Anklage nach Tod eines Vierjährigen Die Killerhunde von Bukarest

Vor einem Jahr zerfleischten Hunde in Bukarest den vierjährigen Ionut. Die Staatsanwaltschaft klagt den Eigentümer der Tiere wegen Totschlags an. Der Fall hatte eine Massentötung von Streunern zur Folge - doch das Problem bleibt.

Von Renate Nimtz-Koester

FOUR PAWS International

Verdorrtes Gras auf weiter Fläche, das öde Terrain von einem Zaun umschlossen: Der Baugrund der Bukarester Firma Tei Rezidential ist eine Brache wie viele andere in der rumänischen Hauptstadt. Doch hier, an der Tuzlastraße Nummer 50, spielte sich vor einem Jahr eine herzzerreißende Katastrophe ab, die das ganze Land aufbrachte: Sieben Hunde fielen über einen Vierjährigen her und bissen ihn zu Tode.

Der Schauplatz des Dramas ist heute aufgeräumt und ordentlich umzäunt. Damals, am 2. September 2013, sah es dort anders aus: Gebüsch und Unkraut wucherten mannshoch, Müll und Bauschutt türmten sich, der Zaun war durchlöchert. Auf ihrem Streifzug vom nahen Spielplatz im Park gerieten zwei kleine Jungen ungehindert auf das wüste Gelände. Das Rudel stürzte sich auf Ionut Anghel, sein siebenjähriger Bruder entkam in Panik.

Wütende Demonstranten forderten in den folgenden Tagen die Todesstrafe für Straßenhunde - den Streunern, die Rumänien reichlich bevölkern, solle endlich der Garaus gemacht werden. Eine Woche später schon, am 10. September, wurde die Massentötung gesetzlich beschlossen.

Die falsche Debatte

Doch die staatlich geförderte Hetzjagd, die dann einsetzte, basierte auf einer falschen Information: Nicht eine herrenlose Meute zerfleischte das Kind. Die Killer waren Wachhunde, die seit Jahren von der Bauentwicklungsfirma auf ihrem verwilderten Gelände gehalten wurden: "Cosmin Ionut Anghel", so folgert die Bukarester Staatsanwaltschaft aus ihrer akribischen Untersuchung des Falles, "ist von Hunden getötet worden, die einen Besitzer hatten."

Das Gelände sei ohne Warnschild und nicht gesichert gewesen, die Meute vernachlässigt worden, trotz bekannter Aggressivität, heißt es in der Anklage des Staatsanwalts vom 14. März dieses Jahres. Die 40-seitige Schrift, die jetzt der internationalen Tierschutzorganisation Vier Pfoten zugespielt wurde, klagt deshalb auf Totschlag gegen die Firma und ihren gesetzlichen Vertreter Constantin Ciorascu, Direktor und Verwalter der Entwicklungsbaugesellschaft.

Staatsanwalt Romulus-Dan Varga verweist ausdrücklich auf die rumänische Definition des Begriffes "Streunerhund", der "auf öffentlichem Grund... außerhalb des Eigentums des Besitzers" sei, "unkontrolliert, frei, verlassen", im Unterschied zu Hunden mit Besitzern - wie im Fall Ionut. Wenn Rumänien aus dessen Tod also eine Debatte ableiten wollte, dann diese: Sind die gesetzlichen Pflichten für Hundebesitzer zu lasch? Wie können sie besser in die Pflicht genommen werden?

40.000 Hunde allein in Bukarest

Stattdessen begann die Hatz auf Straßenhunde. In die neuen Gesetze zur Massentötung wurden zwar durchaus neue Vorschriften für Hundehalter eingeführt, etwa Gefängnisstrafen für das Aussetzen von Hunden oder die Pflicht zur Kastration der Tiere. Doch sie sind kaum bekannt, eine effektive Kontrolle findet nicht statt.

Die Hunde, die Ionut töteten, hatten laut Staatsanwaltschaft seit Jahren nicht vom Eigentümer, sondern nur gelegentlich von Fremden Futter hingeworfen bekommen. Sie konnten demnach durch die Zaunlücken hin und her wechseln. Zeugen bestätigten, dass sie Angst vor den Wachhunden gehabt hätten.

Ciorascus Anwälte werden auf unschuldig plädieren. Der Mandant darf sich nicht äußern - doch angeblich wurde die im April 2013 eingereichte Erlaubnis zum Bau eines Zaunes erst vor einer Woche gewährt. Auch ohne Erlaubnis, so der Staatsanwalt in seiner Anklage, hätte der Zaun errichtet werden müssen.

Zur Lynchjustiz hatte die Mutter des getöteten Jungen aufgerufen, während bei hitzigen Debatten in den Medien auch der Großmutter Vorwürfe gemacht wurden: Sie habe die Kinder im Park 20 Minuten aus den Augen gelassen. Dem damaligen Staatspräsidenten Traian Basescu kam der Fall entgegen: Basescu hatte die Tötung der Streuner schon befürwortet, als er erstmals Bukarester Bürgermeister war (2000 bis 2004).

Rund 140.000 Straßenhunde ließ Basescu im Lauf der Jahre vergiften oder abschießen - vergebens: Die Situation auf den Straßen änderte sich nicht. Auf 40.000 wurde in jüngster Zeit allein in Bukarest die Zahl der herrenlosen Tiere geschätzt.

Weil die Population nicht nachhaltig reduziert werden konnte, wurde nach 2007 die Massentötung verboten und das Problem auf die Tierschutzorganisationen abgewälzt: Sie begannen in ganz Rumänien mit systematischen Kastrationen. Allein Vier Pfoten kastrierte in Kleinbussen mehr als 110.000 Hunde. "Doch für die nachhaltige Wirksamkeit", so bemängelt Gabriel Paun von Vier Pfoten, "fehlte es an staatlicher Unterstützung: in Form einer Registrierungspflicht, von Strafen für das Aussetzen von Hunden sowie öffentlichen Mitteln für die Kastration."

Illegale Tötungen

Unter dem Druck des tragischen Todes von Ionut stimmte das Parlament vor einem Jahr in kürzester Zeit erneut für die Tötung: Die vermeintlich Schuldigen wurden landesweit eingefangen, gepfercht und vergiftet - wenn sich nicht binnen zwei Wochen jemand fand, der sie adoptierte. Prämien in Höhe von etwa 60 Euro pro Hund machten aus der Verfolgung ein Geschäft, bald war von einer Hundemafia und gefälschten Statistiken die Rede. Videoaufnahmen zeigten, wie in den überfüllten Zwingern der staatlichen Tieraufsichtsbehörde Aspa tote Hunde zwischen noch lebenden in Müll und Exkrementen liegen. "Ein ebenso grausames wie sinnloses Vorgehen", urteilt Paun, "die Hunde werden sich schneller vermehren als man sie töten kann."

Indessen erreichte Vier Pfoten beim Appellationsgericht in Bukarest eine Aufhebung der Anwendungsnormen, also der Richtlinien des Tötungsgesetzes. Damit sind die Tötungen illegal geworden. Doch die Aspa wartet laut ihrem Chef Razvan Bancescu erst die Begründung des Gerichts ab und nutzt so lange legale Schlupflöcher.

"Die Anklageschrift," so Paun, "war doch eine Überraschung für uns, obwohl es schon Gerüchte gab." Dem "rein emotionalen Tötungsgesetz" sei nun die Grundlage entzogen. Ohnehin werde es die Probleme nicht lösen. Eine Umfrage habe außerdem im Mai ergeben, dass 62 Prozent der Rumänen gegen die Massentötungen sind.

Der Tierschützer baut immer noch auf ein Gespräch mit Ministerpräsident Victor Ponta: Nicht das Parlament, allein der Präsident könnte das fatale Gesetz ändern. Im Juni kam die schriftliche Zusage für einen Dialog - bislang ohne Folgen: Im November sind in Rumänien Wahlen. Paun: "Da haben die Politiker Angst vor so sensiblen Themen."



Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 22 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
torlinnovak 01.09.2014
1. Wieso gibt es ausgerechnet in Rumänien
denn so viele Strassenhunde ? Ich meine, in Deutschland sind sogar streunende Katzen verschwunden, Strassenhunde habe ich noch nie gesehen, ein paar in Polen oder in Süditalien. Wieso gibt es denn so viele in Rumänien ?
nemsi 01.09.2014
2. Tierschutz in die EU-Verträge
angeblich hat ja die EU keine Handhabe, in solchen Fällen einzuschreiten - wichtiger sind Themen, die eine größere Lobby hinter sich haben. Verwunderlich ist ja, dass alle Länder, die der EU beigetreten sind, ein Abkommen unterschrieben haben, welches auch das Thema Tierschutz beinhaltet. Derzeit läuft eine Klage, mit dem Zweck auch Ethik und damit den Tierschutz in den Verträgen der Mitglieder zu verankern. Es ist weder uns, noch unseren Kindern zuzumuten in Länder Europas zu reisen und Augenzeuge bestialischer Grausamkeiten zu werden. Juristen haben sich ohne Vergütung dafür eingesetzt das zu ändern. Die originale Klageschrift ist unter folgendem Link bezogen werden - http://www.amazon.de/Europas-Ethik-2014-Verfahrensschriftstücke-Öffentlichkeit-ebook/dp/B00MV4DNHA/ref=zg_bs_digital-text_f_22 Meine Hoffnung ist, dass diese Klage zum Erfolg führt, denn Ethik und Moral vermisse ich in vielen Bereichen.
nofreemen 01.09.2014
3. wer ist wohl Schuld daran? .....
Ein wirkungvolles Hundeprogramm kostet Infrastruktur, Beamte und einen Plan. Das geht weder in Rumänien noch in Bulgarien. Die EU finanziert erstmal in Strassen und die Hunde überlässt man den Rächern und den Medien.
fraulieschen 01.09.2014
4. Mann kann es sich auch einfach machen...
Dieses Verbrechen an dem Kind, das angeblich von Streuner "zerfleischt" wurde, gab mir schon damals zu denken. Nicht das ich besonders sentimental waere, wenn es um Streuner geht, aber die Erfahrung mit unserem Hund, der aus Rumaenien stammt , hat mir gezeigt, dass dieser Hund alles andere als eine wilde Bestie ist. Das ist der dankbarste Hund, den ich kenne, der weder Auffälligkeiten bezüglich Aggressivität, noch in Bezug auf seine generellen Verhaltensmuster. Das einzige Problem, das er hat, ist dje Angst vor Schuessen, was daherruehrt, dass in Rumaenien ein regelrechter Sport herrscht die Tiere zu toeten. Meiner Meinung nach ist die Massentoetung falsch, da auch andere Länder mit ihren Strassenhunden gut zurechtkommen (siehe die suedlichen Laender). Auch in Deutschland werden immer wieder Faelle in der Hinsicht bekannt, dabei ist kein Hund von Natur aus so aggressiv, das er jemanden direkt zerfleischt. Man sollte das Herrschen verklagen und nicht, angesprochen, davonkommen lassen, weil am Ende der Besitzer sich wieder Tiere zulegt und es nur noch eine Frage der Zeit ist, bis sich solche Vorfaelle wiederholen. Im Endeffekt haben der Hund, der sich seines Herrschens nicht erwehren kann, und das Kind, das am verletzt oder gar getötet wird, das Nachsehen.
knok 01.09.2014
5. Tragische Geschichte
Streunende Hunde gibt es bei uns zwar nicht,, dafür aber einige die einen gerne mal anspringen oder hinterherlaufen meist ohne, dass es die Besitzer sehen. Hoffentlich passiert dadurch nicht auch hier solch ein Unglück. Würde mich über die Einrichtung hundefreier Zonen freuen, auch wenn mir die Tiere an sich nicht unsympathisch sind. T.G.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2014
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.