Superjet-Absturz in Indonesien: Crash-Pilot wollte offenbar Militärbasis zeigen

Fotos von einem halbnackten Poseidon zeigen, dass Schauflüge des russischen Superjets 100 auch ein Spaß-Event waren. Möglicherweise ist der Fun-Faktor auch Ursache für den Absturz der Maschine in Indonesien. Der Pilot senkte offenbar die Flughöhe, um den Passagieren ein Highlight zu bieten: den Blick auf eine Militärbasis.

Abgestürzter Superjet 100: Poseidon an Bord Fotos
AP/ Sergey Dolya

Jakarta - Ein als Poseidon verkleideter Mann mit nacktem Oberkörper bespaßte die Passagiere. Er ging sogar ins Cockpit und wurde dort vom Co-Piloten mit dem Handy fotografiert. Jetzt veröffentlichte Fotos von früheren Schauflügen mit dem russischen Superjet 100 zeugen davon, dass es bei diesen Reisen nicht nur ums Geschäft ging. Auch der Spaß kam offenbar nicht zu kurz - "joy flights" nennen einige englischsprachige Nachrichtenagenturen die Flüge sogar.

Neue Erkenntnisse aus Indonesien legen nun den Verdacht nahe, dass der Absturz des Superjets, bei dem mindestens 45 Menschen ums Leben kamen, auf mangelnde Ernsthaftigkeit zurückzuführen sein könnte. Offenbar wollte der Pilot den Passagieren, bei denen es sich vor allem um Vertreter der Luftfahrtindustrie und Journalisten handelte, ein besonderes Highlight bieten.

Dass der Pilot vor dem Unglück die Flughöhe senkte, ist bereits länger bekannt. Doch warum tat er das? Diese Frage beschäftigt Ermittler und Luftfahrtexperten seit Tagen. Nun scheint es eine Antwort zu geben: Der Pilot habe eine Militärbasis zeigen wollen, teilte das indonesische Verteidigungsministerium mit. Der Pilot habe sich vor dem Absturz der Militärbasis Atang Senjaya genähert, die als sicherer Ort für niedrigere Flughöhen gelte, sagte der Luftfahrtdirektor des Verteidigungsministeriums, Herry Bakti, und ergänzte: "Wir vermuten, dass er den Passagieren die Militärbasis zeigen wollte." Was danach passierte, sei noch unklar.

Die Maschine vom Typ Suchoi Superjet 100 war am Mittwoch während eines Demonstrationsflugs an dem 2200 Meter hohen Berg Salak, rund 50 Kilometer südlich von Jakarta, zerschellt. Die Insassen starben.

"Dinge tun, die sie normalerweise nicht tun"

Nach bisherigen Erkenntnissen hatte der Pilot vor dem Absturz bei den Fluglotsen um Erlaubnis ersucht, auf eine tiefere Flugbahn zu gehen. Nach Angaben des Verteidigungsministeriums erlaubte der Kontrollturm in Jakarta dem Piloten, die Maschine von 3000 auf 1800 Meter abzusenken.

Luftfahrtexperte Tom Ballantyne hält es für durchaus vorstellbar, dass es sich um ein ungewöhnliches Flugmanöver handelte: Piloten würden auf Demonstrationsflügen oft "angeben" wollen und dann manchmal "Dinge tun, die sie normalerweise nicht tun". Der Überflug von markanten Landschaften oder Bauwerken gehöre dazu. "Potentiellen Kunden zeigt man gerne, wie das Flugzeug mit einer bestimmten Geschwindigkeit steigen oder sinken kann", sagte der in Sydney ansässige Experte.

Falls tatsächlich ein Pilotenfehler den Absturz der brandneuen Maschine verursachte, würde dies Hersteller Suchoi immens entlasten. Der Superjet 100 ist ein russisches Prestigeobjekt. Er ist das erste Passagierflugzeug, das seit dem Zerfall der Sowjetunion in Russland entwickelt wurde und sollte anderen Mittelstreckenanbietern wie Bombardier und Embraer Konkurrenz machen.

Suchoi schickte zur Untersuchung der Absturzursache mehr als 70 Experten nach Indonesien. Einem Sprecher zufolge sind bereits einige Experten vor Ort eingetroffen. Laut den indonesischen Rettungskräften werden 40 russische Vertreter am Sonntag die Absturzstelle besuchen.

Rettungskräfte konnten offiziellen Angaben zufolge bisher 16 Leichen bergen und am Samstag zur Identifizierung in ein Krankenhaus in Jakarta bringen. Demnach konnte kein Körper als Ganzes geborgen werden. Zahlreiche Angehörige warteten an dem Krankenhaus und brachen beim Anblick der Leichensäcke in Tränen aus, eine Frau wurde ohnmächtig, wie ein AFP-Journalist berichtete. Neben Indonesiern waren acht Russen, ein Franzose und ein US-Bürger bei dem Flug dabei.

Die Rettungskräfte vor Ort konzentrieren sich neben der Bergung der Leichen vor allem auf die Suche nach den Flugschreibern. "Wir haben auch ein Team ausgesandt, um die Black Box zu finden", sagte der Sprecher der Zivilschutzbehörde. Bislang sei die Suche jedoch vergebens gewesen.

siu/AFP

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1. Wer sass am Steuer?
webersi 12.05.2012
etwa Kapitan Sketinow?
2. Klingt sehr plausibel.
esdarfnichtwahrsein 12.05.2012
Klar war das ein lockerer Schauflug, gut gelaunt mal eben ein paar Runden drehen.. zwanglos halt. Shit happens.
3. Was ich noch vermisse...
Airkraft 12.05.2012
ist die mediale Standartbehauptung: "Er war ein erfahrener Pilot". Für mich ist das ein sehr treffendes Synonym für: Weiß alles, kann alles und hat auch überhaupt keine Angst. Das Ergebnis ist meistens ein Totalschaden!
4. Poseidon?
bernb 12.05.2012
Man darf annehmen, dass es sich bei dem "Poseidon" wohl eher um "Neptun" handelt, der im Rahmen einer Äquatortaufe für das Flugzeug wohl mal durch dieses gegangen ist. In der See- und Luftfahrt gar nicht so abwegig, wenn jemand (oder hier das Flugzeug, vielleicht auch deren Insassen) zum ersten Mal in seinem Leben den Äquator überquert. Das gibt es schon lange, daran ist nichts besonders bizarr. Zwischen den Suchoi-Werken und Jakarta liegt der Äquator. Äquatortaufen in Flugzeugen gab es z.B. sogar bei australischen Truppen auf dem Weg nach Vietnam während des dortigen Krieges.
5. So werden mehr Fragen geweckt als beantwortet
Haywood Ublomey 12.05.2012
Wieso hat die Flugsicherung denn die Erlaubnis für die niedrigere Flughöhe gegeben – wissen die nicht, wie hoch ihre Berge sind? Hat das Bordnavigationssystem keine Kartendaten mit Höhenangaben? Doch, hat es natürlich! Wozu hat ein modernes Flugzeug mehrere Radarsysteme, wenn nicht bemerkt wird, daß voraus eine Bergspitze liegt, die die eigene Flughöhe überragt? Usw. usf. Solche Nachrichten, die nichts klären, kann man sich im Grunde genommen schenken, und „entlastet“, wie der Artikel spekuliert, wird dadurch niemand.
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