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Südstaaten-Katastrophe: Ungleiches Leid unterm Sternenbanner

Aus Biloxi berichtet

Hurrikan "Katrina" hat die Schwächsten der Gesellschaft am schwersten getroffen - Arme, Schwarze, Alte, Kranke. Statt ihren Bürgern zu helfen, sah die Regierung zunächst tatenlos zu. Jetzt müht sich Präsident Bush um Schadensbegrenzung.

Rotes Kreuz an einer Hauswand in Biloxi: Die Leichensammler waren schon da
REUTERS

Rotes Kreuz an einer Hauswand in Biloxi: Die Leichensammler waren schon da

Biloxi - Sonnenverbrannt hockt Aaron Hazebolton vor den Trümmern seiner Existenz an Biloxis Beach Boulevard. Ein Knäuel aus Stahl und Holz: Das war mal sein Pfandleihhaus. Die Räumtrupps lassen sich Zeit, also bewacht er den Schutt erst mal persönlich, durchwühlt jeden Zentimeter auf der Suche nach Verwertbarem. Doch mehr als ein paar Schraubenschlüssel findet er nicht.

Alles verloren. Ob auch er denn, wie so viele hier, wiederaufbauen wolle? "Darüber habe ich noch gar nicht nachdenken können", sagt Hazebolton. Über eines zumindest hat er sich aber schon Gedanken gemacht: Über den Trümmern hat er das Sternenbanner gehisst.

Der Stolz auf die US-Flagge, auf die Vereinigten Staaten von Amerika, das ist in diesen Tagen kein Gefühl, das sich in Biloxi automatisch einstellt. Zu verheerend waren die Fehler, die bei den Evakuierungen, bei den Rettungsversuchen und nun bei den Bergungsarbeiten von den Bundesbehörden begangen wurden.

Allein in Biloxi leben Hunderte schwarze Familien in Ruinen, bei Einbruch der Dunkelheit hocken sie vor ihren halbzerstörten Häusern, auf geflickten Veranden oder in selbstgebauten Hütten aus Sperrholz, ohne Wasser, ohne Strom. Die Straße ist auch sechs Tage nach dem Jahrhundertsturm noch von Booten blockiert, die "Katrina" bis hierher geschleudert hat. Im ärmsten Viertel Biloxis, an der Division Street, zeigen nur rote Sprühkreuze an den Häusern, dass seit dem Sturm schon mal jemand vorbeigeschaut hat - die Leichensammler.

Eine Woche nach "Katrina" offenbart sich eine neue Dimension der Katastrophe. Mit seiner meterhohen Flutwelle hat der Hurrikan auch eine hässliche, soziale Realität freigelegt, vor den TV-Augen der Welt in New Orleans, in Mississippi und Alabama: Es sind die Schwächsten der Gesellschaft, die Armen, Schwarzen, Alten, Kranken, die am schwersten getroffen wurden - erst von dem Naturdesaster, dann von dem folgenden Rettungsdesaster, das in vielen Fällen unterlassener Hilfeleistung gleichkommt.

Trümmerfahrt im Luxusauto

Unwetter kennt keine Klassen oder Rassen, und in "Katrinas" Schneise - die zerstörte Fläche ist größer als Großbritannien - gingen Slumhütten genauso unter wie die Villen, darunter auch die des Republikaners Trent Lott. Dass manche Bevölkerungsgruppen unverhältnismäßig mehr litten, vor allem unter dem Hilfsdebakel, beklagten als Erste die schwarzen Meinungsführer. Präsident George W. Bush stolpere im Freizeithemd durchs Katastrophengebiet, "langsam, linkisch und mitunter ohne Gespür", heißt es in der "Time".

Hurrikan-Opfer werden in eine Notunterkunft gefahren: Hässliche soziale Realität
AP/The Dallas Morning News, Barbara Davidson

Hurrikan-Opfer werden in eine Notunterkunft gefahren: Hässliche soziale Realität

In der Hurrikanregion sind die Orte, in denen die meisten starben, auch die Wohnorte derer, die keine Chance zur Flucht hatten bei einem Evakuierungsplan, der auf Mobilität setzt: die Viertel der Schwarzen. Und es sind die Viertel, in denen die Hilfslieferungen zuletzt ankommen. In Motts Point sitzen die plötzlich arbeitslosen Werftarbeiter, Weiße wie Schwarze, tagelang ohne Elektrizität, Wasser, Telefon und Benzin in krummen Bungalows am Highway 90, auf Hilfe harrend. Ihre Nachbarn aus Pascagoula rücken derweil längst mit spritschluckenden Luxusautos zur Trümmernummerierung an.

In Biloxi, zu 71 Prozent weiß, heuern die Casinogesellschaften zuerst nur eigene Leute für die Räumungsarbeiten in ihren kaputten Spielpalästen an - während Straßen weiter hungernde Schwarze um Gelegenheitsjobs betteln. "Wir wollen arbeiten", haben sie auf ein Schild gemalt, das am Balkengerüst eines zerschmetterten Hauses lehnt, und: "Work For Cash".

Es ist, als habe "Katrina" auf grausame Weise ein altes soziologisches Lehrstück inszeniert. "Viel davon hat mit Rasse und Klasse zu tun", sagt Reverend Calvin Butts, der Pastor der Abyssinian Baptist Church in Harlem. Das finden selbst konservative Kolumnisten: "Die Reichen flohen, die Armen wurden verlassen", wütete David Brooks in der "New York Times".

Warum das in einer Demokratie geschehen kann, die ihre Werte in die Welt trägt, darüber ist hier nun eine heiße Debatte ausgebrochen. In deren Mittelpunkt steht der Präsident, der in seinem Nachruf auf den Supreme-Court-Chef William Rehnquist mehr Mitgefühl zu zeigen schien als zuvor auf seiner Trümmertour.

Die unsichtbaren Armen

Ist es arroganter Rassismus? "Bush schert sich nicht um Schwarze", wütete Rap-Mogul Kanye West. Schicksal? "Mir scheint es, als seien Schwarze gebrandmarkt", klagte Bernadette Washington, die der Hölle von New Orleans entkam. Reine organisatorische Unfähigkeit der Behörden, wie es der schwarze Bürgerrechtler T.D. Jake vorerst zur Diskussion gestellt hat?

Gottesdienst vor einer von "Katrina" stark beschädigten Kirche in Biloxi
AFP

Gottesdienst vor einer von "Katrina" stark beschädigten Kirche in Biloxi

Die Ex-Kongressabgeordnete Carole Moseley Brown wirft den Verantwortlichen tödliche "Auslassungssünden" vor: "Sie sehen sie nicht, sie kümmern sich nicht", beschreibt sie die zwei Welten, die in den Fluten aneinander vorbeitrieben. Michael Brown, der kritisierte Direktor des Katastrophenamts Fema, bestätigt diese Ansicht - unfreiwillig: "Wir sehen Leute", staunte er in New Orleans, "von denen wir nicht wussten, dass sie existieren."

"Dies illustriert ziemlich grafisch, wer in dieser Gesellschaft zurückbleibt", sagt der Harvard-Soziologe Christopher Jencks. Es ist dabei ein makabrer Zufall, dass die US-Volkszählungsbehörde ausgerechnet am Tag nach "Katrina" die jüngsten Armutsstatistiken veröffentlichte. Demnach schwoll die Armutsquote voriges Jahr auf 12,7 Prozent an, die Zahl der Armen um 1,1 Millionen auf 37 Millionen. Darunter: fast jeder vierte Schwarze.

Selbstgefällige Pressekonferenzen

Das meteorologische und menschliche Desaster von "Katrina" hat in Washington ein politisches Erdbeben ausgelöst - egal, wem sie am Ende die Schuld zuschustern. "Hier geht es doch ums Erscheinungsbild", weiß die frühere Arbeitsministerin Alexis Herman, die selbst am Sonntag noch zehn Familienmitglieder in New Orleans vermisste. "Die Überlebenden sind überzeugt, dass das Rassismus war." Und wenn nicht Rassismus, dann zumindest doch absolute Unzulänglichkeit. Denn so vieles erinnert ja verdächtig an die Pannen um die Terroranschläge vom 11. Spetmeber 2001. Bushs verzagte Reaktion. Das bürokratische Kompetenzchaos. Der Eindruck mangelnden Mitgefühls. Die Schwüre der Ahnungslosigkeit. "Déjà-vu mit Wucht", schreibt Bush-Kritiker Frank Rich in der "New York Times".

Die Demokraten halten sich aus dieser Debatte zwar vorerst heraus. Erstens ist sie im Moment noch ein Selbstläufer. Zweitens ist sie, wie sie hier sagen, eine "No-Win-Situation": Zu leicht könnte der Anschein erweckt werden, man wolle von einer Tragödie politisch profitieren. Nur die Senatorin Mary Landrieu, deren Vater einmal Bürgermeister von New Orleans war, drohte, sie werde Bush "hauen", wenn er noch einmal eine selbstgefällige Pressekonferenz halte.

Weiße Helfer, schwarze Opfer

Bushs Popularitätsquote war schon ohne "Katrina" auf dem Tiefpunkt, nun hat er sein Dilemma offenbar erkannt. Der Terminplan wurde freigeräumt, heute wird er erneut in die Krisenregion reisen, diesmal wohl auch auf Witze über alte Zechtouren im French Quarter verzichten. Doch bei der von Strategen verordneten Kursänderung geht es weniger um die vernichteten Existenzen der Flutopfer, sondern um Bushs eigene, politische Existenz, um Meinungsumfragen, die "Agenda" im Kongress, "politisches Kapital", wie es Republikaner Tom Rath zynisch benennt.

Zwei Hurrikan-Opfer in einer Notunterkunft: "Katrina" kannte keine Klassen
AP / The Dallas Morning News, Barbara Davidson

Zwei Hurrikan-Opfer in einer Notunterkunft: "Katrina" kannte keine Klassen

Von Louisiana bis Alabama spielen sich in diesen Tagen ergreifende Szenen der Solidarität ab, zwischen Arm und Reich, Schwarz und Weiß. "United We Stand", steht an einer Wand in der zerstörten Downtown von Gulfport - der Schlachtruf der Gemeinsamkeit, der auch nach dem 11. September 2001 erscholl.

Weiße Nationalgardisten, deren Kompanien durch Irak-Einsätze dezimiert sind, rackern bis zum Hitzeschlag, um schwarze Hurrikan-Opfer mit Wasser und Essensrationen zu versorgen. Weiße Cops trösten schwarze Obdachlose. Die Carnival Cruise Lines stellen drei Luxusdampfer als Notquartiere zur Verfügung. Millionäre überweisen Millionen Dollar auf die Hilfskonten.

In Tillmans Corner versammelt sich eine weiße Gemeindeschar der First Baptist Church zur Sonntagsmesse. Draußen stehen Geländewagen mit Jesusfischen an der Stoßstange, drinnen singen sie von Dankbarkeit fürs Überleben. Dann ergreift Pastor Greg Pouncey das Mikrofon, um mit Südstaaten-Singsang zu bekennen: "Es ist fast, als fühlten wir uns schuldig, dass wir verschont geblieben sind."

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