Stasi bei "Bild" DDR-Opfer greifen Springer an

"Stasi-Mitarbeiter aus dem Chefsessel!" fordern DDR-Opferverbände vom Axel Springer Verlag und protestieren gegen einen ehemaligen Stasi-IM , der zum stellvertretenden Bild-Chefredakteur wurde.

Von Holger Kulick


Dauerthema nicht nur im Karneval: Die Stasiakten und ihre Folgen
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Dauerthema nicht nur im Karneval: Die Stasiakten und ihre Folgen

Berlin - Wie sich die Zeiten wandeln. Gerade erst hat sich der Springer-Verlag über das Buch des ehemaligen Gauck-Behörden-Mitarbeiters Hubertus Knabe gefreut, der aus Stasiaktensicht beschreibt, wie sich Westjournalisten und Westlinke angeblich von der DDR-Staatssicherheit benutzen ließen. "Wie die Stasi die Hetze gegen Springer steuerte", meldete die "Bild"-Zeitung vor rund zwei Monaten, in Rückerinnerung an 1968, als Studenten das Springerhaus in Berlin belagerten - angeblich von stasinahen Schreibern aufgehetzt. Jetzt, 33 Jahre später ist wieder eine Demonstration vor dem Springer-Hochhaus in Berlin angekündigt - sicherlich sehr viel kleiner, und den Stasibezug gibt es auch. Doch nun protestieren Stasiopfer - gegen "Bild".

Stellvertretender Chefredakteur war als Spitzel registriert

Der Bund der Stalinistisch Verfolgten (BSV) hat angekündigt, sich heute Vormittag mit Flugblättern über den stellvertretenden "Bild"-Chef Klaus-Dieter Kimmel zu beschweren, der sich zweimal bei der Stasi als Informant verpflichtet hatte. Einmal zwischen 1974 und 1977 als Sportreporter der Ostberliner Zeitung "Junge Welt" mit dem Tarnnamen IM "Fuchs", dann erneut von 1988/89 als IM "Martin Meinel". Wertvolle Dienste soll er geleistet haben, lobte die Stasi, andererseits trennten sich beide Seiten 1977 voneinander, weil damals keine zielstrebige Arbeit mehr mit Kimmel möglich gewesen sein soll.

Nach der Wende kam der zwischenzeitliche Chef des DDR-"Sportechos" 1991 zu "Bild", um sich ab 1992 als stellvertretender Chefredakteur um die neuen Bundesländer zu kümmern. 1999 wurde seine IM-Tätigkeit vom Deutschlandfunk enttarnt, und Kimmel verließ seinen Sessel. Zum 1. April diesen Jahres stellte ihn allerdings "Bild"-Chef Kai Diekmann wieder ein, weil er sich sicher ist, dass "Umfang und Umstände seiner Tätigkeit eine Trennung nicht gerechtfertigt" hätten.

Opferverbände misstrauen Kimmel

Tatsächlich beteuerte Kimmel, "nie Informationen über Personen weitergegeben zu haben, die diesen Schaden zugefügt hätten". Eine Reihe von DDR-Opferverbänden sieht das allerdings anders und verweist auf mindestens zwei Fälle. Sehr wohl hätte Kimmel Informationen von "strafrechtlicher Relevanz" gegeben, beschwerten sich der Bund Stalinistisch Verfolgter (BSV), die Vereinigung Help und das Bürgerkomitee Leipzig bei "Bild". BSV-Chef Hans Schwenke ärgert sich, dass die Zeitung ihre Zuständigkeit für die neuen Bundesländer ausgerechnet einem ehemaligen Stasi-Spitzel überlasse.

Er will denn heute auch vor dem Springerhaus demonstrieren, weil er von "Bild" die gleiche Konsequenz erwartet, wie sie unlängst die Ost-Illustrierte "Super-Illu" bewiesen hat. Die entließ umgehend ihre stellvertretende Chefredakteurin Sabrina Stechel alias Stasi-IM "Anne", die erst jetzt enttarnt worden war. Genüsslich registrierten Redakteure der Ostpostille, dass sie bis 1996 Stellvertreterin von Klaus-Dieter Kimmel in der Chefredaktion der Ost-Ausgabe der "Bild"-Zeitung war. Eine Weiterbeschäftigung wäre "für unsere Glaubwürdigkeit nicht zumutbar" gewesen, begründete der Chefredakteur von "Super-Illu". Anders bei "Bild".

Gutachten soll klären

Der Verlag freue sich sogar, teilte das Boulevard-Blatt Anfang März mit, Kimmel als Mitarbeiter zurückgewonnen zu haben. Seine "Kompetenz und Erfahrung" könnten von "hohem Nutzen" sein. Zur Beruhigung der "Bild"-Kritiker aus DDR-Bürgerrechtler-Kreisen soll allerdings noch ein Gutachten erstellt werden, von Hubertus Knabe, dem nicht unumstrittenen Buchautor über die Stasi und die Westjournalisten, auf dessen wenig wissenschaftliche Urteilsfähigkeit sich der Springer Verlag derzeit gerne beruft. Allerding hat Friede Springer Knabe persönlich um das Gutachten gebeten - ein Hinweis darauf, dass die Entscheidung von Bild-Chefredakteur Diekmann, den stasibelasteten Klaus-Dieter Kimmel wieder einzustellen, hausintern noch umstritten ist.

Neuer Stasi-Kurs bei "Bild"?

Dass man sich aber vor Stasiakten nicht mehr fürchten muss, machte "Bild" derweil auf eigene Art deutlich. Gestern stellte sie einem Artikel über Katarina Witts Klage gegen die Weitergabe ihrer Stasiakten an Journalisten die freche Überschrift voran: "Wovor haben Sie Angst, Kati Witt?". Und vor einer Woche ging "Bild" im Vergleich mit anderen Zeitungen des Springer-Konzerns anerkennend und verständnisvoll mit Gerhard Schröder um, der zum Entsetzen von DDR-Bürgerrechtlern die Stasi-Mitarbeit einer seiner Cousinen aus dem Osten damit entschuldigte, dass ihm dies auch hätte passieren können: "Wüsste ich denn, ob ich in einem solchen System hätte widerstehen können?", zitierte ihn "Bild" und verkündete die pastorale Kanzler-Weisheit: "Wer von euch ohne Fehl ist, der werfe den ersten Stein."

P.S: Wie die Demo vor dem Springerhaus ausging? Um 10 Uhr erschienen sechs Teilnehmer, die etwa 200 Flublätter an Verlagsmitarbeiter verteilten. Dann rief der Wachschutz die Polizei und Veranstalter Schwenke bekam eine Anzeige, weil seine Demonstration nicht genehmigt war. Um 11 Uhr war der Spuk somit für den Springer Verlag beendet. Niederschlag in der Bild-Zeitung fand die Aktion nicht.



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