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Sterbehilfe: Letzte Ausfahrt Parkplatz

Von Alexandra Sillgitt

Der begleitete Selbstmord zweier Deutscher auf einem Waldparkplatz in der Schweiz hat scharfe Kritik ausgelöst. Politiker, Ärzte und Kirchenvertreter griffen die Sterbehilfeorganisation Dignitas an. Deren Gründer konterte, er habe keine andere Wahl gehabt.

Hamburg - "Dignitas geht es doch nur ums Töten mit möglichst schnellem Durchlauf", sagte der Vorstand der Deutschen Hospizstiftung, Eugen Brysch, SPIEGEL ONLINE. "Dem Sterbetourismus muss ein Riegel vorgeschoben werden." Die Organisation glaube zwar Menschen zu helfen, doch sie würde nur die Schwächsten der Schwachen ausnutzen und ihnen "die einfachste Lösung anbieten", sagte Brysch - den Freitod.

Parkplatz in Deutschland: "Möglichst schneller Durchlauf"
DPA

Parkplatz in Deutschland: "Möglichst schneller Durchlauf"

Auch SPD-Rechtsexperte Dieter Wiefelspütz schloss sich der Kritik an: "Das ist menschenunwürdig und nicht akzeptabel", sagte er der "Neuen Presse". Momentan versuchen Hessen, Saarland und Thüringen über eine Bundesratsinitiative die geschäftsmäßige Vermittlung der Selbsttötung zu verbieten. "Wir sollten alle Register ziehen, um Dignitas das Handwerk zu legen", forderte Wiefelspütz. Ärztepräsident Jörg-Dietrich Hoppe warf dem Sterbehilfeverein Dignitas "Geschäftemacherei unter dem Deckmantel der Nächstenliebe" vor.

Die begleitete Sterbehilfe auf einem Parkplatz ist der Höhepunkt einer Irrfahrt der Organisation, die in den vergangenen Wochen immer mehr Schwierigkeiten hatte, Räume für ihre Arbeit zu finden. Begonnen hatte alles damit, dass Anwohner der Zürcher Wohnung von Dignitas über den dort betriebenen Sterbetourismus beschwerten, über Ausländer, die im Rollstuhl ins Haus gefahren und im Sarg hinausgetragen wurden.

Die Organisation suchte neue Räume, doch die Zürcher Gemeinden Stäfa, Schwerzenbach und Maur verboten, dass sich der Verein in Wohn- und Industriegebieten einmietete. Daraufhin stellte Dignitas-Gründer Ludwig A. Minelli auch schon mal die eigene Wohnung zur Verfügung.

Zuletzt buchten die Sterbehelfer Hotelzimmer, ohne dass dort jemand etwas von dem Treiben wusste. Vorläufige Endstation für Dignitas: Ein beschaulicher Waldparkplatz in der Gemeinde Maur, Wohnort Minellis.

Diskussion im Dignitas-Forum

Seit Wochen diskutieren Mitglieder im Forum der Organisation weitere Möglichkeiten, den Betrieb aufrechtzuerhalten. Ein User regte beispielsweise an, doch "einen Aufruf unter Mitgliedern zu starten, wer seine Wohnung zur Verfügung stellt", als eine Art "Überbrückungslösung".

"Ich mag mir gar nicht vorstellen, was sich Dignitas als nächstes einfallen lässt", sagte der Vorstand der Deutschen Hospizstiftung Brysch und erinnert an Philip Nitschke, einen australischen Arzt bekannt als "Dr. Death". Vor sechs Jahren hatte der Sterbe-Aktivist verkündet, ein "Euthanasie-Schiff" unter holländischer Flagge in internationalen Gewässern betreiben zu wollen, um nationalen Gesetzen zu entfliehen. Sterbehilfe auf hoher See - ein Vorschlag, der auch im Dignitas-Forum kursiert.

Man habe ihnen doch gar keine andere Wahl gelassen, als auf den Parkplatz auszuweichen, beschwerte sich Minelli gegenüber der "Neuen Zürcher Zeitung". Der Tod auf dem Waldparkplatz - seiner Meinung nach das Ergebnis einer Kampagne der Medien gegen seinen Verein.

Tod zwischen Mülltonne und Grünstreifen

Am 29. Oktober soll sich der erste Fall ereignet haben. Just an dem Tag, als sich der Zürcher Kantonsrat gegen ein Verbot des Sterbetourismus aus dem Ausland ausgesprochen hatte - mit 82 zu 80 Stimmen. Nun soll die Zahl der begleiteten Suizide auf zwölf pro Jahr und Sterbehelfer beschränkt werden. Dignitas lehnt das ab. Der Organisation zufolge besteht aus dem Ausland eine stetige Nachfrage nach Sterbebegleitung. Im Jahr 2006 nahmen 120 Deutsche die Dienste Dignitas' in Anspruch.

Wie verzweifelt die Klienten der Organisation sein müssen, zeigt der Fall der beiden Deutschen, die dem Tod zwischen Mülltonne und Grünstreifen zustimmten. Die 50- und 65-Jährigen reisten am Montag und Mittwoch vergangener Woche aus Bayern und Baden-Württemberg in die Schweiz. Anzunehmen, dass ihnen auf dem Parkplatz ein Sterbehelfer zehn bis 15 Gramm des Narkosemittels Natrium-Pentobarbital in einem Deziliter Wasser auflöste. Die tödliche Mixtur mussten sie dann selbst trinken - das schreibt zumindest das Schweizer Gesetz vor. Sie schliefen ein, fielen ins Koma und starben im Auto.

"Menschenwürdig leben, menschenwürdig sterben" - der Slogan, mit dem Dignitas auf der Homepage für seine Dienste wirbt. Im Mai 1998 gegründet will sie den Statuten zufolge sicherstellen, "dass die Freitodhilfe auf eine Art und Weise angeboten wird, die von Anstand, Würde und Zurückhaltung geprägt ist".

Doch die Sterbehilfe auf dem Parkplatz "ist genau die Art eines menschenunwürdigen Sterbens, die in Dignitas von Anfang an angelegt gewesen sind", sagte Margot Käßmann, Bischöfin der evangelischen Landeskirche von Hannover in der "Neuen Presse".

mit Material von dpa und ddp

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