Sturmtief "Tilo" Orkan fegt über Nordsee - Schnee im Süden

Schwerste Sturmflut seit 1990 in Hamburg, Dünenabbrüche an der Küste - spiegelglatte Straßen, Staus und Unfälle in den Mittelgebirgen und Alpen: Tief "Tilo" richtete in Deutschland Schäden in Millionenhöhe an. Auch am Wochenende droht Unwettergefahr.


Hamburg/München - Mit Spitzengeschwindigkeiten von 130 Stundenkilometern fegten heute die Orkanböen des Sturmtiefs Tilo über Nordeuropa hinweg. Doch die Menschen waren offenbar gut gegen die Naturgewalten gerüstet - Verletzte sind nicht zu beklagen, wenn es an der deutschen Nordseeküste auch zu Schäden in Millionenhöhe kam: Allein auf der Hochseeinsel Helgoland wurden Hunderttausende Kubikmeter Sand am Nordstrand vom Wasser weggerissen.

Küstenschutz und Meteorologen hatten vor einer schweren Sturmflut gewarnt. Die Hochwasserstände auf den Inseln stiegen schließlich bis auf rund 2,50 Meter. Auf den Nordseeinseln Juist, Langeoog, Spiekeroog und auf Wangerooge kam es nach Angaben des Niedersächsischen Landesbetriebes für Wasserwirtschaft, Küsten- und Naturschutz (NLWKN) zu "erheblichen" Dünenabbrüchen. 2007 waren zum Schutz der Küsten acht Millionen Euro investiert worden.

Durch die Wucht der Flut trat in den Häfen von Bremerhaven und Emden das Wasser über die Ufer. In Emden wurden 3,29 Meter, in Wilhelmshaven 3,08 Meter gemessen. Trotz Warnungen ließen Autobesitzer in Bremerhaven ihre Fahrzeuge in der Überschwemmungszone stehen. Binnen weniger Minuten waren die Autos bis zu den Außenspiegeln vom Wasser eingeschlossen.

Auch in Hamburg schwappte das Wasser bei Windgeschwindigkeiten von weit mehr als 100 km/h über die Ufer. Das Bundesamt für Seeschifffahrt und Hydrographie (BSH) in Hamburg gab eine Sturmflutwarnung heraus. Mit 3,33 Meter über dem normalen Hochwasser wurde in der Hansestadt der höchste Pegelstand seit acht Jahren gemessen, wie ein Sprecher des BSH-Hochwassermeldedienstes sagte.

Die Fährverbindungen zu den Nordseeinseln wurden wegen der Sturmflut vorübergehend gestoppt. Am Vormittag wurden das Emssperrwerk bei Emden und weitere Sperrwerke geschlossen. Insgesamt lagen die Wasserstände jedoch unter denen der schweren Sturmflut vom November 2006, als teilweise Rekordwerte gemessen wurden.

Die Niederlande hatten zum ersten Mal überhaupt das 1997 fertiggestellte Sturmflutwehr vor dem Rotterdamer Hafen wegen des hohen Wasserstandes geschlossen.

Die beiden je 210 Meter langen getrennten Flügel des riesigen Bauwerks wurden um Mitternacht in den Schifffahrtsweg geschwenkt. Am Freitagabend wurde das Wehr bei nachlassendem Wind und zurückgehendem Wasserstand wieder geöffnet. Etwa die Hälfte des Rotterdamer Hafengebiets war durch den Einsatz des Sturmflutwehres für 24 Stunden gesperrt.

Die Bewohner im Osten Englands wurden nur knapp von schweren Überschwemmungen verschont. Am Morgen stiegen die Pegelstände der Nordsee durch den Sturm zwar gefährlich an, doch blieben sie unter dem Niveau der Schutzwälle. Dennoch wurden mehrere Straßen und Keller überschwemmt.

Viele hatten die Nacht in Notunterkünften verbracht. Sicherheitshalber wurde das Flutwehr der Themse geschlossen. Gary Stubbs, 47, Wirt des Pubs "The Poachers Pocket" im ostenglischen Küstendorf Walcott in der Grafschaft Norfolk, erzählte: "Ich lebe hier seit 13 Jahren, aber das waren die schlimmsten Wellen, die ich je erlebt habe. Das ist halt pure Gewalt der Natur, und es gibt nichts, was sie stoppen kann." In dem Ort beschädigten die Wellen mehrere Häuser.

Ein ganz anderes Bild im Süden Deutschlands, wo der Winter Einzug hielt: In Bayern, Baden-Württemberg, Rheinland-Pfalz, Nordrhein-Westfalen, Thüringen und in Sachsen fiel Schnee. Auf dem Brocken waren es am Ende des Tages 14 Zentimeter. Am Alpenrand wie im Schwarzwald entstanden in einigen Gebieten ebenfalls leichte Schneedecken.

Der Wintereinbruch führte auf den Straßen zu zahlreichen Unfällen. Am Fuß der Zugspitze verunglückte ein Bus mit chinesischen Touristen, der laut Polizei auf Sommerreifen von der Straße abkam und in einen Graben stürzte. Sieben Menschen wurden leicht verletzt. Auf der Autobahn 8 am Irschenberg gerieten zwei Lkw auf der glatten Fahrbahn ins Schleudern und blockierten kurzfristig den Verkehr. Bei einem Unfall auf der Bundesstraße 313 bei Engstingen in Baden-Württemberg wurden zwei Menschen verletzt. Im Schwarzwald war unter anderem die Bundesstraße 33 zwischen Triberg und St. Georgen wegen liegengebliebener Lastwagen blockiert. Auch im Simonswälder Tal ging wegen querstehender Fahrzeuge streckenweise nichts mehr.

Dem Deutschen Wetterdienst zufolge herrscht am Wochenende im Alpenraum Unwettergefahr, für einige Regionen am Alpennordrand wird innerhalb von 24 Stunden mit Neuschneemengen von 150 Zentimetern gerechnet. Es kann nach Angaben der Experten zu erheblichen Verkehrsbehinderungen durch Glätte und eine steigende Lawinengefahr kommen.

pad/dpa/ddp



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