Suche nach verschollener Boeing "Das sind Dinge, die verstehe ich nicht"

Tagelang wurde mit Schiffen, Flugzeugen und Satelliten nach Flug MH 370 gesucht - offenbar im falschen Seegebiet, wie sich jetzt herausstellt. Wie groß die Chancen auf eine Ortung noch sind, erklärt Simon Hradecky, Betreiber des Branchendiensts "Aviation Herald".

Von Rainer Leurs

REUTERS/Australian Defence Force

SPIEGEL ONLINE: Herr Hradecky, die australische Seesicherheitsbehörde Amsa hat heute das bisherige Suchgebiet aufgegeben und um 1100 Kilometer nach Nordosten verlegt. Fängt die Suche jetzt ganz von vorne an?

Hradecky: Es scheint so. Nach Auswertung der Radar-Daten gehen die neuen Annahmen offenbar davon aus, dass die Maschine schneller war als bislang angenommen. Das würde bedeuten, dass sie mehr Treibstoff verbraucht hat. Was mich aber irritiert: Wenn man sich die neu berechnete Flugbahn auf der Grafik der Amsa anschaut, dann ist die dafür angegebene Geschwindigkeit mit 400 Knoten deutlich langsamer als bisher kalkuliert.

Amsa-Darstellung des neuen Suchgebiets mit möglichen Flugrouten
AMSA

Amsa-Darstellung des neuen Suchgebiets mit möglichen Flugrouten

SPIEGEL ONLINE: Dann widerspräche die Karte also der Verlautbarung der Behörde? Das Flugzeug wäre dann nicht schneller, sondern langsamer geflogen.

Hradecky: Genau. Möglicherweise nehmen die Ermittler an, dass die Maschine später, nach dem Abdrehen Richtung Süden, noch einmal das Tempo reduziert hat - auf besagte 400 Knoten. Verstehen kann ich das momentan nicht.

SPIEGEL ONLINE: Die Flugroute, von der die Ermittler jetzt ausgehen, verläuft auch weiter östlich als die bisherige. Wie ist das zu erklären? Für den Kurs ist es doch egal, wie schnell die Maschine fliegt.

Hradecky: Das ergibt sich aus den Satellitenpings. Die Behörden kennen die Laufzeiten dieser Signale, aus ihnen ergibt sich eine Distanz vom Satelliten zum Flugzeug. Diese Laufzeiten müssen für ein neues Modell des Flugverlaufs gleich bleiben. Verändert sich das angenommene Tempo der Maschine, dann ergibt sich ein anderer Kurs. Das ist mathematisch erklärbar.

SPIEGEL ONLINE: Mit über 300.000 Quadratkilometern ist das neue Suchgebiet fast so groß wie Deutschland. Muss man nicht spätestens nach der heutigen Entscheidung sagen, dass die an der Suche beteiligten Staaten völlig im Dunkeln tappen?

Hradecky: Jedenfalls schaut es im Moment nicht nach organisierter Suche aus, sondern nach einem Hüpfen. Im alten Suchgebiet gab es mehrere Satellitensichtungen von möglichen Trümmerteilen. Es würde sich lohnen, diese Objekte aufzuspüren. Stattdessen springt man jetzt weg. Warum?

SPIEGEL ONLINE: Es weiß niemand, ob es sich bei den gesichteten Teilen nicht um gewöhnliches Treibgut handelt.

Hradecky: Natürlich nicht, es könnte alles Mögliche sein - vielleicht sogar Müll vom Tsunami 2004. Aber mich irritiert, dass man die Suche nach diesen Objekten nicht abschließt. Man hat ja sogar Rauchbomben abgeworfen, um Schiffe heranzuführen. Dann gibt's ein Unwetter, und man kehrt nicht zurück. Das sind Dinge, die verstehe ich nicht. Wobei man sagen muss: Es kann durchaus sein, dass diese Entscheidung sinnvoll war. Als Außenstehender hat man nur einen limitierten Einblick in die Daten und kann daher manches nur schlecht beurteilen.

SPIEGEL ONLINE: Wir hatten bislang eher den Eindruck, es würden sämtliche Erkenntnisse sofort an die Öffentlichkeit getragen - selbst solche, die sich später als Irrtum erweisen. Täuscht das?

Hradecky: Es gibt gar keinen Zweifel, dass den Ermittlern wesentlich mehr Daten und Fakten bekannt sind als der Öffentlichkeit. Wenn man ehrlich ist, wissen wir doch nur sehr wenig. Gewiss ist eigentlich nur, dass ein Flugzeug verschwunden ist und danach gesucht wird. Aber wie die Herrschaften zu den Suchgebieten gekommen sind, welche Daten dahinterstecken, das können wir allenfalls erahnen. Malaysia hat zum Beispiel den Primärradar-Kontakt [Primärradar: Ortung ohne Rückmeldung eines Transponders - d. Red.] offiziell als Flug MH 370 identifiziert. Aber wie sie dazu kamen, ist völlig unklar.

SPIEGEL ONLINE: Man gerät mit solchen Fragen schnell in die Nähe von Verschwörungstheorien...

Hradecky: ... von denen ich relativ wenig halte. Ich kann mir nicht vorstellen, dass eine Flight Crew ein Flugzeug entführt oder stiehlt. Auch einen erweiterten Suizid kann ich mir nicht vorstellen. Das passt nicht zu den Szenarien. Für mich ist ein Unfall am wahrscheinlichsten.

SPIEGEL ONLINE: Wie schätzen Sie die Chancen ein, dass das Flugzeug überhaupt noch gefunden wird?

Hradecky: Wenn man annimmt, dass der Wille da ist, dann wird es auch gefunden.

SPIEGEL ONLINE: Sie meinen, dass jemand die Suche absichtlich verschleppen könnte?

Hradecky: Nein, so ist es nicht gemeint. Sicher setzt die malaysische Regierung alles daran, diesen Vorfall aufzuklären. Aber irgendwann, wenn man Millionen in seine Bemühungen gesteckt hat, wird man Kosten und Chancen gegeneinander abwägen. Und die Suche möglicherweise abbrechen.

Simon Hradecky lebt in Salzburg und betreibt den englischsprachigen Branchendienst "The Aviation Herald", ein weltweit anerkanntes Online-Portal über Zwischenfälle in der Luftfahrt. Der Österreicher ist gelernter Software-Entwickler und gilt als Experte für Flugsicherheit.

Forum - Diskussion über diesen Artikel
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Seite 1
meergans 28.03.2014
1. Diego Garcia
Am Unverständlichste ist für mich das Verhalten, bzw.das Mäuschenspielen des eminent wichtigen US- Luftwaffenstützpunktes Diego Garcia im Indik.Dieses vital wichtige Standbein der US-Weltmachtüberwacht z.B. den ganzen Luftraum zwischen Rußland,Sibirien und der Arktis. Schon aus Eigeninteresse undum einer evtl. Terrorattacke vor zu beugen, kennt undbeobachtet das Militär dort alle Flüge in dieser Weltregion. Es ist zu 98% ausgeschlossen, daß ein Flug von Kuala Lumpur nach Beijing, der plötzlich nach Westen dreht, ihrer Aufmerksamkeit entgangen sein sollte. Das gibt es nicht, denn eine, wie auch immergeartete Attacke auf Diego Garcia muß vor allemaus der Luft erwartet werden. Nichts davon in derWeltpresse. Nur ein deutscher Forist hat das voreinigen Tagen erwähnt.
Altesocke 28.03.2014
2. Das ergibt sich aus den Satellitenpings
Der Satellit hat gepingt? Warum kann ich mich dann nur an Berichte erinnern, das die Triebwerke 'nach Hause telefonieren wollten', der Satellit das zwar registrierte, aber seinerseits keine Verbindung aufbauen wollte/durfte? Das laesst bsich fuer mich auch nicht so einfach berechnen, wie aus dem Empfang eines Pings nun die Entfernungen berechnet werden/wurden. Jedenfalls ohne zweiten Empfaenger, womit es dann eine Laufzeitverschiebung durch die bekannten Zeiten der Satelliten geben wuerde. Entweder gibt es bei der Technik noch viel mehr, das nicht an die Oeffentlichkeit kommt, oder es ist zur Beruhigung und um endlich Erfolg bei der Suche vorzuweisen, mehr oder weniger an den Haaren herbeigezogen. Ich gehe mal weiterhin davon aus, das der Lande/Absturzort bekannt ist. Nur nicht allen Beteiligten. Und nun wird an einer Loesung gearbeitet, das 'Verschwinden' zu einem Absturz umzuarbeiten. Wahrscheinlich musste die Maschine schneller geflogen sein, um ueberhaupt in die Naehe der angegebenen Position kommen zu koennen. In der kuerze der Zeit, und bei der ZickZackroute vorher. Die weit in westliche Richtung fuehrte. Schon recht unwahrscheinlich, das aussen rum um Sumatra geflogen wurde, um dann einfach im Meer zu verschwinden.
dwg 28.03.2014
3.
Meines Wissens nach hat man keine Laufzeiten der Satelliten Pings, sondern nur den Empfangswinkel an der geostationären Position des Inmarsat Satelliten über dem indischen Ozean.
Redigel 28.03.2014
4. Dr.
Zitat von meergansAm Unverständlichste ist für mich das Verhalten, bzw.das Mäuschenspielen des eminent wichtigen US- Luftwaffenstützpunktes Diego Garcia im Indik.Dieses vital wichtige Standbein der US-Weltmachtüberwacht z.B. den ganzen Luftraum zwischen Rußland,Sibirien und der Arktis. Schon aus Eigeninteresse undum einer evtl. Terrorattacke vor zu beugen, kennt undbeobachtet das Militär dort alle Flüge in dieser Weltregion. Es ist zu 98% ausgeschlossen, daß ein Flug von Kuala Lumpur nach Beijing, der plötzlich nach Westen dreht, ihrer Aufmerksamkeit entgangen sein sollte. Das gibt es nicht, denn eine, wie auch immergeartete Attacke auf Diego Garcia muß vor allemaus der Luft erwartet werden. Nichts davon in derWeltpresse. Nur ein deutscher Forist hat das voreinigen Tagen erwähnt.
Aha, zu 98% also... und zu wieviel % hätten die Militärs aller Anrainerstaaten das abdrehen von MH370 bemerken müssen? Sry, ich frage das ernsthaft, da sie der einzige sind, der bisher mit einer 98%igen Gewissheit aufwartete...
i_spreewitz 28.03.2014
5. Hypothese
Hier möchte ich eine weitere Hypothese geben: Wie wäre es, wenn das Flugzeug gar nicht abgestürzt ist – sondern ganz einfach gestohlen wurde. Die Passagiere möglicherweise umgebracht wurden (vieleicht durch Gaseinsatz) und das Flugzeug irgendwo gelandet ist. Vielleicht sollte man mal in diese Richtung schauen.
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