Stromversorgung unterbrochen NRW versinkt im Schneechaos

In Nordrhein-Westfalen wurde der Katastrophenalarm ausgerufen. Den ganzen Tag über kam es auf den Autobahnen zu Staus, viele Züge hatten lange Verspätungen. Noch über 150.000 Menschen waren am Abend im Nordwesten Deutschlands durch das Schneechaos ohne Strom.


Münster/Osnabrück - Der Wintereinbruch mit regional rekordverdächtigen Schneemengen war für viele Menschen in Nordrhein-Westfalen ein Alptraum. Das Schneechaos versetzte die nördliche Region Nordrhein-Westfalens heute in Katastrophenalarm: Die Stromversorgung brach dort völlig zusammen, nachdem ein Hochspannungsmast und zahlreiche weitere Strommasten unter der Eislast umknickte.

Betroffen sind laut RWE rund 250.000 Menschen in 25 Gemeinden. Die Bezirksregierung in Münster richtete einen Krisenstab ein. Schneemassen und Eis brachten auch den Verkehr auf Straßen und Schienen zum Erliegen. Tausende Menschen mussten in der Nacht viele Stunden lang verzweifelt in ihren Autos oder Zügen ausharren.

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Wintereinbruch in Deutschland: Verkehrschaos und Schneevergnügen

Katastrophenalarm galt für die Kreise Borken und Steinfurt. Am späten Abend waren noch deutlich über 150.000 Menschen ohne Stromversorgung. Diese Schätzung gab der Sprecher der RWE Westfalen-Weser-Ems AG, Klaus Schultebraucks, gegenüber der Nachrichtenagentur AP ab. Die Arbeiten zur Wiederherstellung der Stromversorgung beziehungsweise zur Installation von Notstromaggregaten sollten auch in der Nacht fortgesetzt werden, hieß es. Stellenweise werden Ersatzleitungen verlegt. Wann alle Schäden beseitigt sein würden, lasse sich nicht absehen, sagte der Sprecher.

In Coesfeld riefen Polizei und Kreisverwaltung am Abend die Bevölkerung auf, ihre Wohnungen möglichst nicht zu verlassen. Auf Grund der Wetterverhältnisse gehe derzeit von den Überland-Stromleitungen akute Lebensgefahr aus, hieß es.

Gestrandete schliefen im Bunker

Auch im Raum Osnabrück waren am Samstag Tausende ohne Strom. Insgesamt waren laut RWE 50 Hochspannungsmasten nicht mehr funktionstüchtig. Krankenhäuser, Altenheime und viele der zahlreichen Bauernhöfe der Region wurden mit Notstromaggregaten versorgt. Ein Altersheim in Vreden musste evakuiert werden. Die Bundeswehr stellte im Kreis Borken geländegängige Fahrzeuge zur Verfügung. Das Technische Hilfswerk setzte nach eigenen Angaben mehr als 500 Helfer ein. So hätten sie in Osnabrück in der Nacht zum Samstag die Stromversorgung des Klinikums und der Polizeileitstelle sichergestellt. In der niedersächsischen Stadt hatten Böen vereiste Starkstromleitungen in Bewegung gebracht, so dass Kurzschlüsse entstanden.

Bahnsprecher Torsten Nehring sagte, noch nie seien so viele Bäume unter der Schneelast umgefallen: "Die knicken weg wie Streichhölzer." 216 Züge verspäteten sich um insgesamt 7000 Minuten. Über Münster führende Bahnstrecken mussten gesperrt werden. Im Fernverkehr kam es nach Angaben Nehrings zu Verspätungen von durchschnittlich 90 Minuten pro Zug und im Nahverkehr von 30 Minuten. Im Hauptbahnhof Münster verbrachten 50 Reisende die Nacht in einem Bunker unter den Gleisen, weil weder Züge noch Taxis verkehrten und umliegende Hotels ausgebucht waren. Sie wurden von Technischem Hilfswerk und Feuerwehr versorgt.

In Osnabrück wurden 250 Menschen in einem Notquartier in einer Gesamtschule untergebracht. Der Bahnverkehr im Raum Osnabrück wurde am Freitagabend ganz gesperrt; am Samstagmorgen wurden je ein Gleis in Richtung Rheine und Löhne wieder in Betrieb genommen. Im westlichen Münsterland wird der Regionalverkehr frühestens am Montag wieder aufgenommen. "Das ist wirklich sehr, sehr außergewöhnlich", bilanzierte ein Bahnsprecher.

1266 Unfälle

Auch auf den Straßen herrschte Chaos. Nach Angaben des Lagezentrums des Innenministeriums ereigneten sich zwischen Freitagabend und Samstagmittag 1266 wetterbedingte Unfälle in Nordrhein-Westfalen. Dabei wurden 64 Menschen verletzt, der Sachschaden wird von der Polizei auf 3,1 Millionen Euro geschätzt.

Auf den Autobahnen bildeten sich am Samstag noch Staus von insgesamt etwa 60 Kilometer Länge unter anderem wegen Schneeverwehungen und quer stehender Lastwagen. Ein auf die A31 gefallenes Starkstromkabel führte bis in die Nacht zum Samstag zu einem Stau bis zu 50 Kilometer Länge; zwischen Ahaus und Gronau-Ochtrup gab es eine Vollsperrung. Gesperrt war auch die A1 von Köln in Richtung Dortmund. Nach den Staus in der Nacht auf der A43 bei Münster und auf der A1 bei Wuppertal sowie zwischen Leverkusen und Remscheid entspannte sich die Lage im Laufe des Samstags. Lediglich bei Wermelskirchen bestand noch ein Stau von zehn Kilometern Länge in beiden Richtungen.

Der Düsseldorfer Flughafen war am Morgen für vier Stunden komplett gesperrt. 36 ankommende Maschinen wurden auf andere Flughäfen umgeleitet. Die Fluggesellschaften strichen auf dem drittgrößten deutschen Airport 25 Starts. Der Airport Münster/Osnabrück musste nachts geschlossen werden. Dort lagen 25 Zentimeter Schnee.



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