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Straßenkrieg in London: Auftragskiller mit Wasserpistolen

Von Sebastian Borger, London

"Snake Eyes" ist nervös. Seit Tagen ist ein Killer hinter ihm her. Er weiß nicht, wie er aussieht, nur dass er bewaffnet ist - mit einer Wasserpistole. Ein bizarrer Straßenkrieg amüsiert derzeit fast 200 junge Leute in London. Scotland Yard kann über die Mordsgaudi nicht lachen.

London - Ist es der stämmige Radfahrer mit dem schnittigen Helm? Der Lenker des schwarzen 7er-BMWs? Oder das blonde Mädchen mit dem gewinnenden Lächeln? Er werde "seinen Bodyguard schicken”, hat der Mann mit dem Künstlernamen "Snake Eyes" am Telefon geschnarrt, “schließlich lauert die Gefahr überall." Tatsächlich: Nach 15 Minuten Warten am U-Bahnhof Notting Hill Gate im Westen Londons sehen die meisten Passanten ziemlich gefährlich aus.

Sie alle könnten Attentäter sein, die es auf meinen Gesprächspartner abgesehen haben - na gut, vielleicht die alte Dame mit dem Krückstock nicht. Oder etwa doch? Als Bodyguard "Random" alias James endlich auftaucht, ist er gar nicht zu übersehen: Er ist groß und schlaksig, trägt rote Boxhandschuhe und ein breites Grinsen zur Schau. Mit routiniertem Schwung öffnet er die Schiebetür eines Gangster-blauen Nissan Van. Da sitzt der Boss in Gangster-Pose, mit übergroßer, dunkler Sonnenbrille, die Waffe auf dem Schoß. Es handelt sich um eine Spritzpistole in Quietsche-Farben. “Willkommen im Straßenkrieg”, sagt "Snake Eyes", der eigentlich Ben heißt, und grinst.

Während anderswo wirklich Krieg herrscht, wird in London nur gespielt: "Street Wars" hält dieser Tage 180 meist junge Londoner sowie deren Umfeld in Atem. Die Mitspieler sind Jäger und Gejagte gleichzeitig. Für eine Teilnahmegebühr von umgerechnet 58 Euro erhalten sie Privat- und Arbeitsadresse, E-Mail und Handy-Nummer eines Opfers, das sie binnen einer Woche zur Strecke bringen müssen - und wissen, dass gleichzeitig ein anderer Wasserpistolen-Killer hinter ihnen her ist. Öffentliche Verkehrsmittel, Restaurants und die Zone rund um den Arbeitsplatz sind tabu, überall sonst darf gejagt werden, 24 Stunden am Tag, sieben Tage pro Woche. “Die Paranoia ist kaum auszuhalten”, berichtet Ben “Snake Eyes”, 25.

Der Rhythm&Blues-Gitarrist hat die Sache generalstabsmäßig aufgezogen. Studienfreund James, der beim Film arbeitet, fungiert als Fahrer und Bodyguard, Freundin Lucy ist für die Gegenspionage zuständig. Dass Ben in einem früheren Stallgebäude wohnt, erschwert die Sache: Es gibt nur einen einzigen Ausgang. “Ich traue mich allein kaum noch auf die Straße”, sagt Ben, “die Aufregung nimmt einem den Atem. Das ist wie in einem Actionfilm. Es macht wahnsinnig viel Spaߔ.

Bloomberg empfiehlt Psychiater

Besonders, wenn man Erfolg hat. Sein erstes Opfer brachte Ben in der Nähe von dessen Arbeitsplatz zur Strecke. “Er hätte weglaufen können”, glaubt der Killer. “Aber er wollte wohl in der Öffentlichkeit nicht wie ein Idiot aussehen. Dabei gehört das unbedingt zum Spiel.” Bodyguard James nickt und sieht bestätigend an sich herunter: Statt der roten Boxhandschuhe trägt er jetzt ein weißes Nachthemd und hat sich als Scheich verkleidet. Spaß muss sein.

Das legen die Organisatoren den Spielern sogar schriftlich ans Herz. "Street Wars" kommt aus New York, von wo aus der “Oberkommandierende der Schattenregierung” alias Franz Aliquo, 31, auch das Londoner Spiel dirigiert. Im normalen Leben verdient Aliquo sein Geld als Jurist einer Aktienanlage-Firma. Aber wie normal ist das Leben schon, wenn man dauernd Mord-Statistiken führen muss? In New York waren die Wasser-Gangster schon zweimal unterwegs, gespielt wurde auch in Vancouver und Wien, San Francisco und Los Angeles. Probleme mit der Polizei “gab es nie”, beteuert Aliquo.

New Yorks Bürgermeister Michael Bloomberg legte im vergangenen Jahr dem Oberkommandierenden nahe, er solle die Hilfe eines Psychiaters in Anspruch nehmen: “Ich finde das nicht lustig. Für Kinder auf dem Schulhof vielleicht, aber nicht auf den Straßen unserer Stadt, nicht in diesen Zeiten.”

Wie New York hat auch London erst vor kurzem Terroranschläge erlebt. Diesmal war es Scotland Yard, das den "Street Wars"-Organisatoren zu kostenloser Werbung verhalf. “Unser Transportsystem, besonders die U-Bahn, sind nicht der passende Ort für solche Unternehmungen”, glaubt Superintendent Bob Pacey. Aliquo wundert sich über die Äußerung. “Wir haben die Londoner Polizei kontaktiert, aber nie von denen gehört. Unsere eiserne Regel lautet: Keine Spritzereien in U-Bahn oder Bussen. Sonst droht die Disqualifizierung.”

"So viele Hits wie noch nirgendwo"

Der New Yorker hat durchaus Verständnis für die angespannten Nerven mancher Londoner: “Wir wollten eigentlich früher starten, haben aber extra den Jahrestag der Bombenanschläge in London am 7. Juli abgewartet.” Inzwischen ist der Londoner Straßenkrieg in vollem Gang, Leichen pflastern den Weg der Spritz-Krieger.

Die meisten von ihnen sind Mitte 20 bis Mitte 30, 40 Prozent sind Frauen. “Binnen weniger Tage hatten wir so viele Hits wie sonst noch nirgendwo”, erzählt Hilfskommandeur Yutai Liao (besonderes Kennzeichen: falscher Schnauzbart), der von San Francisco aus Kontakt mit den Vorgängen in London hält. “Die Spieler dort sind entweder besonders talentiert oder besonders ungeschickt.”

Oder beides? Rafe, 25, hat Himmel und Hölle des Straßenkampfes durchlebt. Sein Bruder hatte ihn auf "Street Wars" aufmerksam gemacht. Kurz vor Meldeschluss fasste er sich ein Herz und trennte sich von der Meldegebühr, die jeder Spieler entrichten musste. “Ich war ziemlich betrunken, und hinterher hab’ ich’s bereut.” Aber dann setzte der Kick ein, von dem Rafe gar nicht ausführlich genug erzählen kann. Noch im Nachhinein wird die Aufregung spürbar, der Adrenalin-Kick, aber auch die Peinlichkeit, wenn Passanten scheele Blicke werfen, und die Langeweile, die Langeweile. “Du glaubst gar nicht, wie nervtötend es ist, vier Stunden lang an einer Straßenecke herumzulungern.” Kann man das nicht in jedem besseren Detektiv-Roman nachlesen? “Schon, aber selber machen ist eine ganz andere Erfahrung.”

"Meine Freunde halten mich für gaga"

Der junge Kommunalbeamte stellte seinem Opfer eine ganze Woche lang nach. Am letzten Tag musste er handeln: Wer binnen sieben Tagen nicht wenigstens einen Mordversuch macht, wird disqualifiziert. Frech mogelte sich Rafe in den Wohnblock der jungen Schwedin, die ihm als Opfer zugeteilt wurde, wich ihrem Abwehrfeuer aus und verpasste ihr eine kalte Dusche. Triumph!

Doch schon tags darauf wurde der frischgebackene Killer zum Freiwild: Sein Attentäter stürmte durch die offene Haustür hinter Rafe her, der filmreif übers Dach des Nachbarhauses entkam. “Der Kerl hat mir vielleicht einen Schrecken eingejagt.” Tags darauf war zwar die Tür zu, aber das Fenster offen. Gnadenlos schlug der Mörder zu.

“Man erlebt so eine Mini-Depression”, sagt Rafe und lacht. “Ich hatte unglaublich viel Spaß und bin weiter gekommen, als ich dachte. Diese Erfahrung war das Geld allemal wert.” Wer sein eigenes Opfer zur Strecke gebracht hat, übernimmt dessen Mordauftrag oder erhält eine neue Zielperson von den Organisatoren.

Am Ende des Spiels übernimmt der Oberkommandierende höchstpersönlich die Rolle des Opfers. Wer am längsten durchhält, bekommt 500 Pfund, umgerechnet 730 Euro. Zur Abschluss-Party dürfen auch die Nass-Gespritzten erscheinen. Hobby-Gangster Ben freut sich schon darauf. “Viele meiner Freunde halten mich für gaga, aber mir das egal. Die ganze Sache ist ein harmloser Spaß. Aber jetzt muss ich los zum nächsten Kill”, sagt er und verschwindet im nächtlichen Nieselregen, Bodyguard und Gegenspionage-Spezialistin im Schlepptau.

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"Street Wars": In den spritzigen Straßen von London

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