Jakarta - Ein als Poseidon verkleideter Mann mit nacktem Oberkörper bespaßte die Passagiere. Er ging sogar ins Cockpit und wurde dort vom Co-Piloten mit dem Handy fotografiert. Jetzt veröffentlichte Fotos von früheren Schauflügen mit dem russischen Superjet 100 zeugen davon, dass es bei diesen Reisen nicht nur ums Geschäft ging. Auch der Spaß kam offenbar nicht zu kurz - "joy flights" nennen einige englischsprachige Nachrichtenagenturen die Flüge sogar.
Neue Erkenntnisse aus Indonesien legen nun den Verdacht nahe, dass der Absturz des Superjets, bei dem mindestens 45 Menschen ums Leben kamen, auf mangelnde Ernsthaftigkeit zurückzuführen sein könnte. Offenbar wollte der Pilot den Passagieren, bei denen es sich vor allem um Vertreter der Luftfahrtindustrie und Journalisten handelte, ein besonderes Highlight bieten.
Dass der Pilot vor dem Unglück die Flughöhe senkte, ist bereits länger bekannt. Doch warum tat er das? Diese Frage beschäftigt Ermittler und Luftfahrtexperten seit Tagen. Nun scheint es eine Antwort zu geben: Der Pilot habe eine Militärbasis zeigen wollen, teilte das indonesische Verteidigungsministerium mit. Der Pilot habe sich vor dem Absturz der Militärbasis Atang Senjaya genähert, die als sicherer Ort für niedrigere Flughöhen gelte, sagte der Luftfahrtdirektor des Verteidigungsministeriums, Herry Bakti, und ergänzte: "Wir vermuten, dass er den Passagieren die Militärbasis zeigen wollte." Was danach passierte, sei noch unklar.
Die Maschine vom Typ Suchoi Superjet 100 war am Mittwoch während eines Demonstrationsflugs an dem 2200 Meter hohen Berg Salak, rund 50 Kilometer südlich von Jakarta, zerschellt. Die Insassen starben.
"Dinge tun, die sie normalerweise nicht tun"
Nach bisherigen Erkenntnissen hatte der Pilot vor dem Absturz bei den Fluglotsen um Erlaubnis ersucht, auf eine tiefere Flugbahn zu gehen. Nach Angaben des Verteidigungsministeriums erlaubte der Kontrollturm in Jakarta dem Piloten, die Maschine von 3000 auf 1800 Meter abzusenken.
Luftfahrtexperte Tom Ballantyne hält es für durchaus vorstellbar, dass es sich um ein ungewöhnliches Flugmanöver handelte: Piloten würden auf Demonstrationsflügen oft "angeben" wollen und dann manchmal "Dinge tun, die sie normalerweise nicht tun". Der Überflug von markanten Landschaften oder Bauwerken gehöre dazu. "Potentiellen Kunden zeigt man gerne, wie das Flugzeug mit einer bestimmten Geschwindigkeit steigen oder sinken kann", sagte der in Sydney ansässige Experte.
Falls tatsächlich ein Pilotenfehler den Absturz der brandneuen Maschine verursachte, würde dies Hersteller Suchoi immens entlasten. Der Superjet 100 ist ein russisches Prestigeobjekt. Er ist das erste Passagierflugzeug, das seit dem Zerfall der Sowjetunion in Russland entwickelt wurde und sollte anderen Mittelstreckenanbietern wie Bombardier und Embraer Konkurrenz machen.
Suchoi schickte zur Untersuchung der Absturzursache mehr als 70 Experten nach Indonesien. Einem Sprecher zufolge sind bereits einige Experten vor Ort eingetroffen. Laut den indonesischen Rettungskräften werden 40 russische Vertreter am Sonntag die Absturzstelle besuchen.
Rettungskräfte konnten offiziellen Angaben zufolge bisher 16 Leichen bergen und am Samstag zur Identifizierung in ein Krankenhaus in Jakarta bringen. Demnach konnte kein Körper als Ganzes geborgen werden. Zahlreiche Angehörige warteten an dem Krankenhaus und brachen beim Anblick der Leichensäcke in Tränen aus, eine Frau wurde ohnmächtig, wie ein AFP-Journalist berichtete. Neben Indonesiern waren acht Russen, ein Franzose und ein US-Bürger bei dem Flug dabei.
Die Rettungskräfte vor Ort konzentrieren sich neben der Bergung der Leichen vor allem auf die Suche nach den Flugschreibern. "Wir haben auch ein Team ausgesandt, um die Black Box zu finden", sagte der Sprecher der Zivilschutzbehörde. Bislang sei die Suche jedoch vergebens gewesen.
siu/AFP
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