Sterbehilfe-Debatte Ein Ende in Würde und Geborgenheit

Zwei Drittel der Deutschen befürworten die aktive Sterbehilfe. Dafür brauchen Patienten einen Arzt, der Grenzen akzeptiert - aber kein neues Gesetz.

Sterbebegleitung: Was soll der Arzt künftig für uns sein?
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Sterbebegleitung: Was soll der Arzt künftig für uns sein?

Ein Essay von Gunda Trepp


Zur Autorin
  • Gunda Trepp, 56, hat nach Jurastudium und Ausbildung an der Henri-Nannen-Journalistenschule als Anwältin und Redakteurin gearbeitet. Sie lebt als Autorin in San Francisco. 2007 erschien im Herder Verlag ihre Auseinandersetzung mit dem Tod ihres ersten Mannes, der 1996 an einem Hirntumor starb.
Anfang Juli 1995 erhielten wir die Diagnose: Mein Mann litt an einem Glioblastom, einem bösartigen hirneigenen Tumor, der unheilbar ist. Die Ärzte entfernten in einer Operation den Großteil des Tumors, doch er sollte wieder wachsen. Schnell. Mit Bestrahlung hätte mein Mann womöglich noch ein Jahr gehabt, ohne vielleicht ein halbes. Er dachte nicht lange nach. "Ich will nur eines", sagte er, "nach Hause." Dort schlief er, sechseinhalb Monate später, in meinen Armen ein. Im Wohnzimmer, neben seinem Klavier, den Hund unter seinem Bett.

Starb er an dem Tumor? Weil er nicht künstlich ernährt und unterversorgt wurde? Oder blieb sein Herz wegen des Morphiums stehen? Ich weiß es nicht. Und es hat nie jemanden interessiert. Die Familie nicht, unseren Arzt nicht. Obgleich wir uns juristisch gesehen in der Grauzone bewegten.

Die soll es nun nicht mehr geben. Noch in diesem Jahr wollen die Bundestagsabgeordneten entscheiden, ob ein Arzt künftig grundsätzlich einem unheilbar kranken Patienten beim Suizid helfen darf. Indem er ihm zum Beispiel das notwendige Gift besorgt. Oder ob man den assistierten Suizid konsequent verbieten soll. Am Donnerstag sollen die fraktionsübergreifenden Gesetzentwürfe erstmals im Bundestag diskutiert werden.

Eine Frage des Gewissens

Das Ziel ist eine klare Regelung, die Grauzone soll beseitigt werden. Dabei haben die Abgeordneten selbst bereits dokumentiert, dass man diese Fragen nicht allgemeingültig entscheiden kann. Nicht im Bundestag. Und nicht jetzt.

Ihre Debatte über Sterbehilfe im vergangenen November war wahrscheinlich die würdigste nach der Wiedervereinigung. Doch gleichzeitig hat das, was diese Aussprache so seriös machte, so einzigartig, auch ihre Unauflösbarkeit gezeigt. Ohne Fraktionszwang sprachen hier Töchter, Söhne und Enkel, Angehörige und Freunde, die andere durch eine tödliche Krankheit verloren und ihre ganz eigenen Schlussfolgerungen daraus gezogen hatten.

Und wenn man das Protokoll zur Debatte liest, erstaunt es einen nicht, dass der CDU-Politiker die Sicht der Linken respektiert und umgekehrt. Sie sprachen zueinander als Menschen, verwundbar, verunsichert. Und beide hatten recht. Und anders als es hier gehandhabt worden ist, anders als individuell, kann man die Frage nach der Legitimität von Sterbehilfe nicht beantworten. Der große Denker Heinz von Foerster hat von den "prinzipiell unentscheidbaren Fragen" gesprochen, von Problemen, die wir nicht mit Wissen, sondern nur mit dem Gewissen lösen können.

Wie wir mit unserem Lebensende umgehen, muss ein jeder, eine jede für sich selbst entscheiden. Das ist der Grund dafür, dass der Gesetzgeber die Selbsttötung nicht verbietet. Sie mag schmerzhaft sein für die Mitmenschen, sie mag Werte ankratzen. Letztlich aber muss jeder Einzelne aushalten können, mit sich zu leben, mit seinen Ängsten und seinen Krankheiten. Und wenn er oder sie es nicht mehr kann, müssen die Hinterbliebenen das akzeptieren.

Das Versprechen

Doch soll man daraus ein Recht konstruieren? Einen Anspruch darauf, dass andere dem Einzelnen helfen, seine Entscheidung umzusetzen? Er kann bitten, und die anderen können darauf eingehen. Ohne sich strafbar zu machen. Auch der Arzt darf das heute schon. Zumindest dem Strafgesetzbuch nach. Dass er standesrechtlich dafür in einigen Bundesländern seine Approbation verlieren könnte und in anderen nicht, ist eine Ungereimtheit, die dringend von den Ärztekammern geklärt werden sollte. Dazu sind sie da.

Doch wenn nun schon der Gesetzgeber erwägt, es für alle eindeutig festzuzurren, sollten wir dann nicht zumindest als Gesellschaft vorher einige Dinge klären? Zum Beispiel, was der Arzt künftig für uns sein soll? Wie seine Rolle aussähe, wenn er offiziell, in einem Bundesgesetz sanktioniert und in Einzelschritten vorgegeben, auch der Todesengel sein könnte?

In der Sterbezeit meines Mannes wurde der Arzt, der die Praxis in unserem Ort gerade erst übernommen hatte, zu unserem wichtigsten Beistand. Ohne Gesetz. Ohne Gift. Er half seinem Patienten beim Sterben, indem er ihm das Leben erleichterte. Ihn interessierte allein, ob mein Mann sich wohlfühlte. Er verschrieb ihm ein homöopathisches Mittel, an dessen Wirkung er nicht glaubte. Mein Mann wollte es so.

An einem Nachmittag saßen mein Mann und ich am Esstisch nebeneinander, als er plötzlich meine Hand festhielt, mir direkt in die Augen schaute und sagte: "Ich möchte nicht künstlich ernährt werden. Ich möchte nicht beatmet werden. Und ich möchte nicht ins Krankenhaus. Versprich mir das." Ich versprach es. Gut drei Wochen später zerstörte der Krebs seinen Schluckmechanismus vollends, ihm wurde eine Magensonde für die Medikamente gelegt. "Damit können Sie ihn nun auch künstlich ernähren", sagte der Arzt. Ich lehnte ab. Er nickte nur.

Das Umdenken der Mediziner

Ich konnte meine Versprechen halten, weil der Arzt auf unserer Seite stand, auf der Seite seines Patienten. Weil er das Sterben als etwas ansah, dem Würde gebührt und Achtung. Weil er es als Teil des Lebens betrachtete. Er hörte zu.

In den letzten Tagen war mein Mann nicht mehr bei Bewusstsein, einmal stöhnte er, und ich hatte Angst, dass er Schmerzen haben könnte. Ich rief den Arzt an, der mir schon einige Male erklärt hatte, dass Schmerzen bei dieser Menge an Morphium eigentlich ausgeschlossen seien. Doch ich war verzweifelt, und wahrscheinlich hörte ich mich verzweifelt an. Und er respektierte meine Ängste und sagte: "Sie sind am nächsten dran. Erhöhen Sie die Dosis." Vielleicht war es zu viel, vielleicht auch nicht. Ihm war wichtig, dass ich ruhig und gelassen blieb und meinem Mann Geborgenheit vermittelte. Sonst nichts. Mein Mann starb zwei Tage später.

Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 46 Beiträge
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Seite 1
carrion 01.07.2015
1. bezeichnend...
die stille im forum. der tod mag ein meister aus deutschland sein, aber die deutschen beschäftigen sich eher ungern mit ihm, auch wenn ihm jeder irgendwann begegnet; indirekt früh, via groß/urgroßeltern, haustiere, wildtiere, käfer, freunde. die inhärente sterblichkeit allen lebens begreifen eigentlich alle recht früh. aber von diesem wissen rückschlüsse auf die eigene existenz zuzulassen, das erlauben sich viele nicht. das ist nahezu tabu. deswegen kümmert sich auch niemand um patienten-verfügungen. wir haben hierzulande erprobte mittel, um mit dem unabwändbaren (beerdigungen, besuche auf intensivstationen) umzugehen; da werden tradition imitiert, anstand gewahrt, die tränen einzelner ausnahmsweise gnädig übersehen. die toten und sterbenden haben viel mehr aufmerksamkeit verdient, als man ihnen zugesteht. und das hat nichts mit morbidem voyeurismus zu tun, sondern sollte ureigenstes interesse eines jeden sterblichen individuums sein. zumindest die krankenschwestern wissen, wovon ich rede.
handschaltung 01.07.2015
2. Niemand
denkt gerne über den Tod nach. schon gar nicht über den eigenen. das erklärt wohl auch die Stille im Forum. je öfter ich über das Thema Sterbehilfe lese um so bewusster wird mir dass ich da etwas für mich regeln muss. auch wenn ich natürlich hoffe - wie jeder andere auch - einestages ganz normal abzutreten. Und dem Staat sein gesagt: es geht ihn nichts an, wenn ich irgendwann mal meinem Leben warum auch immer ein Ende setzten will.
gmbr 01.07.2015
3. Was gemacht werden muss,
ist eine individuelle Anpassung und Verständnis für jede Familie. Was hier wichtig ist zu verstehen: Familien und Angehörige wissen den Wunsch des Sterbenden und sie müssen auch mit dem wie so gut zurecht kommen damit es in diese sehr scheere Moment auch nicht die gesamte Zukunft belastet wird mit der Frage " wie hätte ich es besser machen sollen".
gutenmorgengutgeschlafen 01.07.2015
4.
Welch ein wunderbar einfühlender und bewegender Artikel. Und ich kann nur aus meiner Erfahrung bestätigen, dass es ein wahrer Segen ist, mitfühlende und zuhörende Ärzte und Pfleger zu haben, die Sterbende und Angehörige so respektvoll begleiten. Auf der Palliativstation hat man versucht, uns das Unerträgliche erträglich zu machen. Dazu gehört ab einem gewissen Punkt in erster Linie, dem Sterbenden den Schmerz zu nehmen. Und uns Angehörigen das Gefühl zu geben, einfach da sein zu können. Diese Debatte ist allein deshalb überfällig, damit die Ärzte und Pfleger die sich in ihrem Arbeitsalltag immer wieder mit emotional so anstrengenden Situationen auseinander setzen, auch in der Gesellschaft mehr Anerkennung erhalten.
Pfaffenwinkel 01.07.2015
5. Ein Tod in Würde
Wer möchte das nicht? Mit einer Patientenverfügung hoffe ich für mich, die Weichen hierfür gestellt zu haben.
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