Taubenkrieg in London Die Schlacht am Trafalgar

Sie gehören zum Platz wie die Statue Admiral Nelsons: Die Tauben vom Trafalgar Square. Londons Bürgermeister versucht sie loszuwerden - gegen den erbitterten Widerstand der Taubenliebhaber. Die ziehen jetzt vor Gericht. Das Gerangel um die Vögel gerät immer mehr zur Farce.

Von Sandra Voglreiter


London - Ein Fütterverbot, Riesenstaubsauger und sogar Greifvögel - Londons Bürgermeister Ken Livingstone fährt schwere Geschütze auf im Kampf gegen die Tauben, die zu Hunderten den Trafalgar Square bevölkern. Er will sie endgültig loswerden. In seinen Augen sind sie "fliegende Ratten" und "eine Gefahr für die Gesundheit". Und einen Haufen Dreck verursachten sie außerdem.

Mit so viel Widerstand hatte Livingstone wahrscheinlich nicht gerechnet. In London entbrannte ein regelrechter "Taubenkrieg". Livingstones Gegner sind Nostalgiker, die schon seit ihrer Kindheit die Tauben auf dem Trafalgar Square füttern. Es sind die Politiker der Opposition, die die Maßnahmen zur Taubenreduktion viel zu teuer finden. Es sind auch ganz normale Bürger und Touristen, für die die Tiere zu Londons Sehenswürdigkeiten gehören wie die Statue Admiral Nelsons und der Buckingham Palace.

Aber Livingstones erbittertste Gegner sind wohl die Tierschützer, die ein Massensterben der Vögel verhindern wollen. Allen voran die Gruppe "Rettet die Trafalgar-Square-Tauben" (STTSP), die jetzt gegen Livingstone vor Gericht zieht.

Bombenattrappe und Gerichtstermine

Ihr Sprecher und Mitbegründer Niel Hansen ist Kampagnen-Profi. Ohne auch nur eine Sekunde zu überlegen, feuert er seine Argumente ab - wortwörtlich nachzulesen auf der gruppeneigenen Homepage und in jeder Pressemitteilung, die er bisher über "Rettet die Trafalgar-Square-Tauben" verfasst hat.

Er erzählt davon, dass man die Tauben nicht einfach verhungern lassen könne, indem man ihre Fütterung verbiete. Er sagt, die Tauben seien liebenswerte Tiere. Ob es ihm um die Tauben als solche geht oder doch eher ums Prinzip, lässt sich schwer sagen. Die Aussage, die Hansens Selbstverständnis wahrscheinlich am besten wiedergibt: "Ich setze mich für die Unterdrückten ein."

Nach seinem Beruf gefragt gibt der 39-Jährige "Aktivist" an. Außer für Tauben engagiert er sich auch gegen das Jagen und gegen Tierversuche. Er hat bereits eine Gefängnisstrafe verbüßt, weil er der PR-Frau eines Unternehmens eine Bombenattrappe geschickt hatte.

Bürgermeister bricht Waffenstillstandsabkommen

Diesmal will er mit "Rettet die Trafalgar-Square-Tauben" vorm Central-London-County-Gericht durchsetzen, dass die Gruppe die Vögel wieder auf dem Trafalgar Square füttern darf. Seit Juni dieses Jahres darf sie das nämlich nicht mehr.

Zuvor war Livingstone, vermutlich aufgrund des öffentlichen Drucks, eine Art Waffenstillstandsabkommen mit den Aktivisten eingegangen. Der Bürgermeister hatte zwar per städtischer Verordnung und unter Androhung von Bußgeldern das öffentliche Füttern der Tauben auf dem Trafalgar Square verbieten lassen. Für die Tierschützer gab es aber eine Ausnahme: Sie durften zwischen 7.30 und 7.40 Uhr morgens eine festgelegte Menge Futter auf dem Platz ausstreuen.

Dieses Übereinkommen hatte seit 2001 dazu geführt, dass sich die Zahl der Tauben von mehr als 4000 auf etwa 1500 verringerte – nicht weil sie verhungerten, sondern weil sie weniger Nachkommen hatten. "Wir waren mit dem Bürgermeister übereingekommen, die Zahl der Tauben auf humane Art und Weise zu reduzieren", erläutert Hansen die Absprache. Es schien für beide Seiten ein vertretbarer Kompromiss zu sein.

Doch im Juni beendete Londons Bürgermeister den Frieden. Ab sofort galt ein absolutes Fütterverbot für den Trafalgar Square. Ein Sprecher der für den Platz zuständigen Behörde teilte mit: "Es gab eine Abmachung über reduziertes Füttern. Taubenrechtsaktivisten umgehen die Regelung aber immer wieder, indem sie die Vögel auf der Nordterrasse füttern. Also gibt es einfach kein Argument mehr, die Tauben auf dem Platz selbst zu versorgen."

Spitzfindigkeiten und ein ewiges Hin und Her

Die Tücke liegt in einem Detail, das selbst für Ortskundige schwer auszumachen ist: Die Nordterrasse fällt, anders als der Platz selbst, in den Zuständigkeitsbereich der Stadtverwaltung von Westminster – und damit gilt die bisherige Anti-Fütter-Verordnung hier nicht.

Von dieser Lücke hatten seit Juni auch die Aktivisten von "Rettet die Trafalgar-Square-Tauben" Gebrauch gemacht. Aber jetzt droht wieder Ungemach, denn eine neue Verordnung soll künftig das Füttern der Tauben nicht nur auf dem Trafalgar Square sondern auch in seiner Umgebung verbieten.

Niel Hansen macht einen professionell gereizten Eindruck, ohne besonders verärgert zu wirken. Der Bürgermeister danke ihnen ihre ganzen Bemühungen, die Anzahl der Tauben auf humane Art zu reduzieren, indem er ihnen "hinterrücks einen Dolchstoß versetze". Jetzt will die Gruppe eine verbindliche Zusicherung, die Tiere in begrenztem Rahmen füttern zu dürfen.

Laut Hansen ist bisher noch kein Termin für eine gerichtliche Anhörung festgesetzt. Er hoffe aber, dass es noch vor Weihnachten soweit sein wird. Die Vorweihnachtszeit dürfte auf jeden Fall eine gute Gelegenheit sein, um in der Öffentlichkeit einmal mehr für die Rettung der Tauben zu werben.

Mit Material von Reuters



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