Stromausfall Die Spur führt nach Papenburg

Die Ursache für den Stromausfall in vielen Ländern Europas liegt möglicherweise an der Ems in Niedersachsen. Dort war eine Stromleitung abgeschaltet, weil ein Kreuzfahrtschiff unter ihr durchfahren sollte.


Hamburg - Die neu gebaute "Norwegian Pearl", ein 294 Meter langes Kreuzfahrtschiff, war Samstag gegen 22 Uhr vom Dock der Meyer Werft im niedersächsischen Papenburg gestartet. Planmäßig hatte kurz zuvor der Stromversorger E.on eine Höchstspannungsleitung abgeschaltet, damit das Schiff sicher passieren kann. Kurze Zeit später ging vielerorts die Lichter aus - vom Ruhrgebiet bis hin nach Spanien und Italien.

Kreuzfahrtschiff "Norwegian Pearl": Der Auslöser für den Stromausfall
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Kreuzfahrtschiff "Norwegian Pearl": Der Auslöser für den Stromausfall

Nun scheint es so, als hätten Schiffspassage und Stromausfall etwas miteinander zu tun. "Die Abschaltung war eine Routinemaßnahme", erläuterte Christian Schneller, Sprecher der Konzerntochter E.on-Netz. "Hier kann es möglicherweise einen Zusammenhang geben. Es erklärt den Vorgang aber nicht. Es muss noch andere Ursachen geben." Der Strom war abgeschaltet worden, weil es für große Schiffe zu riskant ist, unter einer nicht abgeschalteten Hochspannungsleitung durchzufahren, erläuterte ein Sprecher der betroffenen Meyer-Werft im emsländischen Papenburg.

Die Abschaltung der 380.000-Volt-Leitung Leitung für die Durchfahrt der "Norwegian Pearl" könnte das nordwestdeutsche Netz zu stark belastet haben, sagte Schneller. "Dass kann man sich wie bei einer Autobahnbaustelle vorstellen. Wenn Sie eine Straße sperren, erhöhen Sie den Verkehr auf den anderen Straßen."

Gigantisches Ausmaß

Der Stromausfall nahm ein gigantisches Ausmaß an: In Deutschland fiel bei mehreren Millionen Menschen der Strom aus, auch in Frankreich waren rund fünf Millionen Menschen ohne Elektrizität. Aus Österreich, Belgien, Italien und Spanien wurden ebenfalls Ausfälle gemeldet.

Ein Sprecher des Energieversorger RWE sagte, nach seinen Informationen seien lediglich Berlin, Brandenburg und Mecklenburg-Vorpommern nicht betroffen gewesen. Die übrigen Regionen seien allerdings nicht flächendeckend dunkel gewesen, sondern nur in bestimmten Bereichen. Allein im Bereich von RWE Rhein-Ruhr seien rund eine Million Menschen ohne Strom gewesen. Feuerwehr und Polizei berichteten von Tausenden Anrufen besorgter Menschen. In Köln führte der Ansturm bei der Feuerwehr nach Angaben eines Sprechers dazu, dass "echte Notrufe" nicht mehr zeitnah bearbeitet werden konnten. Der Stromausfall sorgte auch für Verzögerungen im Bahnverkehr, hunderte Züge hatten Verspätungen, einige sogar mehrere Stunden.

Politiker fordern Konsequenzen

Wenige Stunden nach dem Stromausfall forderten Politiker Konsequenzen. Italiens Ministerpräsident Romano Prodi sprach sich für eine europäische Energie-Aufsichtsbehörde aus. "Mein erster Eindruck ist, dass ein Widerspruch darin besteht, europäische Stromverbindungen und keine europäische Strombehörde zu haben", sagte Prodi in Bologna.

Bundesumweltminister Sigmar Gabriel (SPD) griff die Energieversorger an. Sie müssten ihrer gesetzlichen Pflicht nachkommen und ein leistungsfähiges Stromnetz gewährleisten, sagte der Minister in Berlin. "Sie müssen ihre hohen Gewinne maßgeblich für Investitionen in das Stromnetz einsetzen." Alte Hochspannungsleitungen müssten schnellstens saniert und neue Trassen gebaut werden. "Bisher haben die Stromversorger so getan, als ob ein Netzausbau nur wegen des Ausbaus der erneuerbaren Energien erforderlich sei", sagte Gabriel. Die Stromausfälle zeigten aber, dass der Netzausbau notwendig sei, "weil wir in einem europäischen Strommarkt leistungsfähige Netze für den rapide zunehmenden Transport über große Entfernungen brauchen."

Das Kreuzfahrtschiff, das möglicherweise den dunklen Samstagabend in Europa ausgelöst hat, konnte übrigens trotz des Stromausfalls nicht in die Nordsee fahren. Wegen der Schwankungen im Stromnetz meldete E.on die Leitung über die Ems nicht als abgeschaltet. Die "Norwegian Pearl" wartete Dreiviertelstunde vor der Dockschleuse und drehte dann wieder um.

sac/ap/dpa/Reuters



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