Stadtarchiv-Einsturz U-Bahn-Bau in Köln soll trotz Katastrophe weitergehen

Die Folgen des Einsturzes des Stadtarchivs von Köln sind verheerend: Zwei Menschen werden vermisst, Kulturgüter im Wert von 400 Millionen Euro wurden vernichtet. Doch der Ausbau der U-Bahn soll weitergehen - obwohl der die Katastrophe verursachte.

Aus Köln berichtet Lenz Jacobsen


Köln - Die Sonne war gerade über dem Trümmerfeld in Kölns Severinstraße aufgegangen, als Oberbürgermeister Fritz Schramma (CDU), der über Nacht aus dem Urlaub zurückgekehrt war, vor die Fernsehkameras trat.

Er halte es "eigentlich jetzt fast für unverantwortlich", sagte Schramma, das Projekt U-Bahn-Erweiterung fortzusetzen. Die seit den achtziger Jahren betriebene Anbindung der Kölner Altstadt an das U-Bahn-System war von Anfang an umstritten. Mit mindestens 950 Millionen Euro soll die Linie 320 Millionen Euro mehr kosten als zunächst veranschlagt.

Nach Experteneinschätzung ist es mehr als wahrscheinlich, dass die Bauarbeiten an einer unterirdischen Haltestelle direkt unter dem Stadtarchiv zum Einsturz des vierstöckigen Hauses und seiner Nachbargebäude führten.

Durch "ein Loch in der Wand" des U-Bahn-Schachtes sei der Boden unterhalb des Stadtarchivs weggesackt, so die Kölner Feuerwehr. Das Gebäude fiel in sich zusammen, riss einen Krater auf. Teilweise kippten Trümmer nach vorn auf die Straße. Zwei Menschen werden zur Stunde immer noch unter dem tonnenschweren Schutt vermutet.

"Es kann nicht sein", sagte nun am Mittwochmorgen Oberbürgermeister Schramma in der Kraterlandschaft der Severinstraße, dass durch die U-Bahn-Bauarbeiten "Menschen gefährdet" würden. Das Stadtarchiv sei ja "nicht das einzige Haus, das Risse zeigt und das Schäden zeigt". Es müsse grundsätzlich geprüft werden, ob man in Zukunft in bewohnten Städten U-Bahn-Bauten in einem solchen Ausmaß durchführen könne und solle.

Auch Stadtdirektor Guido Kahlen (SPD), Leiter des Krisenstabes, räumt ein, der U-Bahn-Ausbau sei "mit Sicherheit nicht gerade eine Erfolgsgeschichte", die Menge an Vorfällen im Umkreis der Bauarbeiten sei "in der Tat beunruhigend".

Durch die unterirdische U-Bahn-Erweiterung waren in etlichen Kölner Gebäuden, darunter mehrere alte Kirchen, Risse entstanden. Selbst in seinen eigenen vier Wänden bekam Oberbürgermeister Schramma die Folgen der Bauarbeiten zu spüren - im historischen Rathaus entstanden durch Absenkungen um sieben Millimeter massive Risse in den Wänden.

Doch ein Baustopp scheint vorerst nicht zur Diskussion zu stehen. "Wir haben das sorgfältig diskutiert und sind zu dem Ergebnis gekommen, das ein Baustopp die falsche Entscheidung wäre", sagt der Vorstandssprecher der Kölner Verkehrsbetriebe (KVB), Jürgen Fenske.

Der Ingenieur Ulrich Mann wurde vom Baunehmer KVB für die Begutachtung aller Schäden eingesetzt, die im Laufe der Bauarbeiten entstehen. "Hunderte" Beanstandungen habe es schon gegeben, sagte Mann SPIEGEL ONLINE, allerdings habe es sich jeweils um kleinere Schäden gehandelt. "Es kann sein, dass mal eine Wohnung aufwendiger renoviert werden musste, aber von einer Räumung oder Dramatischerem habe ich nichts gehört."

Die kleineren Risse in den Gebäuden seien "im Toleranzbereich" und das, "was bei einem solchen Projekt nun mal passiert". Es sei letzten Endes eine gesellschaftspolitische Frage, ob man das technische Restrisiko, das es bei allen Projekten solcher Art nun mal gebe, zu tragen bereit sei.

Rolf Papst, Bauleiter der Nord-Süd-Bahn, verteidigt sein Projekt: "Wir haben keine Hinweise auf konkrete Gefährdungen an weiteren Stellen."

Schrammas politischer Konkurrent Jürgen Roters, SPD-Kandidat bei der Oberbürgermeisterwahl im Juni dieses Jahres, lehnt einen Baustopp kategorisch ab: "Ich halte das für nicht akzeptabel" sagte Roters. "Dass wir jetzt in eine Denkpause einlegen ist richtig, aber es kann nicht sein, dass man von dem ganzen Projekt Abstand nimmt, jetzt, da schon so viele Steuergelder verbaut wurden."

Unter Aufbietung eines Höchstmaßes an Sicherheit, so Roters, "sollten wir alles tun, um dieses wichtige Projekt zu Ende zu bauen. Jetzt zu sagen, 'Wir machen Schluss', das ist ein bisschen hilflos."

Ähnlich sieht das Stavros Savidis, Professor für Grundbau und Bodenmechanik an der Technischen Universität Berlin. "Die Rahmenbedingungen für den Bau der Nord-Süd-Bahn sind äußerst schwierig, aber es wäre das Falscheste, was man machen kann, das Projekt deshalb aufzugeben."

Schließlich seien die eigentlichen U-Bahn-Schächte bereits fertig erstellt - es gehe ja nur mehr noch um den Ausbau der Haltestellen. "Man kann ja nicht einfach eine halbfertige U-Bahn unter der Erde liegen lassen", sagte Savidis. Nach seiner Einschätzung würde die Stadt Köln keine Kosten sparen, wenn der Bau jetzt gestoppt würde. "Ob man das Projekt zu Ende führt oder es so lässt, wie es jetzt ist und dann aufwendig absichert - es würde annähernd das gleiche kosten."

Selbst die Anwohner scheinen an dem Projekt Nord-Süd-Bahn festhalten zu wollen, dass ihnen seit Jahren Ärger beschert hat. "Wir müssen das hier jetzt zu Ende bringen", sagt Thorsten Fröhlich, Einzelhändler und stellvertretender Vorsitzender der Interessengemeinschaft Severinsviertel. "Und in zwei Jahren haben wir dann hoffentlich eine tolle neue U-Bahn."

Hinter den Baustopp-Überlegungen seines Oberbürgermeisters vermutet Fröhlich nicht nur hehre Motive: "Er will wahrscheinlich einfach ein Zeichen im Wahlkampf setzen."

Historisches Archiv der Stadt Köln
Geschichte
Die Anfänge des Archivs reichen in das frühe 12. Jahrhundert zurück. Die für die Stadt wichtigen Schriftstücke hatten 1322 noch Platz in einer Kiste im Hause eines Patriziers , wuchsen aber zeitgleich mit Kölns Entwicklung zur freien Reichsstadt rasch an. Als der Rat 1406 den Bau des Rathausturms beschloss, gehörte zum Bauprogramm auch ein Archivgewölbe. Damals wurde das erste, noch heute erhaltene Archivinventar angelegt.
Den Zweiten Weltkrieg hatten die ausgelagerten Archivbestände ohne Verluste überstanden. Dagegen sind die damals noch in den städtischen Dienstgebäuden lagernden Akten aus der Zeit der Weimarer Republik seit etwa 1927 und der NS-Zeit während des Krieges weitgehend vernichtet worden.
Das Haus beherbergt zahlreiche Schätze der Kultur-, Kirchen- und Verwaltungsgeschichte. Zum Bestand gehören Herrscherurkunden und zahlreiche kostbare Handschriften . Köln ist nach Angaben von Historikern auch eines der wichtigsten Archive der deutschen Hanse , weil 1593/94 auf Beschluss des Hansetages die Urkunden und Akten des seinerzeit größten Kontors , das in Antwerpen lag, in die sicheren Mauern Kölns gebracht wurden.
dpa
Bestände
Das Archiv umfasst Dokumente aus über tausend Jahren Kölner, rheinischer und preußischer Geschichte . Mit der Ernennung Leonard Ennens zum ersten Kölner Stadtarchivar 1857 wurde der Ausbau des Archivs wesentlich auf den Weg gebracht. Mehr als 65.000 Urkunden aus dem Raum Köln ab dem Jahr 922, 104.000 Karten und Pläne, 50.000 Plakate und rund eine halbe Million Fotos. Zudem sind dort 780 Nachlässe und Sammlungen, unter anderem von Literaturnobelpreisträger Heinrich Böll gelagert worden.
dpa

© SPIEGEL ONLINE 2009
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.