Orkantief "Friederike" "Die Bäume fallen um wie Streichhölzer"

Orkantief "Friederike" hat mehrere Menschen das Leben gekostet, etliche verletzt - und den Fernverkehr der Bahn lahmgelegt. Der Sturm gilt als einer der schwersten in Deutschland seit zehn Jahren.


Mindestens sechs Tote, mehrere Verletzte: Orkantief "Friederike" ist mit gewaltiger Wucht über weite Teile Deutschlands hinweggefegt - und hat viel Leid und Chaos verursacht.

Der Wintersturm war seit dem Morgen vom Westen her über Deutschland gezogen, gegen Mittag zum Orkantief heraufgestuft worden und hatte Geschwindigkeiten von mehr als 130 Kilometern pro Stunde erreicht. Auf dem Brocken im Harz wurden sogar mehr als 200 Kilometer pro Stunde gemessen, wie der Deutsche Wetterdienst mitteilte.

Die Meteorologen verglichen das Orkantief mit "Kyrill", der am 18. und 19. Januar 2007 über Europa hinweggezogen war und verheerende Folgen hatte. 47 Menschen starben damals, elf von ihnen in Deutschland.

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Orkantief: So wütete "Friederike"

Aufgrund des Orkantiefs "Friederike" starben allein in Nordrhein-Westfalen drei Menschen. Am Niederrhein wurde ein 59-jähriger Mann auf einem Campingplatz in Emmerich-Elten von einem umstürzenden Baum erschlagen. In Lippstadt starb ein 68-Jähriger, der im Sturm die Kontrolle über seinen Transporter verlor und mit einem Lastwagen zusammenstieß. In Sundern starb ein Feuerwehrmann.

In Thüringen wurde ebenfalls ein Feuerwehrmann in Bad Salzungen von einem umstürzenden Baum erschlagen. Im Süden Brandenburgs wurde ein Lastwagenfahrer getötet, dessen Fahrzeug gegen die Mittelleitplanke geprallt und umgestürzt war. Ob der Lastwagen wegen des Sturms verunglückte, ist Polizeiangaben zufolge noch unklar. Auch in Mecklenburg-Vorpommern hat "Friederike" einen tödlichen Verkehrsunfall ausgelöst. In der Nähe von Neubrandenburg starb eine 61-jährige Autofahrerin - bei widrigen Straßenverhältnissen schleuderte ihr Auto gegen einen entgegenkommenden Lastwagen.

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In dem Sturm wurden zudem mehrere Menschen verletzt, darunter ein 17-jähriger Schüler in Hamburg. Ein schwerer Ast sei unter Schneelast in zehn Metern Höhe abgebrochen, habe den Jungen am Kopf getroffen und lebensgefährlich verletzt, hieß es von der Polizei.

Bahn stellte Fernverkehr komplett ein

Die Deutsche Bahn stellte wegen des Orkantiefs vorsorglich den Fernverkehr in ganz Deutschland komplett ein - den Angaben zufolge das erste Mal seit "Kyrill". In zehn Fernbahnhöfen richtete die Bahn sogenannte Aufenthaltszüge ein, in denen gestrandete Reisende zur Not übernachten können. Den Angaben zufolge werde es auch am Freitag noch deutliche Einschränkungen für Reisende geben. Im Norden lief der Bahnverkehr jedoch am Abend langsam wieder an.

(Eine Übersicht zu Verspätungen und Ausfällen im Bahn- und Flugverkehr finden Sie hier.)

"Friederike" stoppt den Fernverkehr

Auch mehrere Flughäfen strichen aus Sicherheitsgründen Flüge. Vielerorts wurden zudem Schulen geschlossen. Allein in Nordrhein-Westfalen mussten Feuerwehr- und Rettungsdienste laut Innenministerium bis zum Nachmittag zu mindestens 7000 Einsätzen ausrücken, Straßen frei räumen, Bäume beseitigen und Gebäude sowie demolierte Oberleitungen sichern.

Probleme bereiteten vor allem zahllose entwurzelte Bäume. In Gladbeck wurde ein Kindergarten geräumt, weil eine Dachkuppel abzustürzen drohte. Die Stadt Köln sperrte das Gelände rund um den Dom zeitweise ab und warnte vor Steinschlag. Wer sich ins Freie wagte, musste sich teilweise an Straßenlaternen festhalten, um von den heftigen Sturmböen nicht mitgerissen zu werden.

"Dieser Einsatz ist noch lange nicht beendet. Die Folgen des Unwetters werden die Einsatzkräfte in den nächsten Stunden und Tagen weiter beschäftigen", sagte NRW-Innenminister Herbert Reul (CDU). Es drohe weiterhin Gefahr, etwa durch entwurzelte Bäume, herabstürzende Dachziegel oder Äste.

Oberharz weitgehend von der Außenwelt abgeschnitten

Der Oberharz ist wegen der Auswirkungen von Orkantief "Friederike" seit Donnerstagnachmittag kaum noch zu erreichen. Wegen zahlreicher umgekippter Bäume seien alle Zufahrtsstraßen gesperrt worden, hieß es von der Kreisverwaltung Goslar. "Die Bäume fallen um wie Streichhölzer", sagt ein Sprecher. Der gesamte Oberharz sei quasi unpassierbar. Ein Polizeisprecher bezeichnete die Lage als chaotisch.

Der Sturm war laut DWD in einem breiten Streifen von Nordrhein-Westfalen und dem südlichen Niedersachsen über Nord- und Mittelhessen, Thüringen, Sachsen-Anhalt bis nach Sachsen und Brandenburg gezogen. Im Westen Deutschlands wurde die Orkanwarnung am Nachmittag wieder aufgehoben.

In Ostdeutschland, wo die Orkanwarnung noch bis zum Abend galt, waren zahlreiche Haushalte von der Energieversorgung abgeschnitten. Folge seien zahlreiche Stromausfälle, berichtete die Mitteldeutsche Energie AG (enviaM) in Chemnitz. Nach Angaben des Unternehmens waren am Donnerstag bis zu 140.000 Kunden ohne Strom, nachdem Masten, Leitungen und andere Anlagen durch den Orkan beschädigt worden waren.

Bis zum Abend reduzierte sich die Zahl nach Angaben einer Sprecherin auf etwa 65.000 Kunden. Rund 350 Mitarbeiter arbeiteten daran, auf andere Leitungen umzuschalten, um möglichst viele Haushalte wieder anzuschließen.

fok/dpa/AFP/Reuters

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