Folgen des Taifuns "Haiyan" Überlebende berichten von apokalyptischen Zuständen

Ganze Ortschaften hat der Taifun "Haiyan" auf den Philippinen ausradiert. Allmählich stellen die Helfer die Kommunikationsnetze wieder her, nun zeigt sich: Auf den Straßen liegen Tote, die Versorgung ist zusammengebrochen, für viele zählt nur noch das Überleben.

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Tacloban/Manila - Drei Tage nachdem der verheerende Tropensturm "Haiyan" die Philippinen heimgesucht hat, gelingt es langsam, die Kommunikation mit den betroffenen Gebieten wiederherzustellen. Reporter der örtlichen Fernsehsender fahren auf Motorrädern durch verwüstete Ortschaften, auch Handynetze funktionieren sporadisch wieder - nach und nach dringen Informationen und Augenzeugenberichte nach außen. Es sind Geschichten von Zerstörung und Tod.

"Alles ist fort. Unser Haus gleicht einem Skelett, wir haben kaum noch Essen und Wasser", sagt etwa Jenny Chu, eine Medizinstudentin in der Provinz Leyte, deren Hauptstadt Tacloban zu den besonders schwer betroffenen Gebieten zählt. "Die Leute laufen auf der Suche nach Nahrung wie Zombies herum. Es ist wie im Film. Sogar die Versorgungslaster wurden geplündert."

Tatsächlich sind Plünderungen in den Katastrophengebieten an der Tagesordnung; viele Überlebende wissen sich nicht anders zu helfen als mit der Brechstange. So berichtet der Fernsehsender ANC von der Besitzerin eines Lebensmittelgeschäfts, die auf der Suche nach Nahrung beinahe selbst zur Diebin wurde. In einem Lagerhaus habe sie versucht, auf eigene Faust an Instantnudeln zu kommen - vergeblich, denn das Gebäude war bereits wie leergefegt. "Es ist so schwer für uns", klagt die 28-Jährige. Ihr eigenes Geschäft sei von einer rund drei Meter hohen Flutwelle weggespült worden. "Wir müssen ganz von vorn anfangen. Und Vorräte gibt es keine mehr."

"Wann werdet ihr die Toten von den Straßen holen?"

Angesichts der katastrophalen Versorgungslage richtet sich der Zorn der Bevölkerung zunehmend gegen die Regierung. "Helft uns, helft uns", zitiert ANC auf seiner Website eine Überlebende aus Tacloban. "Wo ist Präsident Aquino? Wir brauchen Wasser, wir haben so großen Durst! Und wann werdet ihr die Toten von den Straßen holen?"

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Nach Taifun "Haiyan": Ausnahmezustand auf den Philippinen
Auf die Frage, ob die Regierung schlecht vorbereitet gewesen sei, antwortete Verteidigungsminister Voltaire Gazmin indes mit einer Gegenfrage: "Wie kann man gegen diesen Taifun ankommen? Er ist der stärkste der Welt. Wir haben alles getan, was wir konnten." Präsident Benigno Aquino fügte hinzu, es handele sich vor allem um ein Problem der örtlichen Behörden. "Sie sind notwendigerweise die Ersthelfer, und zu viele von ihnen waren ebenfalls betroffen und sind nicht zur Arbeit gegangen." Um die öffentliche Ordnung wiederherzustellen, entsandte die Regierung inzwischen Soldaten ins Krisengebiet.

Bis diese Maßnahmen greifen, will Nancy Chang nicht warten. Wie so viele Ausländer versucht die Geschäftsreisende aus China, die Krisenregion zu verlassen. "Das Meerwasser stand im zweiten Stock des Hotels", sagte sie. Drei Stunden habe sie durch Matsch und Trümmer waten müssen, um zur Evakuierungsstelle zu gelangen - von dort sollte es zum Flughafen gehen. "Es ist, als sei das Ende der Welt gekommen", sagte Chang.

Leichen mit Plastikplanen, Wellblech, Pappe abgedeckt

Nur Militärmaschinen und Kleinflugzeuge können bislang den stark in Mitleidenschaft gezogenen Flugplatz von Tacloban nutzen; entsprechend schwierig ist es, aus dem Katastrophengebiet herauszukommen. "Wir versuchen, nach Cebu oder Manila zu gelangen", sagte ein Tourist. "Ich muss hier weg."

Am Flughafen sitzt auch die Australierin Mila Ward fest, über die die Zeitung "The Philippine Star" berichtet. "Auf dem Weg hierher haben wir viele Leichen am Straßenrand gesehen", sagte sie dem Blatt. Provisorisch habe man die Körper abgedeckt, offenbar mit allem, was gerade greifbar war - "Plastikplanen, Wellblech, Pappe." Ward berichtet, sie sei an deutlich mehr als hundert Toten vorbeigekommen.

Aus der Luft machte sich Innenminister Manuel Roxas ein Bild von der Lage; er überflog die am schlimmsten betroffenen Gebiete per Helikopter. "Vom Strand steht bis einen Kilometer landeinwärts kein Haus mehr. Es war wie ein Tsunami", sagte er. "Ich weiß nicht, wie ich beschreiben soll, was ich gesehen habe. Es ist furchtbar."

Taifun "Haiyan" war einer der heftigsten Stürme, die Südostasien je getroffen haben. Insgesamt verloren rund 480.000 Menschen ihr Zuhause, 4,5 Millionen sind insgesamt von dem Sturm betroffen, teilten die philippinischen Behörden mit.

Im Krankenhaus liegen Verletzte auf den Fluren

Wie viele Menschen ums Leben kamen, kann immer noch niemand abschätzen. Allein in Tacloban waren es wohl Tausende. "Ich habe mit niemandem gesprochen, der nicht einen Angehörigen verloren hätte", sagte Bürgermeister Alfred Romualdez CNN. Im einzigen funktionstüchtigen Krankenhaus der Stadt liegen die Verletzten dem Sender zufolge auf den Fluren. "Wir haben nichts mehr, um den Leuten zu helfen", sagt ein Arzt.

Kein Gebäude in der 220.000-Einwohner-Stadt scheint den Sturm unbeschadet überstanden zu haben; die Stadt gleicht einer Trümmerwüste. Eingestürzte Häuser, zerschmetterte Autos, umgeknickte Bäume, zerstörte Stromleitungen prägen das Bild. Dazwischen: verängstigte Überlebende. Ein Mann mit freiem Oberkörper und kurzer weißer Hose hockt da und wimmert vor sich hin. Ein anderer klammert sich an die Normalität, die vor "Haiyan" herrschte, und spült in einer Schüssel Geschirr, während rings um ihn herum Leichen liegen.

Taclobans Überlebende klettern über die Trümmer, auf der Suche nach ihren Habseligkeiten und Nahrung. Sie stehen Schlange, um Hilfspakete mit Reis und Trinkwasser zu bekommen. Manche sitzen einfach da, starren ins Leere. Andere bedecken Nase und Mund mit Lumpen, um dem Verwesungsgeruch zu entgehen. Eine Frau, im achten Monat schwanger, verlor elf Familienmitglieder, darunter ihre beiden Töchter. "Ich kann nicht denken", sagte sie. "Ich fühle mich erdrückt."

"Das Wasser war so hoch wie eine Kokospalme"

Ein Offizier der Luftwaffe beschrieb, wie der Sturm die Wände der Kaserne wegriss, in der er sich mit 41 Kameraden aufhielt. "Plötzlich sah ich, wie meine Männer einer nach dem anderen von den Fluten weggespült wurde", sagte Fermin Carangan. Zwei ertranken, fünf werden noch vermisst. Carangan selbst wurde ebenfalls weggeschwemmt und hielt sich mit einem Siebenjährigen an einer Kokospalme fest. Fünf Stunden hielten sie so aus, er sprach dem Kind Mut zu. Dann sah er endlich wieder Land. Gemeinsam mit dem Jungen schwamm er an den Strand, der mit Leichen übersät war.

Auch Sandy Torotoro kam nach einem Bericht des "Philippine Star" nur knapp mit dem Leben davon. Zuflucht vor den Wassermassen hatte der Taxifahrer aus Tacloban in einem Jeep gesucht, aber der Wagen wurde von den Fluten weggerissen. "Das Wasser war so hoch wie eine Kokospalme", sagt der 44-Jährige. "Ich bin raus aus dem Jeep und wurde sofort mitgerissen, zusammen mit Ästen, ganzen Bäumen und unserem Haus - denn das war ebenfalls weggespült worden." Er habe viele Menschen im Wasser gesehen, die ihre Hände ausstreckten und um Hilfe schrien. "Aber was sollten wir machen? Wir brauchten ja selber Hilfe."

ulz/rls/AP/Reuters/dpa

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insgesamt 22 Beiträge
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Seite 1
xxbigj 11.11.2013
1. optional
Versagen der Regierung vielleicht! Es ist einfach ein grausames Schicksal das diese Menschen erleiden müssen. Durch die erwärmten Meere enstehen Taifune in einer Häufigkeit und Intensität, wie noch nie in der Geschichtsschreibung! Hoffentlich schickt die EU noch mehr als 3 Millionen Euro dahin. Die brauchen Wasser und Zelte kein Geld...
sosonaja 11.11.2013
2. Endlich
Jetzt können alle unsere Wohltäter und Philanthropen zeigen, wieviel sie für bedürftige Menschen wirklich tun. Und Bill Gates kann ein paar seiner Milliarden sinnvoll einsetzen. Sicherlich ist er schon vor Ort und managt mit seinen tausend Angestellten seiner Stiftung das Elend. Oder wo sind unsere "Wohltäter"?
Ettina 11.11.2013
3. Ganz klar:
Zitat von sysopGetty ImagesGanze Ortschaften hat der Taifun "Haiyan" auf den Philippinen ausradiert. Allmählich stellen die Helfer die Kommunikationsnetze wieder her, nun zeigt sich: Auf den Straßen liegen Tote, die Versorgung ist zusammengebrochen, für viele zählt nur noch das Überleben. http://www.spiegel.de/panorama/taifun-haiyan-augenzeugenberichte-aus-tacloban-a-932884.html
Jetzt ist es Zeit für den Einsatz des Militärs. So zumindest wurde bislang bei Oderflut und ähnlichem in Deutschland verfahren.
henni2011 11.11.2013
4.
Fast schlimmer noch als diese schreckliche Naturkatastrophe, ist die Art und Weise wie aufgeilend SPON darüber berichtet. Nehmen Sie ihre unsägliche "Nachrichten"-Seite doch bitte vom Netz.
reifenexperte 11.11.2013
5. Nicht die indonesische Regierung ist schuld,
sondern die Menschen in den Industriestaaten, denen die Folgen ihrer Verschwendsucht wurscht sind.
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