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Sternenkinder: Wie aus Fehlgeburten Menschen wurden

Von Conny Neumann

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Sophie Kröher

Barbara und Mario Martin

Barbara und Mario Martin verloren drei Kinder während der Schwangerschaft und kämpften um deren Würde. Sie erreichten eine Gesetzesänderung, die alle Totgeburten zu Personen macht. Jetzt erzählen sie ihre bewegende Geschichte.

Viele, sehr viele finden Platz in diesem Buch. 1400 kleine Menschen, die zuvor nicht existiert haben. Ihr Vorname steht nun in goldener Schrift auf dunkelblauem Papier am Anfang und am Ende der Biografie von Barbara und Mario Martin: "Fest im Herzen lebt ihr weiter". Dahinter das Datum von Geburt und Tod, also nur ein Datum. Es sind die Namen von Sternenkindern, die ihre trauernden Eltern nachträglich dort hinschreiben ließen, von werdenden Babys, die selten ein Pfund Körpergewicht erreichten und im Mutterleib starben. Es sind in Deutschland mehr als 3000 jährlich.

Bis Mai dieses Jahres gab es sie nur in der Erinnerung ihrer Familien. Das, was von ihnen geblieben war nach der Totgeburt, nannten Kliniken Abort, Leibesfrucht, Ausschabung oder Verlust. Keinesfalls hatte dieses Etwas einen Namen oder das Recht, eine Person zu sein, die in ein Stammbuch eingetragen wird, die eine Frau und einen Mann zu Eltern macht und die bestattet werden darf. Bis vor wenigen Jahren galten die Totgeburten unter 500 Gramm als Klinikmüll und wurden mit amputierten Körperteilen auch mal zu Granulat für den Straßenbau verarbeitet.

Als ein Fernsehteam die emotionslose Entsorgung publik machte, fand in einigen Kommunen ein Umdenken statt. Einzelne Friedhöfe reservieren seither einen Platz zum Gedenken an die namenlosen Sternenkinder, den "Himmelskindergarten". Einige Bundesländer erlauben bereits eine Bestattung der winzigen Körper, falls ein Familiengrab vorhanden ist.

Das Recht auf ein eigenes Grab

Doch das Entgegenkommen galt als freiwillige Leistung. Das Ehepaar Barbara und Mario Martin aus Niederbrechen bei Limburg an der Lahn erfuhr 2007 und 2009, als sie drei Kinder verloren hatten, noch die ganze Grausamkeit des Systems. Danach begann ein langer und intensiver Kampf um die Würde ihrer Babys.

Das Paar aus Hessen wollte erreichen, dass alle tot geborenen Kinder als Person anerkannt werden, ganz gleich wie schwer sie bei der Geburt waren. Und dass alle Eltern, die in der Vergangenheit Sternenkinder betrauern mussten, diese nachträglich beim Standesamt eintragen lassen können. Am Ende fanden die Martins 40.000 Menschen, die ihre Petition an den Bundestag unterzeichneten, und erhielten Unterstützung von Bundestagsabgeordneten aller Parteien und vor allem von Kanzlerin Angela Merkel.

Im Januar wurde die Änderung des Personenstandsgesetzes beschlossen, seit Mai ist sie in Kraft.

Ehepaar Martin mit Angela Merkel: Erfolgreicher Kampf für Sternenkinder Zur Großansicht

Ehepaar Martin mit Angela Merkel: Erfolgreicher Kampf für Sternenkinder

Nun haben Eltern von Sternenkindern nicht nur das Recht, das Kind registrieren zu lassen und ihm einen Namen zu geben. Es darf auch ein eigenes Grab und eine eigene Bestattung haben. Die Geburtskliniken sind verpflichtet, jedes noch so kleine tot geborene Kind als Person zu behandeln und die Eltern über ihre Rechte aufzuklären.

Die Martins glauben heute, dass ihr Schicksal ihnen die Kraft gab, für alle Sternenkinder und ihre Eltern weiterzukämpfen. Das Paar verlor drei Kinder während der Schwangerschaft. 2007 Joseph-Lennard, der im siebten Monat durch eine Medikamentenallergie seiner Mutter zu früh geboren wurde und nicht überlebte. Der Junge hatte die magische 500-Gramm-Grenze nicht ganz erreicht. Die Klinik wollte das Kind entsorgen, doch die Eltern setzten im letzten Moment durch, dass er im Grab der Uroma bestattet werden konnte. Zwei Jahre später starben die Zwillinge. Tamino-Federico kam mit 290 Gramm Gewicht tot zur Welt, seine Schwester Penelope-Wolke wurde wenige Wochen später mit gut 500 Gramm geboren und lebte nur wenige Minuten.

Im Register des Standesamts ist sie das einzige Kind, das die Martins je hatten. Der Zwillingsbruder wurde von der Pathologie ungefragt seziert, um die Todesursache zu finden. Den Eltern überreichte man später einen zerschnittenen Körper.

Kampf für Mutterschutz

Wie sehr sie mit dem Schock und ihrer Trauer vom Klinikpersonal allein gelassen wurden und wie selbstverständlich man sich dort um eine schnelle Entsorgung der toten Kinder bemühen wollte, hat die Martins geprägt. Sie fühlten sich als Eltern völlig rechtlos und ohnmächtig.

Eine Erfahrung, die sie offenbar mit Tausenden Müttern und Vätern in Deutschland teilen. Ihre Homepage wurde bereits 800.000 Mal besucht.

Nun haben sich die Martins entschlossen, ihre Familiengeschichte in einem Buch zu erzählen. Doch sie legen nicht nur eine kurze Biografie vor, sondern auch einen Ratgeber für Eltern, die nach einer Totgeburt nicht wissen, welche Rechte sie haben, wohin sie sich wenden können oder wie sie die Trauer bewältigen. Darin sprechen sie auch etwas an, das womöglich Thema einer neuen Kampagne werden könnte: Einer Mutter, deren Kind mit einem Gewicht von unter 500 Gramm zu Welt kommt, wird kein Mutterschutz gewährt. "Allein die Sache mit dem Mutterschutz wäre ein Grund, eine zweite Petition einzureichen", schreibt das Ehepaar Martin in seinem Buch.

Der Adeo-Verlag, in dem das Buch erscheint, hatte auf Wunsch der Autoren auf seiner Homepage eingeladen, den Namen von Sternenkindern im Buch zu veröffentlichen. Schon nach wenigen Tagen musste die Liste geschlossen werden, alle Plätze im Buch waren vergeben.

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 34 Beiträge
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1. Merkwürdige Vorgehensweise
heinz.mann 31.10.2014
in einem Land in dem die CDU Schwangeren predigt nicht abzutreiben, da ja das Leben schon vorhanden sei, aber hinterher werden Frühgeburten in den Müll getan ?
2. Es gibt kaum ein Thema, welches so
static2206 31.10.2014
kontrovers diskutiert wird, als "ab wann ist es Leben" Aber unabhängig von diese Diskussion ob Fehl- und Totgeburten als Mensch angesehen werden sollen oder nicht, finde ich es gut, dass sie jetzt so behandelt werden. Denn so eine Bestattung hilft vor allem den Angehörigen ungemein mit der Situation zurecht zu kommen und das ist sehr wichtig.
3. Dank und Hochachtung
ed_wood 31.10.2014
an das Ehepaar Martin. Ich hätte nicht für möglich gehalten, dass dieser zynische u vollkommen empathielose Umgang mit trauernden Eltern u gestorbenen Kindern sogar gesetzeskonform war. Vielen Dank an die, die das geändert haben!
4. Endlich!
hasenherz 31.10.2014
Auch ich hatte 3 Frühgeburten in den Jahren 1992, 94 und 95. Meine ersten beiden Kinder waren ebenfalls Klinikmüll - zu diesem Zeitpunkt galt ein Kind unter 1 Kilo noch als Müll. Ich hatte erst bei meinem dritten Kind das Recht, sie zu beerdigen. Die Ahnungslosen kämpfen und schreien gegen Abtreibung - aber ein zu früh geborenes Kind ist Müll. Wir müssen mit unserer Trauer und Ausgeschlossenheit für immer leben.
5. Sprachlos.
manugel 31.10.2014
Als Vater kann ich das Leid der Eltern und die empfunden Hilflosigkeit gegenüber der kalten "Wegwerf-Behandlung" durch die Kliniken gut nachvollziehen. Hut ab vor so viel Engagement und Willensstärke trotz der durchgemachten schweren Zeiten. Ein bisschen Menschlichkeit in einer immer unmenschlicher werdenden Zeit. Danke.
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