Streit über "entartete Kunst" Zentralrat der Juden bezeichnet Meisner als geistigen Brandstifter

Die Kritik an Kölns Erzbischof Meisner wegen dessen Warnung vor "entarteter Kunst" wird immer massiver. Der Zentralrat der Juden bezeichnete den Kardinal als geistigen Brandstifter. Das Erzbistum Köln wies die Angriffe als "ethisch fragwürdig" und "völlig unangemessen" zurück.


Köln/Berlin - "Dort, wo die Kultur vom Kultus, von der Gottesverehrung abgekoppelt wird, erstarrt der Kult im Ritualismus und die Kultur entartet" - nach diesen Worten, gesprochen im Kölner Dom anlässlich der Einweihung des neuen Kunstmuseums Kolumba, erntet Kardinal Joachim Meisner einen Sturm der Entrüstung.

Kardinal Meisner: Debatte um "entartete Kunst"
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Kardinal Meisner: Debatte um "entartete Kunst"

Nachdem bereits Politiker und Künstler den Kardinal wegen dessen Wortwahl kritisiert hatten, legte jetzt der Zentralrat der Juden nach. Meisner sei "ein notorischer geistiger Brandstifter, der versucht, die Grenzen des Erlaubten nicht nur auszutesten, sondern der sie vorsätzlich überschreitet", sagte Stephan Kramer, Generalsekretär des Zentralrats. Es sei nicht das erste Mal, dass Meisner mit solchen und ähnlichen Formulierungen auffalle, sagte Kramer dem "Tagesspiegel am Sonntag". Der Kardinal missbrauche Sprache gezielt zum Brechen von Tabus. "Wenn das Schule macht, darf sich keiner wundern, wenn der braune Ungeist in Deutschland weiter salonfähig wird."

"Intolerant, ignorant, unwürdig"

Nordrhein-Westfalens früherer Grünen-Kulturminister Michael Vesper warnte Meisner davor, ein "gefährliches Feuer" zu schüren. Vesper zeigte sich im "Express" vom Samstag "erschrocken darüber, dass der Begriff 'entartet' noch verwendet" werde. "Ich dachte, dass das in Deutschland Geschichte sei. Und ausgerechnet ein hoher katholischer Würdenträger greift das auf."

FDP-Chef Guido Westerwelle nannte die Äußerungen Meisners "intolerant, ignorant und für einen so bedeutenden Kirchenmann unwürdig". Gott sei Dank spreche der Kardinal in Sachen Kunst und Kultur nur für sich und nicht für die Kirche. Der Düsseldorfer Kulturstaatssekretär Hans-Heinrich Grosse-Brockhoff bezeichnete Meisners Wortwahl als "erschreckend". Sie zeige, dass der Kardinal "keinerlei Zugang zu Kunst und Kultur hat", sagte Grosse-Brockhoff dem "Kölner Stadt-Anzeiger".

Der Schriftsteller Ralph Giordano sagte im WDR, Meisner habe zwar keinen positiven Bezug zum Nationalsozialismus herstellen wollen. "Aber geistig wabert aus dieser Zeit immer noch etwas herüber, und es wäre besser gewesen, wenn Kardinal Meisner dieses Wort nicht gebraucht hätte." Auch der Deutsche Kulturrat kritisierte die "für einen hohen Würdenträger der katholischen Kirche erstaunlich unbedachte Wortwahl". Klaus Staeck, Präsident der Berliner Akademie der Künste, sagte, indem Meisner den Begriff "entartet" gebrauche, setze er sich über gesellschaftliche Vereinbarungen hinweg und erweise sich als "Zündler".

Erzbistum: Kritik an Meisner "ethisch äußerst fragwürdig"

Meisner gab sich von der Kritik an seiner Predigt unbeeindruckt: "Ich wollte nur ganz schlicht damit sagen: Wenn man Kunst und Kultur auseinanderbringt, dann leidet beides Schaden", sagte der Kardinal im Kölner "Domradio". Den Vorwurf, er habe sich durch die Verwendung eines von den Nationalsozialisten missbrauchten Begriffs deren Sprache zu Eigen gemacht, wies Meisner zurück. Sobald die kritisierte Aussage im Gesamtzusammenhang der Predigt gesehen werde, könne ein solcher Vorwurf nur als absurd bezeichnet werden. Er sei "entsetzt" darüber, dass sein gesellschaftlicher Appell, den Bezug zu Gott zu bewahren, durch reflexhafte Unterstellungen in der Öffentlichkeit völlig verzerrt worden sei.

Unterstützung erhielt Meisner vom Erzbistum Köln: Die Kritik an Meisner Wortwahl sei "ethisch äußerst fragwürdig" und "völlig unangemessen". Der Erzbischof werde für Dinge gegeißelt, die er nicht gemeint und noch weniger ausgesprochen habe, hieß es in einer am Samstag veröffentlichten Erklärung.

Die Nationalsozialsten hatten rund 16.000 moderne Kunstwerke beschlagnahmt und damit eine so bezeichnete "Säuberung" der deutschen Kunstsammlungen eingeleitet. Schon unmittelbar nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten waren ab 1933 Berufsverbote gegen moderne Künstler, Käufer moderner Kunst oder Hochschullehrer verhängt worden. In München hatte Hitlers Chef-Propagandist Joseph Goebbels eine Ausstellung "Entartete Kunst" initiiert. Sie zeigte 650 konfiszierte Kunstwerke aus 32 deutschen Museen.

mbe/AFP/ddp



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