Fakten zum Orkan Hamburg erlebte zweithöchste Flut seit Beginn der Aufzeichnungen

Orkan "Xaver" brachte viel Wind, mächtige Fluten - und er ist noch nicht vorbei. Werden die Unwetter jetzt immer schlimmer? Die wichtigsten Fakten zum Orkan.

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Wie stark war der Sturm?

"Xaver" war nicht so heftig wie der Orkan "Christian" Ende Oktober, aber er erreichte ebenfalls extreme Windstärken, dauerte außergewöhnlich lange und betraf ein besonders großes Gebiet. Einige der höchsten Windgeschwindigkeiten in der Nacht auf Freitag wurden laut Deutschem Wetterdienst (DWD) an der Ostseeküste Schleswig-Holsteins gemessen. In Glücksburg mit 158 Kilometern pro Stunde, am Kieler Leuchtturm mit 144 km/h. Auch auf dem Brocken (155 km/h), in List auf der Nordseeinsel Sylt (174) und in Büsum (137) wurden hohe Werte registriert. Der Wetterdienst Meteomedia gibt für die Insel Hiddensee eine Spitzengeschwindigkeit von 167 km/h an. Im Laufe des Tages kann es immer noch zu Orkanböen kommen, der Wind flaue insgesamt aber ab, teilte der DWD mit.

Wie hoch stieg das Wasser?

An der Nordseeküste lagen die Pegelstände zwischen 2,50 und knapp 4 Metern über dem mittleren Hochwasser. Der höchste Wert wurde laut dem Bundesamt für Seeschifffahrt und Hydrografie (BSH) am frühen Morgen mit etwa vier Meter über dem mittleren Hochwasser in Hamburg gemessen. Vereinzelt werden Hochwasserwerte auch in Metern über Normalnull angegeben. Wegen der besseren Vergleichbarkeit und um eine größere Fläche abdecken zu können, bezieht sich das BSH jedoch auf das mittlere Hochwasser. Am Pegel Husum wurden 3,27 Meter verzeichnet, in Glückstadt 3,73 Meter.

"Damit würde diese Sturmflut Platz sechs der Sturmfluten seit 1962 einnehmen", sagte Johannes Oelerich, Direktor des Landesbetriebs für Küstenschutz Schleswig-Holstein. In Hamburg wurden die zweithöchsten Wasserstände seit Beginn der Aufzeichnungen gemessen; nur 1976 stiegen die Pegel höher. Mitte der neunziger Jahre stiegen die Pegel zweimal fast so hoch wie diesmal. Wegen der Sturmflut mussten der Hamburger Hafen und einige Straßenzüge entlang der Elbe in der Nacht gesperrt werden. Der bekannte Fischmarkt und einige Straßen entlang der Elbe standen unter Wasser.

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"Xaver": Historische Pegelstände, stabile Deiche
Die Flut geht mittlerweile wieder zurück. Doch selbst Niedrigwasser sei vielerorts derzeit noch höher als ein normales Hochwasser, sagt Stephan Dick vom BSH. Der Behörde zufolge ist am Nachmittag mit einer weiteren Sturmflut zu rechnen. Demnach sollen die Pegel an der Nordseeküste bis zu 2,5 Meter, im Hamburger Elbegebiet etwa 3 Meter über dem mittleren Hochwasser liegen. Für durchweichte Deiche bedeutet die Flut eine weitere erhebliche Belastungsprobe.

Wie groß sind die Schäden?

Vor allem im Zug- und Luftverkehr kam es durch "Xaver" zu zahlreichen Ausfällen. Wegen umgestürzter Bäume mussten im Norden und im Nordosten viele Strecken gesperrt werden. Mehr Informationen finden Sie hier. Was die Folgen des Windes angeht, sei die Sturmnacht aber weniger dramatisch verlaufen als bei Orkan "Christian", teilte die Feuerwehr Schleswig-Holstein mit. Bis zum frühen Morgen musste sie zu rund 2000 Einsätzen im nördlichsten Bundesland ausrücken. Vier Menschen seien bei Auto- und Bahnunfällen verletzt worden. In Großhansdorf entgleiste eine Bahn, in Elmshorn fuhr ein Regionalzug gegen einen umgestürzten Baum.

In der Nähe von Hannover wurde ein Mann schwer verletzt, als eine Böe sein Auto in den Gegenverkehr drückte. In Cuxhaven wurde das Dach eines Hochhauses abgedeckt, in Stralsund das Dach eines Discounters. In Hamburg seien die großen Sturmschäden bislang ausgeblieben, teilte die Feuerwehr mit. Auch der Innenbehörde waren am Morgen keine nennenswerten Sachschäden bekannt. In Mecklenburg-Vorpommern waren am Morgen rund 4000 Haushalte ohne Strom. In Berlin fielen Ampeln aus, Baustellenabsperrungen stürzten um.

Auch im Ausland bekamen die Menschen den Orkan zu spüren. In Großbritannien übernachteten Hunderte aus Sicherheitsgründen in Notunterkünften. In Polen kamen drei Menschen ums Leben, mehr als 100.000 Haushalte waren laut einem Bericht des Senders TVN 24 ohne Strom.

Werden Stürme schlimmer?

Messungen von Luftdruck und Wind seit Mitte des 19. Jahrhunderts zeigen keine Zunahme von Stürmen an der Nordsee. Die vergangenen Jahre verliefen in der Region sogar eher windarm. Die Schwankungen von Jahr zu Jahr sind aber hoch, einen Trend in der Sturmhäufigkeit können Wissenschaftler dabei nicht erkennen.

Für die Zukunft sagen Klimamodelle eine leichte Zunahme von Winterstürmen im Laufe dieses Jahrhunderts vorher. Die Rechnungen sind allerdings umstritten - zwei Effekte liegen im Wettstreit: Erwärmen sich die Polarregionen besonders stark, könnten sich Luftdruck-Gegensätze abmildern - und Stürme schwächen. Oder fachen wärmere Meere die Winde an? Eine befriedigende Antwort steht noch aus.

Trotz der glimpflichen Entwicklung bei Stürmen hat sich das Flutrisiko an der Küste erhöht: Der Meeresspiegel der Nordsee ist im vergangenen Jahrhundert um 20 Zentimeter gestiegen. Die Klimaerwärmung drohe das Wasser künftig noch schneller anschwellen zu lassen, konstatiert der Uno-Klimarat in seinem neuen Bericht - damit steigt auch das Hochwasserrisiko an der Küste.

Warum war diese Sturmflut die schwerste seit Jahren?

Die aktuelle Sturmflut war eine besonders hohe, wie sie an der Nordsee nur alle paar Jahre auftritt. An manchen Orte wurden historische Wasserstände gemessen, etwa in Hamburg. Besonders die Kanalisierung der Elbe lässt die Fluten höher auflaufen.

Ursache des Extremereignisses war der besondere Verlauf von Sturmtief "Xaver": Es bewegte sich nur langsam ostwärts, drückte deshalb außergewöhnlich lange Nordwestwind gegen die Deutsche Bucht. Sein Windfeld war besonders groß; "Xaver" betraf eine außergewöhnlich große Region, so dass er viel Wasser gleichzeitig in Bewegung setzte.

Der Neumond hatte hingegen wenig Einfluss: Lediglich um rund 20 Zentimeter zusätzlich ist die Nordsee durch die verstärkende Gezeitenwirkung von Mond und Sonne gestiegen, die bei Neumond auf einer Linie liegen und an der Erde und ihren Meeren zerren.

Warum gibt es mehrere Sturmfluten hintereinander?

Sturmfluten kommen mit dem Gezeiten-Hochwasser, das alle zwölf Stunden einläuft - im Rhythmus von Ebbe und Flut. Drückt ein Sturm so lange auf die Küste wie "Xaver", kann das Meer bei Ebbe gegen den Wind kaum mehr ablaufen - so schwillt die nächste Hochwasserwelle umso höher.

Auf diese Weise sind die extremen Pegelstände von Donnerstagnacht zu erklären, als sich das zweite "Xaver"-Hochwasser auf das ablaufende erste schob. Am Freitagnachmittag erwarten Meteorologen nun die dritte Flutwelle, die aber wohl nicht mehr so hoch wird wie die zweite. "Xaver" liegt mittlerweile über dem Baltikum, sein Wind hat sich abgeschwächt.

Warum kam die Küste bislang recht glimpflich davon?

Die hohen Investitionen in den Deichbau machen sich bezahlt. Früher drangen schon weitaus niedrigere Wasserstände weit ins Land und ließen Tausende ertrinken. Der Bund steckt jedes Jahr mehr als hundert Millionen Euro in den Küstenschutz; die betroffenen Bundesländer legen zusammen etwa die Hälfte oben drauf, oft noch mehr.

Fünf Millionen Menschen in Norddeutschland würden schon vom normalen Gezeitenhochwasser nasse Füße bekommen ohne Deiche - zweimal täglich. Beim Versagen der Deiche wäre beispielsweise ein Viertel Schleswig-Holsteins von Überflutung bedroht. Auch in Niedersachsen bietet eine weite Tiefebene der Nordsee im Katastrophenfall viel Platz.

Deichbau ist eine hohe Ingenieurskunst, in der jahrhundertelange Erfahrungen der Küstenbewohner und moderne Technologie verschmelzen. Die komplizierte Gewinnung von Marschland hat den Anlauf des Meeres vergrößert, die ausgefeilte Statik der Deiche hält mittlerweile selbst dem immensen Druck tagelanger Fluten stand, wie die "Xaver"-Flut beweist. Die Deiche werden langsam weich - aber sie scheinen zu halten.

Warum macht man die Elbmündung vor Hamburg nicht dicht?

London und Rotterdam schützen sich mit Sperrwerken vor der Nordsee. Nach der Hochwasserkatastrophe von 1953 haben beide Städte bewegliche Fluttore an ihre Flussufer gesetzt, die sich bei besonders hohen Meeresfluten schließen. In Hamburg wird seit Jahrzehnten über ein mögliches Elbsperrwerk diskutiert, das das Meer im Ernstfall von der Stadt abhalten soll.

Doch die Pläne erwiesen sich als schwer durchsetzbar. Die Breite der Elbe macht den Bau extrem teuer, von zehn Milliarden Euro war zuletzt die Rede. Zudem müsste der gesamte Küstenschutz zwischen Hamburg und der Nordsee verbessert werden: Wenn das Wasser nicht mehr nach Hamburg fließen kann, würde es Ortschaften entlang der Elbe fluten.

Mit Material von dpa

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Seite 1
Andr.e 06.12.2013
1.
Zitat von sysopDPAOrkan "Xaver" brachte viel Wind, mächtige Fluten - und er ist noch nicht vorbei. Werden die Unwetter jetzt immer schlimmer? Die wichtigsten Fakten zum Orkan. http://www.spiegel.de/panorama/sturm-und-sturmflut-fragen-und-antworten-zu-orkan-xaver-a-937583.html
Kann nicht sein. Gestern erst habe ich just in diesem Forum gelesen, dass in Hamburg doch gar nichts passiere. Ich hoffe jetzt nur, dass diese Experten schön in ihrem trockenen Sessel gepupst haben, nicht dass sich deren Einschätzung auch noch als falsch für sie selbst erwiesen hätte...
adal_ 06.12.2013
2.
Zitat von Andr.eKann nicht sein. Gestern erst habe ich just in diesem Forum gelesen, dass in Hamburg doch gar nichts passiere. Ich hoffe jetzt nur, dass diese Experten schön in ihrem trockenen Sessel gepupst haben, nicht dass sich deren Einschätzung auch noch als falsch für sie selbst erwiesen hätte...
Es ist nun mal amtlich. In Hamburg wurden 6,07 über Normalnull gemessen, der zweithöchste Wasserstand seit Beginn der Aufzeichnungen. Höher war der Pegel nur bei der Sturmflut 1976.
beatbox 06.12.2013
3. Wow
Dieser Artikel steht in Gegensatz zu dem auf dieser website platzierten Katastrophenfilmen vom Spiegel, in dem propagandiert wird, das es zu immer schlimmeren Stürmen käme. Dazu passt allerdings auch die Konfusion bei den Bezugsgrößen, so gibt es NN seit über zwanzig Jahren nicht mehr, Das mittlere Springniedrigwasser ist bereits ersetzt durch LAT usw. Sturmfluthochwasser und überfluteter Fischmarkt gibt's hier alle Jahre wieder. Sensationell ist für mich mittlerweile nur noch die schrille Berichterstattung um nichts.
eisbaerchen 06.12.2013
4. Keine Ahnung, was Sie
damit sagen wollen...dass Sie sich auskennen in der Welt?? Ihr Kommentar ist etwa sovier wert wie..."die Wintertemperaturen hier sind nichts gegen die in der Antarktis, der arktischen Tundra, auf dem Mount Everest, im Norden Russlands etc. etc...." ich hoffe Sie merken was...
adal_ 06.12.2013
5.
Mit Verlaub. Der Vergleich mit Hurricans und Taifunen ist dämlich.
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