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Kunstaktion in Kirche: Die heilige Mähsse von Goldscheuer

Von

Kirche in Goldscheuer: Eine Kirche voller Schafe Fotos
Oliver Rath

Die Kirche im baden-württembergischen Goldscheuer wäre beinahe geschlossen worden, dann gestaltete der Künstler Stefan Strumbel sie spektakulär um. Fertig ist er mit dem Haus noch nicht: Nun brachte er zwei Schafherden in den sakralen Bau, das Osterlamm lässt grüßen.

Hamburg - Die Kirche des Dorfes Goldscheuer nahe Offenburg ist rund 60 Jahre alt, ein nüchterner Bau, wie es ihn zu Hunderten in Deutschland gibt. Doch "Maria, Hilfe der Christen" ist keine gewöhnliche Kirche mehr. Vor kurzem trabten zwei Herden Schafe in den Innenraum und blökten und fraßen dort zwei Stunden lang, aber dazu gleich.

Regelmäßig parken hier Reisebusse, Menschen kommen, um zu bewundern, was werden kann aus einer Kirche, die lange Zeit kaum jemand mehr von innen sehen wollte. Das Ordinariat in Freiburg wollte sie vor rund vier Jahren schließen, der Renovierungsbedarf war groß, die Zahl der Menschen in der Messe sehr klein.

Die Rettung war spektakulär: Pfarrer Thomas Braunstein fand in Stefan Strumbel einen mutigen und zugleich sensiblen Künstler, der den Kircheninnenraum komplett umgestaltete: eine Madonna als Graffiti, Lichteffekte mit Leuchtdioden, moderne Streifenoptik an den Seiten. Das Ziel: Die Menschen sollten ihre Dorfkirche als ihr gemeinsames Zentrum wiederentdecken.

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Rettung einer Dorfkirche: Die kleine Revolution von Goldscheuer
Braunstein redete schon damals mit leuchtenden Augen über die Graffiti in seiner Kirche, und wenn man ihn heute sprechen hört, scheint seine Begeisterung noch größer. "Der Gottesdienst macht richtig Laune, es ist ein anderes Miteinander, der Raum strahlt Freude aus", sagt er. Im Dorf herrsche Aufbruch, in die Gottesdienste kämen nun doppelt so viele Gläubige wie vor der Renovierung. Das mag in absoluten Zahlen nicht viel sein, aber welcher Pfarrer einer Dorfkirche kann so etwas von sich behaupten?

Vor kurzem nun war die Kirche voll besetzt: Zwei Hirten ließen ihre insgesamt gut 50 Schafe in den Saal. Anhänger parkten direkt vor dem Eingang, die Schafe sprangen raus und rein ins Gotteshaus. "Richtig speedmäßig", sagt Braunstein. Publikum war nicht anwesend, ein Fotograf und Strumbel machten Aufnahmen, eine Ausstellung soll folgen.

Wieder eine Zusammenarbeit von Pfarrer und Künstler. Hier die Lammsymbolik, der gute Hirte, das Opfer, Agnus Dei. Dort der Wille, sich mit dem Glauben und seinen Symbolen in ungewöhnlicher Form auseinanderzusetzen.

SPIEGEL ONLINE: Herr Strumbel, wie kommt ein Nicht-Christ auf die Idee, eine Schafherde in eine Kirche zu scheuchen?

Strumbel: Ich bin ja nicht Atheist, sondern Anti-Theist, also jemand, der mit Gott ringt. Wenn ich ein Kirchenschiff betrete, herrscht dort eine Macht, die für mich sehr inspirierend ist. Keine Symbolik ist so aufgeladen wie die religiöse, deshalb arbeite ich so gerne mit ihr.

SPIEGEL ONLINE: Und so kamen Sie auf das Lamm Gottes?

Strumbel: Genaugenommen auf den Brauch, der aus diesem Symbol entstand: Das gebackene Osterlamm, das zum Fest verspeist wird. Daran wollte ich erinnern, denn heute gibt es das nur noch als Backware aus feinstem Biskuit.

SPIEGEL ONLINE: Ist das so schlimm?

Strumbel: Das ist nicht schlimm, aber mich interessieren Traditionen und Bräuche. Da steckt so viel Bedeutung drin, sie sind Teil der Heimat von Menschen. Ich möchte die Leute daran erinnern und ihnen einen Anstoß geben, sich damit auseinanderzusetzen.

SPIEGEL ONLINE: Die Kirche von Goldscheuer sollte eigentlich schon geschlossen werden, Sie haben den Bau 2011 in Ihrem Stil runderneuert. Die Begeisterung war anfangs groß im Dorf. Was hat sich seither getan?

Strumbel: Die Menschen kommen mittlerweile aus ganz Europa, um hier transzendente Erfahrungen zu machen. Das Gästebuch ist voll mit Einträgen von Leuten aus aller Welt. Für mich ist alles aufgegangen: Ich habe einen Ort geschaffen, an den die Leute immer wieder zurückkehren, um ihren Glauben zu leben.

SPIEGEL ONLINE: Aber kommen die Leute aus dem Dorf wieder häufiger in die Kirche?

Strumbel: Frauen aus Goldscheuer schließen am Wochenende die Kirche auf und geben Führungen, die Leute sind wieder stolz auf ihre Kirche. Und die Kirche ist ausgebucht mit Hochzeiten.

SPIEGEL ONLINE: Aber ist es nicht so, dass die Besucher jetzt wegen ihrer Kunst kommen, und nicht zum Gebet oder zur Messe?

Strumbel: Der Musiker und Dirigent Nikolaus Harnoncourt hat einmal gesagt, die Kunst ist die Nabelschnur, die uns mit dem Göttlichen verbindet. Und wenn sie die Menschen, die in die Kirche gehen, beim Suchen und Bitten um Einsichten unterstützt: umso besser.

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insgesamt 4 Beiträge
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1. Oh, oh, oh.
udo46 20.04.2014
Zitat von sysopOliver RathDie Kirche im baden-württembergischen Goldscheuer wäre beinahe geschlossen worden, dann gestaltete der Künstler Stefan Strumbel sie spektakulär um. Fertig ist er mit dem Haus noch nicht: Nun brachte er zwei Schafherden in den sakralen Bau, das Osterlamm lässt grüßen. http://www.spiegel.de/panorama/stefan-strumbel-bringt-schafe-in-kirche-von-goldscheuer-a-965054.html
Oh, oh, oh. Wenn da nicht mal der Schuss nach hinten losgeht. Das videoaufgezeichnete Happening mit den Schafen ist doch wirklich zu entlarvend. Und die Kirche ist eine Mischung aus Kunst, Kitsch, Museum und Touristenattraktion. Der Erzbischof wird vermutlich "not amused" sein. Der "Anti-Theist" Strumbel ist wohl eher die fünfte Kolonne des Satans. ;-)
2. Da hat die Kirche ja...
equinoxx 20.04.2014
...ihre dummen Schafe. Und die können nicht einfach weglaufen.
3. uiuiui
tadamtadam 20.04.2014
da hat er aber was falsch verstanden, der herr künstler. ein "anti-theist" ist jemand, der nicht nur nicht an gott glaubt, sondern auch komplett dagegen ist, dass es einen gibt. wenn er sagt, dass er "mit gott ringt", dann könnte er auch katholik sein.
4. Glaube, Hoffnung und Demokratie
audrey777 21.04.2014
Liebe Herren, als absoluter Laie auf dem Gebiet Kunst und Kirche erscheinen mir Ihre Kommentare als sehr zweifelhaft und lahmend. Denn geht es nicht auch darum an etwas zu Glauben, dies festzuhalten und den Mut haben es umzusetzen. Kunst ist Geschmacksache das stimmt und jeder hat das Recht seine Meinung zu aeussern. Aber Menschen mit Satan etc. zu vergleichen hat nichts damit zu tun. Die Fakten sind doch: das Dank dieser "erneuerten" Kirche immer mehr Menschen Freude und Hoffnung darin finden besonders auch die jungen. Es muss nicht jedem gefallen da bin ich bei Ihnen, aber es sollte einem auch nicht gefallen etwas zu verurteilen was man mit eigenen Augen noch nicht gesehen hat. Oder waren Sie schon in der Kirche,,,das Sie das was anderen viel bedeutet als Kitsch abtun? Wir sollten doch allem einen Chance geben bevor wir es verurteilen und zerstören. Ich kann nur sagen ich habe die Kirche mit eigenen Augen gesehen und ich war sehr skeptisch, doch das Gefuehl was ich in dieser Kirche waehrend des Gottesdienst hatte, hatte ich bisher in noch keiner Kirche denn die Kirche spiegelt das um was es geht,,,keine mit Gold ueberhaeuften Altare, sondern der Mut etwas neues zu Wagen und die Hoffnung ganz neue Menschen damit zu erreichen. Und wenn ich diesen Satz lese denke ich,ich bin zum Experten geworden denn genau um das Gefuehl von Geborgenheit, geht es fuer mich im Glaube und das Gefuehl von Begeisterung will ich bei der Kunst spüren. Das habe ich beides an diesem Ort erfahren. Aber das ist meine Meinung und ich kann Ihnen nur ans Herz legen sich davon zu ueberzeugen oder auch nicht indem Sie es mit Ihren eigenen Augen sehen. Ich wuensche Ihnen allen ein schoenes Osterfest.
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