdrutsch aufgrund des U-Bahn-Baus in sich zusammensackte. Der Bau der vier Kilometer langen Nord-Süd-Bahn ist seit dem Beginn der Bauarbeiten vor fünf Jahren hoch umstritten: Die Kosten für das Projekt sind um 320 Millionen Euro auf rund 950 Millionen explodiert, die Geschäftsleute an der Einkaufsmeile Severinstraße klagen über Umsatzeinbrüche.

Ende September 2004 geriet bereits ein Kirchturm durch den Tunnelbau in Schieflage und machte als "schiefer Turm von Köln" weltweit Schlagzeilen. Allein seine Aufrichtung kostete eine Million Euro. Auch andere Häuser entlang der unterirdischen Strecke zeigten Risse - immer wieder wurde der U-Bahn-Bau dafür verantwortlich gemacht.

Nach bisherigen Planungen sollten Mitte 2010 die ersten Züge auf der neuen U-Bahn-Strecke starten. Die Linie soll vom Breslauer Platz nördlich des Hauptbahnhofs parallel zum Rhein verlaufen und damit den historischen Teil Kölns an das U-Bahn-Netz anbinden.

Rettungskräfte können kaum nach Vermissten suchen

Mit Blick auf die bis zu vier Vermissten in den Trümmern sprach der Präsident des Technischen Hilfswerks (THW), Albrecht Broemme, von einer schwierigen Lage. Noch sei das Betreten weiter Teile der Einsturzstelle für die Einsatzkräfte zu gefährlich, sagte Broemme am Morgen dem Fernsehsender n-tv.

Selbst die Rettungshunde könnten nicht überall eingesetzt werden. "Das ist eine wahrlich fatale Situation." Allerdings sei aus Erdbebengebieten bekannt, "dass es ein wundersames Überleben bis zu mehreren Tagen nach dem Einsturz von Gebäuden durchaus geben kann", fügte der THW-Präsident hinzu. Daher gelte auch in diesem Fall: "Die Hoffnung stirbt zuletzt."

Damit die Suche fortgesetzt werden kann, wurden rund tausend Kubikmeter Beton aufgeschüttet, sagte ein Feuerwehrsprecher. Dadurch solle verhindert werden, dass der Boden erneut nachgibt.

Das vierstöckige Haus im Kölner Severinsviertel war am Dienstagmittag auf die Straße und in eine nahe gelegene U-Bahn-Baustelle gekippt. Zwei benachbarte Wohngebäude fielen teilweise in sich zusammen.

Auch Mitarbeiter des Archivs erhoben schwere Vorwürfe gegen die Stadt. Es habe schon vor längerer Zeit deutliche Schäden in dem Gebäude gegeben, sagte der ehemalige Abteilungsleiter Eberhard Illner dem "Kölner Stadt-Anzeiger": "Da muss ein Ingenieur richtig einen an der Klatsche haben, wenn man solche Hinweise nicht ernst nimmt", kritisierte er. Es sei "grob fahrlässig" gehandelt worden. Eine langjährige Mitarbeiterin des Archivs sagte der Zeitung: "Wir hatten laufend Wasserschäden." Die Kölner Verkehrsbetriebe hätten jedoch nie zugegeben, dass diese Schäden auf die Bauarbeiten zur Erweiterung der U-Bahn zurückgingen: "Das konnte ja nicht gut gehen."

Das Kölner Stadtarchiv umfasst Dokumente aus mehr als tausend Jahren Kölner und rheinischer Geschichte, unter anderem 65.000 Urkunden, 104.000 Karten und eine halbe Million Fotos. Auch zahlreiche Nachlässe, darunter der des Schriftstellers Heinrich Böll, befinden sich in dem Archiv. Die früheste Urkunde stammt aus dem Jahr 922. "Wir wollen retten, was noch zu retten ist", sagte der Kölner Oberbürgermeister. Dies werde aber noch einige Tage dauern.

In der Nacht hatten die Einsatzkräfte die Aufräumarbeiten unvermindert fortgesetzt. Hinter dem komplett zusammengestürzten Gebäude seien mehrere Garagen abgerissen worden, um den Weg in einen der Keller des Archivs freizumachen, sagte ein Feuerwehrsprecher. Von dort seien erste Dokumente aus dem Archiv geborgen worden.

Historisches Archiv der Stadt Köln
Geschichte
Die Anfänge des Archivs reichen in das frühe 12. Jahrhundert zurück. Die für die Stadt wichtigen Schriftstücke hatten 1322 noch Platz in einer Kiste im Hause eines Patriziers , wuchsen aber zeitgleich mit Kölns Entwicklung zur freien Reichsstadt rasch an. Als der Rat 1406 den Bau des Rathausturms beschloss, gehörte zum Bauprogramm auch ein Archivgewölbe. Damals wurde das erste, noch heute erhaltene Archivinventar angelegt.
Den Zweiten Weltkrieg hatten die ausgelagerten Archivbestände ohne Verluste überstanden. Dagegen sind die damals noch in den städtischen Dienstgebäuden lagernden Akten aus der Zeit der Weimarer Republik seit etwa 1927 und der NS-Zeit während des Krieges weitgehend vernichtet worden.
Das Haus beherbergt zahlreiche Schätze der Kultur-, Kirchen- und Verwaltungsgeschichte. Zum Bestand gehören Herrscherurkunden und zahlreiche kostbare Handschriften . Köln ist nach Angaben von Historikern auch eines der wichtigsten Archive der deutschen Hanse , weil 1593/94 auf Beschluss des Hansetages die Urkunden und Akten des seinerzeit größten Kontors , das in Antwerpen lag, in die sicheren Mauern Kölns gebracht wurden.
dpa
Bestände
Das Archiv umfasst Dokumente aus über tausend Jahren Kölner, rheinischer und preußischer Geschichte . Mit der Ernennung Leonard Ennens zum ersten Kölner Stadtarchivar 1857 wurde der Ausbau des Archivs wesentlich auf den Weg gebracht. Mehr als 65.000 Urkunden aus dem Raum Köln ab dem Jahr 922, 104.000 Karten und Pläne, 50.000 Plakate und rund eine halbe Million Fotos. Zudem sind dort 780 Nachlässe und Sammlungen, unter anderem von Literaturnobelpreisträger Heinrich Böll gelagert worden.
dpa

ala/ddp/dpa/AFP



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