Elterncouch

Elterncouch Die haben Launen

Höhen, Tiefen, Kind am Boden
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Höhen, Tiefen, Kind am Boden


Kinder werden erst in der Pubertät launisch? Von wegen. Schon Babys kriegen das unverschämt gut hin, findet Jonas Ratz - und schiebt das auf den Humor der Natur. Den schwarzen Humor.

    Kinder sind manchmal wahnsinnig süß - und manchmal machen sie uns wahnsinnig. Für SPIEGEL ONLINE legen sich eine Mutter und zwei Väter regelmäßig auf die Elterncouch.

    Jonas Ratz schreibt auf der Elterncouch im Wechsel mit Theodor Ziemßen und Juno Vai.

Menschen sind ja für vieles zu haben. Allein in einem Einbaum die Welt umrunden, den Mount Everest im Prinzessinnenkostüm besteigen - oder regelmäßig mit der Deutschen Bahn fahren, um den Kick des Ungewissen und der Gefahr zu spüren.

Mir reichen Kinder.

Allein die Launen: Wer denkt, die Höhen und Tiefen des allgemeinen Gemütszustandes würden erst in der Pubertät ausgelotet, also so ab zwölf Jahren, wundert sich, zu welchen Stimmungsschwankungen schon Babys imstande sind. Ich habe neulich gelesen, dass Neugeborene bei allen Empfindungen - also etwa Hunger, Durst, Müdigkeit - davon ausgehen, dass sie augenblicklich sterben müssen, wenn ihr Bedürfnis nicht sofort gestillt wird. Deshalb das mit dem Schreien.

Es hätte ja noch schlimmer kommen können

Vor Jahrtausenden war das sicher eine überaus nützliche Idee der Evolution. Aber heute? Als Erziehungsberechtigter sehe ich das inzwischen anders: Die Natur hat eben Humor. Und zwar tiefschwarzen. Der Schnuller liegt auf dem Boden? Die Windel ist voll? Und überhaupt: Irgendwas weicht vom gewohnten Schema ab? Die Reaktion folgt schnell und in der Regel mit einer Lautstärke, die einem Düsenflugzeug zur Ehre gereichen würde.

So war es bei Frederik, als er noch klein war. Inzwischen, mit vier, sind seine Launen vielschichtiger geworden: Statt An/Aus gehört nun auch der angedrohte Boykott zu seinem Repertoire: "Wenn du mir nicht noch eine Geschichte erzählst, darfst du mich nie wieder ins Bett bringen!" Ich erzittere vor so viel Konsequenz und gebe natürlich nach. Ohnehin fahre ich in solchen Fällen gewöhnlich eine weitreichende Appeasement-Politik, auch bei Frederiks anderthalbjährigen Bruder Oliver.

Der hat es sich seit etwa einer Woche zur Gewohnheit gemacht, seine hellgrüne Sandschaufel mit sich zu führen. Ob dort, wo er sich befindet, gerade Sand liegt oder nicht, spielt selbstverständlich keine Rolle. Die Schaufel muss in den Hochstuhl, zum Zähneputzen, ins Bett sowieso. Mach ich alles mit, hätte ja noch schlimmer kommen können, wenn er zum Beispiel sein Bobby-Car auserkoren hätte (Pssst, nicht auf falsche Gedanken bringen...).

Die Natur mag tiefschwarzen Humor haben. Aber...

Es ist nicht so, dass wir nicht verhandelt hätten - aber Kinder kämpfen eben mit extrem harten Bandagen: Olivers Spezialität ist momentan die hervorgeschobene Unterlippe - bis zur Grenze dessen, was anatomisch möglich ist. Gepaart mit seinen kindchenschemagroßen braunen Augen, die sich langsam mit Tränen füllen, ist ihm schwer zu widerstehen.

Ohnehin bin ich nicht gut in so was. Wäre Härte in Erziehungsfragen ein Schulfach, wäre ich wohl der, der in der letzten Reihe sitzt und nie die Hausaufgaben hat.

Doch die Launen schlagen ja glücklicherweise auch in die andere Richtung aus: Wenn Oliver etwa in seinem Kinderbettchen steht und mich so selbstvergessen anlacht, als hätte er bewusstseinserweiternde Drogen genommen (was ich ausschließen kann, die bewahren wir grundsätzlich nicht im Kinderzimmer auf). Oder wenn Frederik mich umarmt und mir mit glänzenden Augen versichert, dass ich der "liebste Papa auf der ganzen Welt" sei (denken Sie auch gerade an die "Merci"-Werbung?). Dann weiß ich: Die Natur mag tiefschwarzen Humor haben. Aber sie hat ein weiches Herz.

Zum Autor
  • Illustration: Michael Meißner
    Jonas Ratz,
    Vater von Frederik (4) und Oliver (1 1/2)

    Liebstes Kinderbuch: "Wo die wilden Kerle wohnen" von Maurice Sendak (Oft habe ich das Gefühl: bei uns zu Hause...).

    Nervigstes Kinderspielzeug: mein Smartphone

    Erziehungsstil: Erziehung ist das, was passiert, während man daran scheitert, ein Vorbild zu sein.

    Sammelt: Kinderworte. Hafersocken statt Haferflocken, Sambalamba statt Salamander. Kennen Sie auch solche kreativen Abwandlungen? Schreiben Sie an kinderworte@spiegel.de.

    Jonas Ratz eine E-Mail schreiben.

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11 Leserkommentare
lupo62 08.04.2017
spontanistin 08.04.2017
Gabdevue 09.04.2017
hufnagel.matthias 09.04.2017
Sabin Chen 09.04.2017
pusteblume123 09.04.2017
djeduschka_egon 09.04.2017
zauberschlumpf 09.04.2017
bakiri 09.04.2017
euline777 09.04.2017
lachina 09.04.2017

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