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Riesenwellen-Surferin Gabeira: "Die Wand schien kein Ende zu nehmen"

Red Bull Content Pool

Die brasilianische Big-Wave-Surferin Maya Gabeira hätte ihren Wagemut fast mit dem Leben bezahlt: Vor Portugals Küste ritt sie auf einer gigantischen Welle - und stürzte. Im Interview spricht sie über die Naturgewalt und ihre Position als Frau in einer Männerdomäne.

Maya Gabeira hätte den Ritt fast nicht überlebt. Es ist nun rund eine Woche her, dass sie in Nazaré an der Küste Portugals eine gigantische Welle surfte, ins Wasser stürzte und an Land wiederbelebt werden musste. Ihr Landsmann Carlos Burle hatte die 26-Jährige aus dem Wasser gezogen.

In Nazaré türmten sich an dem Tag die Wellen zu bedrohlichen Ungetümen. Burle ging nach der Rettungsaktion zurück ins Wasser und surfte auf einer Welle, die auf eine Höhe von bis zu 30 Metern geschätzt wurde. Gabeira musste sich Kritik von Surflegende Laird Hamilton anhören: Sie habe einfach nicht die Fähigkeiten, um unter derartig heftigen Bedingungen zu reiten.

SPIEGEL ONLINE: Frau Gabeira, wie geht es Ihnen?

Gabeira: Wieder besser. Ich kuriere hier in Rio de Janeiro meinen gebrochenen Knöchel aus und bin einfach froh, nach meinem Krankenhausaufenthalt in Portugal nun endlich zu Hause zu sein.

SPIEGEL ONLINE: Vergangene Woche wären Sie bei einem Sturz auf einer gigantischen Welle beinah ums Leben gekommen.

Gabeira: Ja, ich war praktisch tot. Nur dank meines Partners Carlos Burle kann ich heute mit Ihnen telefonieren.

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Monsterwellen-Reiterin Gabeira: "Die Wand schien kein Ende zu nehmen"
SPIEGEL ONLINE: Warum riskieren Sie Ihr Leben für einen Ritt?

Gabeira: Um an meine Grenzen zu gehen. Und weil ich denke, dass dies meine Bestimmung ist. Ich wollte schon als Teenager immer nur große Wellen surfen, kleine haben mich nicht interessiert. Sehen Sie, Wellenreiten ist ein gewaltiger Rausch, Riesenwellen gibt es ja nicht oft. Man fiebert diesen Tagen entgegen, trainiert den Körper und präpariert die Ausrüstung - alles, um auf den Punkt bereit zu sein, wenn es so weit ist.

SPIEGEL ONLINE: Wie erleben Sie so eine Welle?

Gabeira: Ich rase mit einem Partner auf dem Jetski durch den brodelnden Ozean auf die Wellen zu. In den Momenten fühlt man sich einander so nah wie nie. Das Adrenalin strömt, man ist völlig fokussiert, allein mit der Naturgewalt. Dann lasse ich die Leine los und rase die Welle herunter. Das passiert alles wahnsinnig schnell, und dennoch ist man völlig klar im Kopf und kann sich hinterher an jeden Moment erinnern. Man versucht, die Welle zu lesen, wägt Optionen ab und trifft Entscheidungen in Millisekunden. Im völligen Chaos noch cool zu bleiben, ist eine wahnsinnige Herausforderung.

SPIEGEL ONLINE: Wieso wären Sie in Nazaré fast an dieser Herausforderung gescheitert?

Gabeira: Diese Welle war die größte, die ich jemals gesurft bin. Ich schrie Carlos, der den Jetski fuhr, kurz vorher zu: "Heute gebe ich alles! Zieh mich rein!" Ich raste diese Wand herunter, doch sie schien kein Ende zu nehmen. Die Wasseroberfläche war sehr unruhig, und mein Board ratterte wie auf einer Buckelpiste. Einer dieser Schläge von unten brach mir meinen Knöchel. Ich verlor die Kontrolle und stürzte. Das Weißwasser begrub mich unter sich. Als ich wieder an die Oberfläche kam, sah ich bereits die nächste Wasserwand auf mich zukommen. Wieder wurde ich lange unten gehalten. Als mich schließlich die dritte Welle so heftig traf, dass meine Schwimmweste zerfetzte, wusste ich, dass ich in Schwierigkeiten bin.

SPIEGEL ONLINE: Was haben Sie in diesem Moment wahrgenommen?

Gabeira: An der Wasseroberfläche sah ich alles in grellem Weiß. Die Strömung zog mich in Richtung der Felsen, während mich die Wellen immer weiter gen Land schleuderten. Ohne Schwimmweste konnte ich kaum den Kopf über Wasser halten. Nach etwa fünf Minuten kam Carlos auf dem Jetski herangerast, doch sein Rettungsschlitten traf mich am Kopf, und mir wurde schwarz vor Augen. Mit letzter Kraft griff ich nach der Leine und ließ mich unter Wasser Richtung Strand schleifen.

SPIEGEL ONLINE: Sie trieben mit dem Rücken nach oben im Meer.

Gabeira: Ja. Ich war quasi tot. Mein ganzer Dank gilt Carlos, der mich auf den Strand schleppte und wiederbelebte.

SPIEGEL ONLINE: Als Profisurferin sind Sie finanziell von Ihren Sponsoren abhängig. Gibt es von dieser Seite Druck, besonders waghalsig zu sein?

Gabeira: Natürlich ist das Big-Wave-Surfen mein Job. Und in dem muss ich meine Leistung abliefern. Doch den Druck mache ich mir ausschließlich selbst - und glauben Sie mir: Darin bin ich eine Meisterin. In unserem Sport muss man es mit jeder Faser wollen. Ansonsten ist man aus den falschen Gründen dort draußen.

SPIEGEL ONLINE: Wie groß ist denn Ihre Motivation, Kopf und Kragen zu riskieren, wenn keine Kamera in der Nähe ist?

Gabeira: Genau so groß, doch ich wäre unprofessionell, wenn ich mich nicht um Bildmaterial kümmern würde. Für meinen Ehrgeiz macht es jedoch keinen Unterschied, ob jemand meine Leistung sieht oder nicht. Schauen Sie, diese Welle war die größte, die jemals von einer weiblichen Surferin angegangen wurde. Doch weil es frühmorgens war und die Kameraleute noch nicht richtig Position bezogen hatten, gibt es keine guten Bilder von dem Ritt. Na und? Ich weiß, was ich geleistet habe, und das reicht mir.

SPIEGEL ONLINE: Einige männliche Stars Ihrer Zunft meinten angesichts Ihres Unfalls, dass Frauen in solchen Bedingungen grundsätzlich überfordert sind und besser an Land bleiben sollten.

Gabeira: Ja, diese Sprüche höre ich mir schon seit Jahren an. Das kann mich nicht beeindrucken. Beim Big-Wave-Surfen sehe ich mich als Athlet - unabhängig vom Geschlecht. Ich trainiere schließlich sehr hart, mindestens so hart wie meine männlichen Kollegen. Und in zwei Monaten, wenn mein Knöchel geheilt ist, werde ich noch mehr Gas geben. Mein Ticket nach Hawaii ist bereits gebucht - ab Januar werde ich wieder die größten Wellen des Planeten jagen.

Das Interview führte Jens Steffenhagen

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insgesamt 35 Beiträge
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    Seite 1    
1. Wagemut
klima66 05.11.2013
Aha, sie hat also ihren "Wagemut" fast mit dem Leben bezahlt - alles klar. Wäre es auch "Wagemut" wenn ich die A9 zu Fuß überquere ? Dann bin ich sicher auch eine Heldin, die in jedem Medium von ihrem tollen Einsatz erzählen darf. Klasse Mädel !!
2. Knöchel
ideen 05.11.2013
"Einer dieser Schläge von unten brach mir meinen Knöchel." Naja da scheint es doch wohl doch von Vorteil zu sein, wenn man etwas kräftigere Knöchel hat, wie z.B. Männer... Schade das hier so einer größenwahnsinnigen Wichtigtuerin auch noch ein Forum geboten wird. Sie war auch 2011 schon mal fast beim Surfen gestorben, echt toll!
3. ...
Scheidungskind 05.11.2013
Zitat von sysopRed Bull Content PoolDie brasilianische Big-Wave-Surferin Maya Gabeira hätte ihren Wagemut fast mit dem Leben bezahlt: Vor Portugals Küste ritt sie auf einer gigantische Welle - und stürzte. Im Interview spricht Sie über die Naturgewalt und ihre Position als Frau in einer Männerdomäne. http://www.spiegel.de/panorama/surferin-maya-gabeira-im-interview-ueber-die-monsterwelle-von-nazare-a-931857.html
Ob es einen "richtigen Grund" gibt, Riesenwellen zu surfen?
4.
Leser161 05.11.2013
Bei dieser Riesenwellensurferei denk ich immer an Patrick Swayzee in Gefährliche Brandung - Point Break. Ich lass das einfach mal so stehen.
5. Chat mit Laird und Darrick
cherea 05.11.2013
Wenn die Gute schon mal in Hawaii ist kann sie sich mal mit Laird unterhalten ;), oder am besten sich ein paar Tipps von Darrick einholen. Die Jungs haben Jahrelang in den Jaws "geübt", somit würde ich auf Ihre Meinung hören.
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Big-Wave-Surfen: Der Meister mosert
Zur Person
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    Maya Gabeira, Jahrgang 1987, wuchs als Tochter eines Politikers und einer Modedesignerin in Rio de Janeiro auf. Im Alter von 13 Jahren begann sie mit dem Surfen. Ihr außergewöhnlicher Mut und ihre Leidenschaft für große Wellen blieben nicht unbemerkt, Big-Wave-Surfer Carlos Burle wurde zu ihrem Mentor. 2004 zog Gabeira nach Hawaii, um in den dortigen Riesenwellen zu trainieren. Mittlerweile gilt Maya Gabeira als beste Big-Wave-Surferin der Welt, seit 2007 gewann sie fünfmal den Billabong XXL Award, den Oscar der Szene.


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