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Sudoku-Sportler: Die haben's im Kasten

"Ein wundervolles Rätsel!" Wer das ausruft und ernst meint, muss zur Sudoku-WM. Alljährlich treffen sich Gehirnsportler aus aller Welt, um sich in dem Kästchenspiel zu messen. Vea Kaiser rätselte mit und traf attraktive Nerds und schräge Genies.

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REUTERS; [M] SPIEGEL ONLINE

Die Sudoku-Elite beim Gehirnsport

Eine Legende sagt, Homer, der erste Dichter Europas, sei aus Verzweiflung darüber gestorben, dass er ein von Fischerjungen gestelltes Rätsel nicht hatte lösen können: "Was wir gesehen und gefangen haben, das lassen wir da; was wir aber nicht gesehen und nicht gefangen haben, das nehmen wir mit."

Rätsel 1: Wieso rätselt der Mensch?

Als ich am 11.Oktober 2013 im Flugzeug über Russland sitze, im Pass ein Visum für die Teilnahme an der achten internationalen Sudoku- und Rätsel-Weltmeisterschaft in China, fühle ich mich Homer so nahe wie noch nie - denn auch ich verzweifle an einem Rätsel, genauer gesagt an mehreren Rätseln, genauer gesagt am Instruction-Booklet, in dem all jene Sudoku-Varianten erklärt werden, deren Lösung in den folgenden Tagen geschafft werden muss.

Bis zu diesem Zeitpunkt habe ich gedacht, Sudoku sei ein einfaches Zahlen-Ausfüll-Spiel mit klaren Regeln: 33 Boxen mit jeweils 9 Kästchen, in die alle Ziffern von 1 bis 9 einmal eingetragen werden müssen, so dass in keiner Box, keiner Zeile, keiner Spalte eine Ziffer doppelt vorkommt. Doch das stellt sich als der Basis-Typ heraus. In dem geklammerten Heftchen entdecke ich Killer-Sudokus, Jigsaw-Sudokus, Diameter-Sudokus, Anti-Diameter-Sudokus, Chess-Sudokus, Anti-Chess-Sudokus und 60 weitere Varianten. Dass ich manche der Rätsel nicht lösen kann, ist verschmerzbar. Doch dass ich nicht einmal die Regeln der meisten verstehe, lässt mich verzweifeln.

Ich sitze in diesem Flugzeug, weil ich wissen will, was den Menschen dazu treibt, seine Zeit mit Rätseln zu verbringen. Ist es Langeweile? Ist es Neugier? Ist es eine existenzielle Sehnsucht? Wenn es einen Ort gibt, an dem ich eine Antwort finde, dann bei einer Rätsel-Weltmeisterschaft. Im Vorfeld war ich euphorisch und neugierig, nun bin ich geknickt und ängstlich. Dass ich mich blamieren werde, steht außer Frage, doch selbst bei Blamagen gibt es eine Skala von schlimm bis ganz schlimm hin zu bodenlos.

Rätsel 2: Ist Rätseln eine Industrie?

"Dabei sein ist alles", sagte Stefan Heine, Deutschlands Rätselmacher Nummer 1, als er mir erstmals von der Rätsel- und Sudoku-WM erzählte. Stefan, ein grosser Hamburger mit rahmenloser Brille, hinter der blitzblaue Augen neugierig in die Welt funkeln, gründete eine der grössten Rätselwerkstätten Europas. Weltweit drucken mehr als 350 Kunden seine Rätsel, deren Gesamtauflage über 400 Millionen Exemplare ausmacht - im Monat. Seine Werkstatt stellt über 130 verschiedene Arten von Rätseln her, die Seitenteile, Seiten, Rubriken, aber auch komplette Zeitschriften oder Bücher füllen. Stefan zerbricht sich den Kopf darüber, wie er es anstellen kann, dass sich andere Menschen den Kopf zerbrechen. Und das tut er mit der Leidenschaft eines kleinen Buben, der das Handy seiner grossen Schwester versteckt hat und eine diebische Freude dabei empfindet, wenn sie panisch die ganze Wohnung durchwühlt.

Gefunden in
Daneben ist Stefan Kapitän der deutschen Sudoku- und Rätselnationalmannschaft. Um als deutscher Staatsbürger an der WM teilnehmen zu dürfen, muss man durch die Online-Ausscheidung. Wenn also Stefan sagte: "Dabei sein ist alles", meinte er damit, dass man als deutscher Teilnehmer stolz sein kann, denn man hat die Qualifikation geschafft und rätselt in einem der besten Teams der Welt. Ein Grossteil der teilnehmenden Länder veranstaltet Online-Ausscheidungen, um sein Team aufzustellen. In Grossbritannien, Serbien, Indien, Kroatien, Tschechien und einigen weiteren Ländern gibt es zudem Ligen, über das Jahr laufende Grand-Prix, deren beste Spieler schliesslich für die WM nominiert werden. Auch die Swiss Puzzle Federation veranstaltet alljährlich einen Online-Bewerb, um ihr Team zu finden.

Österreich hingegen ist sudoku- und rätseltechnisch ein Entwicklungsland. Eine Abgesandtenauswahl per Wettbewerb gibt es nicht, von Vereinen oder irgendeiner Organisation ganz zu schweigen. Die Sudoku- und Rätselcommunity besteht aus einigen Individuen, die auf diverse Wege miteinander in Kontakt gekommen sind und sich gelegentlich zu Spielabenden treffen. Als Österreicherin fühle ich mich ein bisschen wie Jamaica, das 1988 bei den Olympischen Spielen im Eisbobfahren antrat. Wie ein Mantra murmle ich: Dabei sein ist alles, dabei sein werd ich, also nichts zu verlieren.

Rätsel 3: Will man sich beim Rätseln des eigenen Verstandes versichern?

"Ich habe Angst, meine geistige Kraft zu verlieren", sagt Byron Calver aus Kanada zu mir, als wir zur Grossen Mauer hinaufsteigen. Was meine Nervosität etwas lindert, ist, dass die Weltmeisterschaft mit Sightseeing beginnt. 164 Teilnehmer aus 34 Nationen sind angereist, fast alle finanzieren einen Teil ihrer Reise oder die gesamte Reise aus eigener Tasche, logisch, dass man etwas vom Gastgeberland sehen will. In jedem Fall ähnelt der erste Tag der Weltmeisterschaft einem Schulskikurs. Alle sind aufgeregt, freuen sich, einander zu sehen, und ich staune, dass sich die meisten Teilnehmer kennen: Ständig fallen sich Menschen in die Arme, begrüssen sich mit einer Herzlichkeit und einem Lächeln, das denjenigen eigen ist, die sich zwar lange nicht mehr gesehen haben, sich aber dennoch aus tiefstem Inneren schätzen.

Auch Byron, den ich kennenlerne, als ich ihn nach wenigen Stufen völlig erschöpft am Wegrand sitzen sehe und ihm Wasser, Taschentücher sowie meine Schulter als Aufstiegshilfe anbiete, redet sofort mit mir, als würden wir uns seit ewig kennen. Bleich im Gesicht, als hätte er den Geist eines Hunnen-Kriegers gesehen, erzählt er: "Ich bin hier, weil ich wissen will, ob ich es noch kann." Obwohl mich das brennend interessiert, versuche ich ihn zu bremsen. Immerhin liegt der halbe Weg hoch zur Mauer vor uns, und Byron, gross, schlaksig, schwarzhaarig, steht schon kurz vor dem Lungeninfarkt. Doch Byron Calver, einer der legendärsten Sudoku-Spieler des Planeten, ist unter anderem dafür bekannt, prinzipiell den Mund niemals zu schliessen, es sei denn, er löst Sudokus, doch auch dabei hört man ihn des Öfteren sprechen: "Oh, das ist ein wundervolles Rätsel", "Was für ein hübsches, schweres Sudoku", "Ach, du kleine harte Reihe".

Byron ist ein Urgestein der Szene. Er entdeckte seine Liebe zum Rätseln im Kindergartenalter und belegte mit 15 Jahren an seiner ersten Championship-Teilnahme auf Anhieb Platz 5. Mittlerweile ist Byron 29 Jahre alt, und drei Schritte vor der Mauer sagt er: "Ich fürchte, ich werde zu alt." Und damit meint er nicht die Tatsache, dass er den Aufstieg zur Mauer ohne die Hilfe einer 24-jährigen Österreicherin nicht geschafft hätte. Byron zählte jahrelang zur Weltspitze; doch vor zwei Jahren hatte er ein Sudoku-Burnout. "Im Vorfeld der WM hatte ich verdammt hart trainiert, mich monatelang vorbereitet, doch es reichte wieder nicht für die Top 3. Im Flugzeug zurück nach Saskatoon nahm ich wie immer mein Sudoku-Buch heraus, doch plötzlich konnte ich die Kästchen nicht mehr sehen, mir war egal, wo welche Ziffer stand, ich hatte keine Lust mehr auf Sudoku." Und dieser Zustand dauerte an. Die nächste WM fand ohne Byron statt, der sich Magic-Karten-Turnieren und Brettspielen zuwandte. Doch die Liebe zum Einsetzen von Ziffern in Kästchen kehrte zurück. "Irgendwann machte es mir wieder Spaß, also begann ich zu üben und zu üben, und bei dieser WM möchte ich wissen, ob ich es noch kann."

Wir schaffen es auf die Mauer. Rund herum die bewaldeten Hänge, herrlicher Ausblick und ein beeindruckendes Bauwerk. Byron bleibt stehen und seufzt. Ich versuche ihn zu ermutigen, sage ihm, dass dreissig kein Alter sei, doch meine Worte verhallen in der endlosen Weite. Byron will niemandem etwas beweisen - außer sich selbst. Melancholisch schaut er sich um, ich sage, dass ich an ihn glaube, und umarme ihn. Er drückt mich, etwas länger, als es angebracht wäre, und plötzlich höre ich erstauntes Männer-Grölen hinter meinem Rücken: Der Rest von Team Kanada kommt um die Ecke, und alle haben ihre Smartphones gezückt, um Byron zu fotografieren, der mich fest umklammert hält.

Rätsel 4: Ist Rätseln Sport oder Spiel?

Nachdem es die Sudoku-WM kaum eine Dekade gibt, müssen auch die Organisatoren noch viel lernen. Statuten ändern sich ständig, doch das war bei keiner Wettkampfart anders - selbst die Olympischen Spiele begannen 1896 mit nur 250 Athleten, wobei der Marathon-Sieger seinen Triumph der Tatsache verdankte, dass zwei Konkurrenten aufgeben mussten, die während des Rennens ausschliesslich Alkohol getrunken hatten.

Die Geschichte der Sudoku-WM dreht sich um drei große, immer wiederkehrende Pannen: zu wenig Quartiere für die Spieler, auf Flughäfen vergessene Teilnehmer und - was im Maßstab der Rätsel- und Sudoku-WM das Allerschlimmste ist - fehlerhafte Rätsel, also Rätsel, für die es keine Lösung gibt. China jedoch nimmt wie bei den Olympischen Spielen seine Aufgabe, die WM zu organisieren, sehr ernst. Ausgetragen wird sie in Château Lafite, einer perfekten Kopie des 1650 in Frankreich erbauten Schlosses an der Seine. Würden nicht hin und wieder überbeladene Fahrräder vorbeifahren, bekäme ich Zweifel, ob das hier wirklich China ist. Am beeindruckendsten ist die schier unendliche Zahl ehrenamtlicher Helfer, die in blauen Poloshirts herumwuseln und sich um jedes kleine Detail kümmern. Ein polnischer Sudoku-Spieler erklärt mir irgendwann, dass es 30 Helfer mehr als Teilnehmer gäbe. Er habe sie gezählt, fotografisches Gedächtnis, und ich weiss zwar nicht, ob das stimmt, bin aber sofort bereit, ihm zu glauben.

Bereits beim Frühstück am ersten Wettkampftag habe ich das Gefühl, als vollwertiges Mitglied der Sudoku-Community akzeptiert worden zu sein. Alle reden miteinander, doch die Gespräche drehen sich bei aller Herzlichkeit nur um eines: Rätseln. Reden Stabhochspringer bei der WM auch nur über Stäbe und Sand?, frage ich mich. Realistisch gesehen, beschränkt sich der Favoritenkreis auf ein Dutzend Spieler. Doch fast jeder hat sich etwas vorgenommen: Top 30, Top 100, zweites Drittel, Mittelfeld - ich für meinen Teil habe das ehrgeizige Ziel, die Regeln zu verstehen, mindestens vier Rätsel zu lösen und nicht Letzte zu werden.

Rätsel 5: Lieber leicht oder schwer?

Als wir in dem grossen, niedrigen, abgedunkelten Saal an den mit schwarzen Tischtüchern gedeckten Tischen unter pompösen Plastik-Lüstern unsere zugelosten Plätze beziehen, merke ich, wieso man ein eigenes Ziel braucht; denn es ist völlig sinnlos, bei einer WM gegen andere ankämpfen zu wollen. Anders als beim Hürdenlauf, beim Stabhochsprung, beim Schach weiss man schliesslich nicht, wie es den anderen ergeht. Man muss sich vorstellen: Der Wettbewerb wird in neun Runden abgehalten: Pro Runde bekommt man ein Heft voller Sudokus, deren jeweilige Punktezahl angegeben ist. Es geht natürlich darum, möglichst viele Punkte zu erreichen, aber ob man das dadurch schafft, dass man wenige schwere oder möglichst viele leichtere knackt, ist eine Taktikfrage. Rund herum sind alle energisch über ihre Rätselbögen gebeugt, doch ob das Umblättern bedeutet, dass ein Rätsel gelöst oder ob strategisch mit einem anderen begonnen wird, weiss man nicht. Man ist völlig mit sich allein, hat kein Publikum, keinen Vergleichspunkt, man nimmt nichts wahr außer leisen Scharren von Bleistiftanspitzern, dem Rascheln von Papier, den Geräuschen von Wasserflaschen.

Ich bin entspannt, weiß um meine bescheidenen Ziele, doch als der Eröffnungsgong ertönt, kann ich nur mehr panisch auf meinen Rätselbogen schauen. Meine Hoffnung erfüllt sich; die ersten Sudokus sind tatsächlich kinderleicht, 44, 66, wie aus dem "Bussi-Bär", und nach wenigen Minuten habe ich tatsächlich eines gelöst, überprüfe gründlich, ob es auch wirklich richtig ist, und schau an: Die erste meiner Ängste, ohne ein einziges gelöstes Rätsel nach Hause fahren zu müssen, löst sich in Luft auf. Doch dann begehe ich einen schweren Fehler: Obwohl ich noch nie in meinem Leben ein 88-Sudoku gelöst habe, versuche ich es. Irgendwann trage ich eine Zahl falsch ein (weil ich Nerverl natürlich vergesse, dass es nur acht Ziffern gibt), und dann der eigentliche Fehler: Ich versuche, den Fehler zu finden. "Versuche niemals, ein Rätsel zu korrigieren. Wenn du merkst, da ist der Wurm drin, aber du siehst ihn nicht - sofort weiter", wird mir Markus Roth aus dem Schweizer Team später erklären und verwundert hinzufügen: "Außerdem, wieso hast du dich überhaupt mit den einfachen Rätseln aufgehalten? Man fängt besser mit denen an, die mehr Punkte geben!"

Drei Rätsel schaffe ich, auch jenes tückische 88, und als ich merke, dass ich in den verbliebenen fünf Minuten kein weiteres mehr schaffen werde, schaue ich mich um.

Sofort wird mir klar, warum es so schwierig ist, für eine Sudoku- und Rätsel-WM Sponsoren zu gewinnen: Zuzusehen ist ungefähr so lustig wie eine Schularbeit zu beaufsichtigen. Sponsoren brauchen gute Bilder, und eine Foto von 160 Menschen, deren Gesichter man nicht sieht, weil sie so nah über einem Stück Papier kleben, gibt optisch nicht viel her. Doch dann entdecke ich ihn: schräg vor mir, dicke Brillengläser, schwarze kurze Haare, das schlammbraune T-Shirt der philippinischen Mannschaft und höchstens sieben Jahre alt. Ich weiss nicht, wieso, und ich weiss, ich sollte es besser wissen, doch plötzlich habe ich ein neues Ziel: Ich will mehr Punkte erreichen als dieser Junge. Immerhin steht, kaum dass der Pausengong ertönt ist, seine Mutter vor ihm und schnäuzt ihm die Nase. Dich werde ich kriegen, denke ich mir, und begebe mich nach draußen in die warme Sonne.

Byron ist so zerknirscht, dass er sich nicht einmal umarmen lassen will, obwohl die anderen Kanadier in Sichtweite stehen. "Kein guter Start. Ich habe mich mit den falschen Rätseln aufgehalten", sagt er und wandert Kaffee holen. Ich folge Byron, doch in der Tür zum Saal bleibe ich stehen. Es ist einer der seltenen, klaren Tage in Peking, irrsinnig warm für Mitte Oktober, und trotzdem verbringen die meisten die halbstündige Pause in dem stickigen Saal, dessen Fenster mit dunklem Stoff abgeklebt sind. Und sie vertreiben sich die Zeit mit Gameboys, PSPs, Brettspielen und noch mehr Rätseln. Ein bisschen wie Fussballer, die in der Halbzeit Runden am Platz drehen.

Rätsel 6: Wie nerdig ist die Rätsel-Welt?

In der nächsten Runde geht es um Variationen: Killer-Sudoku, wo lediglich die Summe der Kästchen bekannt ist. Ring-Sudoku, wo die Kästchen in Kreisform angeordnet sind, sowie weitere Varianten, deren Regeln ich bis heute nicht verstehe, allen voran Chess-Sudoku, das mir ein grösseres Mysterium ist als die Frage, ob es einen Gott gibt. Ich habe mir die Ratschläge zu Herzen genommen und beginne mit meiner Lieblings-Variation, dem Diameter-Sudoku, schaffe noch das Ring- wie das Stern-Sudoku und verlasse die zweite Runde stolz grinsend, wenn auch im neu gewonnenen Übermut etwas verärgert, dass die Zeit nicht zwei Minuten länger ging, denn dann hätte ich ein viertes geschafft. Die Profis, die mir zuhören, lächeln gutmütig. Die meisten haben natürlich 10 bis 15 Rätsel gelöst. Der Einzige, der ehrlich und intensiv Anteil an meiner Freude nimmt, ist Jarrett, Byrons Teamkollege. Jarrett ist mit Abstand der hübscheste Teilnehmer. Seine Jeans sitzen so, wie Jeans sitzen sollen. Statt T-Shirts mit den Logos der Universität, des Teams oder der Lieblingsserie (auffallend oft "Star Trek" und "South Park") trägt er karierte Flanellhemden, eine Surfer-Kette um den Hals.

Was Jarrett außerdem von den meisten hier unterscheidet, ist seine Reiselust. Viele Teilnehmer erzählten mir, dass sie ihr Land meist nur für die Sudoku-WM verlassen. Allesamt keine großen Zugvögel, nur die Rätsel-Weltmeisterschaft lockt sie aus ihren Nestern. Jarrett hingegen ist ohne Rückflugticket oder Winterjacke hier. "Jetzt geniesse ich die WM, und dann werde ich mich gen Süden durchschlagen. Noch ein bisschen China, und sobald es kälter wird, weiter nach Thailand oder so." Doch dann müssen wir zur nächsten Runde. In Runde vier, wo mathematische Rechenoperationen für die Lösung vonnöten sind, steige ich mental aus. Nun ist der Punkt erreicht, an dem mir die Regeln zu kreativ, die Rätsel zu schwer und der Kopf zu voll wird. Später in der Nacht werde ich davon träumen, dass ich von Kopf bis Fuß mit Zahlen tätowiert in einem Raum voller Raster und Gitter gefangen bin.

Dafür habe ich mit Ende des ersten Tages eine wichtige Erkenntnis gewonnen: Bei der WM geht es nicht nur um die Fähigkeit, Sudokus zu lösen, sondern vor allem auch darum, sich selbst einschätzen zu können. Praktisch niemand kann alle Rätsel lösen. Vielmehr zählt zu wissen, welcher Rätsel-Typ einem liegt, einschätzen zu können, wann einem ein Rätsel zu schwer ist und man sich besser einem anderen widmet, Fehler sofort zu erkennen, den Moment abschätzen zu können, wann man aufgibt oder wann man sich durchbeisst.

"Ich hab es versemmelt", sagt Byron nach der letzten Runde und lässt sich diesmal umarmen, jedoch nur kurz. Am Ende des Tages werden die Zwischenergebnisse an den Türen ausgehangen. So sehr ich Byron die Daumen gedrückt und mir gewünscht habe, dass er es zurück an die Weltspitze schafft, Byron hat es wirklich versemmelt. Als sich der Trubel legt und ich endlich einen Blick auf die Auswertung erheischen kann, sehe ich, dass auch ich eine Niederlage erlitten habe. Ich bin zwar nicht Letzte, doch der siebenjährige Filipino, der zwischen Runde 5 und 6 ein Malbuch ausgemalt hat, ist weit, weit, weit besser als ich. Uneinholbar quasi. Auf dem Weg in mein Zimmer rede ich mir ein, dass es okay ist, weil er eines Tages den Nobelpreis gewinnen wird, der geniale kleine Zwerg.

Rätsel 7: Ist das der Tisch von Team Kanada?

"Ist hier frei?", frage ich Aron, einen weiteren Kanadier, als ich beim Abendessen zum Tisch komme, an dem Byrons und Jarretts Jacken hängen. Aron, ein Chino-Kanadier in der zweiten Generation, kaum älter als ich und doch mit ausgeprägter, leicht schuppiger Halbglatze, nimmt seine überdimensionalen Kopfhörer ab, schaut mich verwirrt skeptisch an, und als ich meine Frage wiederhole, antwortet er: "Das ist der Tisch von Team Kanada." "Es gibt keine Team-Tische", sage ich, "ich wollte mit Byron und Jarrett essen." "Aber das ist der Tisch von Team Kanada." "Und?" "Das ist der Tisch von Team Kanada." Jarrett kommt vom Buffet zurück und zieht mich ans andere Tischende. Aron setzt seine Kopfhörer wieder auf und funkelt mich böse an. "Weisst du, Aron ist eigen. Er braucht eine klare Ordnung", sagt Jarrett entschuldigend und erklärt, dass Aron zu jenen Teilnehmern gehört, für die das hier kein Spass ist, sondern bitterer Ernst. In dieser Welt bin ich ein Feind, egal, wie viele hundert Ränge Aron vor mir liegt. Byron, der während dieser Unterhaltung in eine der Byronschen Phantasiewelten abgeglitten ist, in die er manchmal abschwebt, um für eine gewisse Zeit nur noch als Körper anwesend zu sein, sagt plötzlich, als Jarrett und ich die Münder voller Reis haben: "Ich verstehe die Menschen nicht. Sie machen mich alle nervös. Und wenn ich besonders nervös bin und gar nichts mehr verstehe, dann hilft immer noch Sudoku."

Meine Freunde, denen ich im Vorfeld von der Weltmeisterschaft erzählte, meinten alle, ich würde dort sicherlich die ärgsten Nerds der Welt kennenlernen. Wer sonst reist freiwillig bis ans Ende der Welt, um ein paar Rätsel zu lösen? Ich habe mich immer strikt dagegen gewehrt, die Menschen als Nerds abzustempeln, doch nun, am dritten Tag hier, muss ich zugeben, dass bei vielen das mathematische Denken sicherlich ausgeprägter ist als das soziale.

In der Hotelbar komme ich mit Gill Galati ins Plaudern, einem israelischen Sponsor, der den Wettbewerb wie ich eher von außen als von innen betrachtet. "Weißt du, mehr Mensa-Mitglieder an einem Ort findest du nur bei der Mensa-Jahreshauptversammlung." Mensa ist ein weltweiter Verein für Menschen, die intelligenter sind als 98% ihrer Landsleute. Aber nicht nur Mensa-Mitglieder gibt es hier, sondern auch Intertel, Triple-Nine-Society, und ich lerne sogar ein Mitglied der Prometheus-Society kennen, wo nur Menschen akzeptiert werden, die einen IQ mit einer theoretischen Seltenheit von mehr als 1:30.000 vorweisen können. Ich bin nicht einmal smart genug, um zu verstehen, was das bedeutet.

Rätsel 8: Befriedigt Rätseln, weil man weiss, dass es eine Lösung gibt?

Am vierten Tag findet nach zwei abschliessenden Runden, die jedoch weder im Spitzenfeld noch in den unteren Rängen groß was verändern (und auch meine Niederlage gegen den Siebenjährigen nicht abwenden), das Finale statt, und endlich hat diese WM auch einen Anreiz, zuzuschauen. Die besten zehn aus dem allgemeinen Wettbewerb nehmen an zehn Tischen Platz, vor welchen weitere Tische stehen, die jedoch wie beim Sesseltanz pro Reihe weniger werden. Wer ein Sudoku richtig löst, darf weiterrücken, bis am Ende drei Thronsessel auf die Sieger warten.

Und endlich liegt Spannung in der Luft! Byron ist wieder quietschfidel. Wenn mir das Finale Spass macht, muss es für ihn schöner sein als Weihnachten und Ostern zusammen. Das erste Mal habe ich das Gefühl, bei einem Wettkampf zu sein, und dieser verläuft schlussendlich auch ordentlich dramatisch. Zu Beginn des Finales führt Tiit Vunk aus Estland weit vor Bastien Vial-Jaime aus Frankreich, doch Tiit, der mit Zeitvorsprung beginnen darf, braucht ewig, um das erste Rätsel zu lösen: Als er fertig ist, ist die zweite Reihe bereits voll. Bastien, der Zweite, scheitert an der zweiten Runde, und die Enttäuschung, die sich in ihren Gesichtern abzeichnet, als sie aufblicken und sehen, nicht weiterrücken zu können, sondern sitzen bleiben zu müssen und zu beobachten, wie alle anderen immer weiter nach vorne wandern, kann mit Worten gar nicht beschrieben werden. Aber im Finale werden die Karten neu gemischt, und so schaffen es letztendlich zwei Favoriten, Kota Morinishi aus Japan, Jakub Ondroušek aus Tschechien, sowie die Überraschung, der erst 16-jährige Chinese Jin Ce, auf einen Thron.

Ich denke, das war's jetzt, doch nun kommt der eigentliche Spass: Die beiden Schnellsten, Kota und Jin, müssen zum Kampf um den ersten Platz antreten und auf grossen Whiteboards mit Markern vor Publikum fünf Sudokus lösen. Die erste Runde geht an Kota, die zweite an Jin, die dritte an Kota, die vierte an Jin, und ich staune vor allem, wie verschieden die Strategien der beiden sind. Jin schreibt unermüdlich die Möglichkeiten klein in die Kästchenecke, hier eine 2 oder 4, hier eine 5 oder 6, während Kota wie ein Maler Distanz zum Whiteboard behält. Er starrt auf das Rätsel, hin und wieder trägt er mit ausgestrecktem Arm eine Ziffer ein, und dann plötzlich legt er los und beschreibt die leeren Kästchen schneller, als ich schauen kann.

Dann kommt das fünfte und letzte Rätsel. Ich gestehe, ich drücke dem verwuschelten kleinen Kota, der ständig den linken Arm anwinkelt wie ein Brathähnchen, die Daumen, und zwar nicht, weil er zu jeder Uhrzeit so aussieht, als wäre er gerade erst aus dem Bett gefallen und hätte noch keine Zeit gehabt, sich den Schlaf aus den Augen zu wischen, sondern weil es mich fasziniert, wie man bloß durch das Starren auf ein Sudoku plötzlich die Lösung weiss. Jin Ce beginnt das fünfte Rätsel auszufüllen, Kota starrt es an, und plötzlich legt er los: vier, sieben, hier, dort, ich kann gar nicht mehr schauen, Jin Ce fehlen noch vier Kästchen, Kota sechs Kästchen, Jarrett greift nach meiner Hand und drückt sich zärtlich - plötzlich ist Jin Ce fertig, zwei Sekunden vor Kota.

Rätsel 9: Kann man Sudoku trainieren?

Jin dreht sich um, seine Miene ist ausdruckslos wie bei einem Krieger der Ming-Dynastie, der Saal hält die Luft an, die Schiedsrichterin kontrolliert seine Lösung, nickt, und hiermit steht fest: Jin Ce, sechzehn Jahre alt, die feinen Barthaare noch im Wachstum begriffen, ist der neue Weltmeister. Und dann sehe ich nichts mehr: gefühlt 100 Fotografen und mindestens fünfzig Kamerateams versperren meinen Blick. Ich habe gar nicht mitbekommen, dass die Außenwelt in den bis dahin abgeschotteten Wettbewerb gedrungen ist. Blitzlichter gleißen, Zuschauer jubeln, junge Chinesinnen kreischen. Der Gastgeber stellt den Weltmeister, und als ich mit dem deutschen Team, das eines der schlechtesten Ergebnisse in seiner Geschichte einfährt, nach draußen flüchte, sagt jemand: "Das ist ja wie bei den Olympischen Spielen!"

Der Vergleich ist nicht allzu weit hergeholt. China hat nicht nur den größten Aufwand in der Geschichte der Sudoku-WM betrieben, um diese möglichst beeindruckend auszurichten, China hat sich auch große Mühe gegeben, mit einer starken Mannschaft anzutreten. Seit feststand, dass China die WM ausrichten würde, fanden in allen Provinzen Sudoku-Wettbewerbe statt, um die verborgenen Talente aufzuspüren. In ausgewählten Schulen wurden Sudoku-Klassen angeboten, und die Teilnehmer wurden trainiert, wie ich das von keinem anderen Team gehört hätte. Der Fünftplatzierte, Sun Cheran, ist gerade mal vierzehn Jahre alt. In der Teamwertung siegt China vor Tschechien und Japan, doch was mich am meisten freut: irgendwie haben alle ihren Spaß, sei es beim Rätseln, sei es beim lockeren Plaudern, sei es beim Karaoke-Singen, sei es beim Tanzen im Hotelzimmer der polnischen Mannschaft, an dessen Tür jeden Abend ein Schild hing: "Es gibt Wodka, alle willkommen."

"Es geht ja nicht nur um die Resultate, es geht vor allem um das Zusammensein, um den gemeinsamen Spaß am Rätseln", meint Byron, und am letzten Tag sitzen wir alle in der Hotelbar und singen die von Byron komponierte Sudoku-Hymne: "Sudoku! I am so glad I got to know you, and all the places that we'd go to, I travel far for my Sudoku!"

Gemeinsam mit Stefan Heine, Deutschlands Rätselmacher Nummer 1, überlege ich abschließend noch lange, was es eigentlich ist, das uns alle so sehr am Rätseln fasziniert. "Der Mensch wollte schon immer wissen, was sich hinter dem Wald befindet. Die Lust am Rätseln unterscheidet uns doch auch von den Tieren", meint Stefan, doch ich muss ihm widersprechen. Ich glaube, uns fasziniert es, Probleme zu lösen - vor allem, wenn wir wissen, dass es für diese Probleme eine Lösung gibt.

Rätsel 10: Was ist des Rätsels Lösung?

"Das Beste daran, dass die Weltmeisterschaft 2014 im August in London stattfindet, ist, dass wir nur zehn Monate warten müssen, bis wir uns wiedersehen", erklärt mir Agnesieka aus dem polnischen Team zum Abschied. Ich umarme unzählbar viele Menschen, Jarrett ist traurig und scheint sich zu ärgern, dass er den Moment versemmelt hat, mich zu küssen, was, so scheint es, ihm nicht das erste Mal im Leben passiert ist, und Byron muss ich versprechen, ihn sofort auf Facebook zu adden, sobald ich China verlassen habe.

Mein Kopf ist ausnahmsweise voller als mein Koffer: Ich habe so viele wunderbare Menschen kennengelernt, die auf ihre eigene liebenswürdige Art sensationell schräg sind, und von keinem Einzigen könnte man sagen, er oder sie wäre ein 'Durchschnittstyp'. Und dann ja noch die Frage: Was ist es, das uns so am Rätseln fasziniert? Neugier, habe ich gemerkt, die Sehnsucht, Probleme zu lösen, der Spaß am Spiel und vor allem die Herausforderung, sich selbst etwas zu beweisen, sich des eigenen Verstandes zu versichern. Doch die eine, endgültige Lösung habe ich nicht gefunden; man kann nun mal besser erklären, wieso der Mensch an Gott glaubt, als wieso er rätselt.

Als ich im Taxi zum Flughafen sitze und den endlosen Weg durch ein im Smog versinkendes Peking fahre, muss ich wieder an das Rätsel denken, an dem Homer verzweifelt sein soll: "Was wir gesehen und gefangen haben, das lassen wir da; was wir aber nicht gesehen und nicht gefangen haben, das nehmen wir mit." In der Legende lautet die Lösung "Läuse". Im Taxi kommt mir jedoch eine andere Idee: Eigentlich könnte die Lösung des Rätsels schlichtweg "des Rätsels Lösung" sein.

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