Südafrika Der perverse Irrglaube der Kinderschänder

Die Opfer sind manchmal erst wenige Monate alt. Eines der größten Probleme, mit denen das Nach-Apartheid-Südafrika zu kämpfen hat, ist die horrende Zahl von Kindervergewaltigungen. Allein im vergangenen Jahr waren es 21.000. Mitschuld daran ist ein irrwitziger Aberglaube.

Von Sabine Hoffmann


Nach der Vergewaltigung eines neun Monate alten Babys gingen in Kapstadt im Dezember Hunderte auf die Straßen
AFP

Nach der Vergewaltigung eines neun Monate alten Babys gingen in Kapstadt im Dezember Hunderte auf die Straßen

Hamburg - Der Schock war groß, als die Großmutter abends nach dem kleinen Mädchen sehen wollte: Blutüberströmt lag das neun Monate alte Baby in seinem Bettchen - innere Organe und Wirbelsäule waren schwer verletzt. Stundenlang kämpften die Ärzte im Krankenhaus der südafrikanischen Diamantenstadt Kimberley um das Leben des Kindes. Wenig später nahm die Polizei sechs Männer fest - gemeinschaftlich sollten sie das kleine Mädchen vergewaltigt haben.

Der Fall, der sich Ende Oktober 2001 ereignete, erregte weltweites Aufsehen. Dabei ist er nur einer von vielen. "Wir haben weltweit die höchste Rate an sexuellem Kindesmissbrauch - die Regierung hat nicht annähernd genug getan, um Kindesmissbrauch und Vergewaltigung einzudämmen", schimpft die Gründerin der Koalition für Kinderrechte in Südafrika, Nicole Barlow.

Jedes zweite Opfer ist noch keine sieben Jahre alt

Jede Stunde werden in Südafrika statistisch fünf Kinder missbraucht, so fand der Nationale Rat für Kinderwohlfahrt 1998 heraus. Zugleich stellte er fest, dass sich die Fälle seit 1994 mehr als verdoppelt haben.

Mehr als 21.000 Fälle von Kindervergewaltigungen unter elf Jahren wurden der Polizei im vergangenen Jahr gemeldet - die Dunkelziffer dürfte noch viel höher liegen. Meistens vergingen sich Verwandte an den Minderjährigen. Doch nicht einmal acht Prozent der Fälle endeten mit einer Verurteilung der Täter.

Die Opfer werden immer jünger, berichten Nichtregierungsorganisationen. Nach Angaben der Kinderschutz-Initiative "Childline" ist die Hälfte der missbrauchten Kinder noch keine sieben Jahre alt. Das jüngste Opfer ist erst fünf Monate alt. Ein Unbekannter hatte den Säugling so schwer misshandelt, dass ihm ein künstlicher Darmausgang gelegt werden musste. Die Serie brutaler Vergewaltigungen von Kleinkindern habe ein Krisenniveau erreicht, sagte Miranda Friedmann von der Hilfsorganisation Frauen und Männer gegen Kinder-Missbrauch. Sie spricht von einem regelrechten Krieg gegen Kinder.

Vergewaltigung als Heroen-Akt

Mitschuld an der extrem hohen Zahl der Kinder-Vergewaltigungen trägt der Aberglaube, dass Sex mit einer Jungfrau vor Aids schütze und die Immunschwäche-Krankheit sogar heilen könne. Weil viele Mädchen in Südafrika schon mit zwölf oder 13 Jahren sexuell aktiv würden, vergreifen sich Männer an immer jüngeren Kindern. Zudem gilt gewaltsamer Sex in vielen der männlich dominierten Kulturen traditionsgemäß als Heldenakt. Studien in Südafrika zeigen, dass dort jede dritte bis vierte Frau einmal im Leben Opfer der Möchtegern-Heroen wird. Statistisch gesehen wird alle 30 Sekunden eine Frau vergewaltigt.

Die Vergehen an Kindern sind auf dem gesamten schwarzen Kontinent ein schwerwiegendes Problem. Nach Informationen des Schutzverbands Mädchen-Netzwerk in Kenia macht jedes zweite bis vierte Mädchen seine ersten sexuellen Erfahrungen unter Gewalteinwirkung - im Schnitt mit sieben Jahren. In Südafrika nehmen die Vergewaltigungen jedoch den Spitzenplatz in der Verbrechensstatistik ein. Und Aids ist bei Kindern unter fünf Jahren eine Haupttodesursache. Mit knapp fünf Millionen Menschen, rund zehn Prozent der Bevölkerung, hat das Land am Kap der Guten Hoffnung weltweit die höchste Zahl von HIV-Infizierten.

Versagen in der Aids-Politik

Die Gründe dafür liegen in einem fatalen Mix aus Ignoranz und Tabuisierung. So wagte Präsident Thabo Mbeki einmal laut zu bezweifeln, dass überhaupt ein Zusammenhang zwischen dem Virus und der Immunschwäche bestehe. Ferner versäumte das mächtigste Land auf dem afrikanischen Kontinent, eine effektive Aids-Politik einzuführen. Zum Vergleich: Uganda drückte die Infektionsrate durch konsequente Vorbeuge- und Erziehungsmaßnahmen von 14 Prozent Anfang der neunziger Jahre auf inzwischen acht Prozent.

Jährlich kommen in Südafrika 70.000 infizierte Babys zur Welt. Bis vor kurzem weigerte sich die Regierung, allen HIV-infizierten Schwangeren bei der Geburt das Medikament Nevirapine zu verabreichen. Das Mittel halbiert das Infektionsrisiko für den Fötus im Mutterleib. Mit abstrusen Begründungen hatte Präsident Mbeki die Anwendung abgelehnt. Erst als eine Gruppe von Aids-Aktivisten vor Gericht zog, wurde das Medikament freigegeben. Das Oberste Gericht in Pretoria ordnete an, dass die Gesundheitsbehörden bis März einen Plan ausarbeiten müssen, um alle infizierten Schwangeren mit Nevirapine zu versorgen.



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