Tees für Genießer Heiß, sinnlich, alles gut

Wer sich dem gängigen Heißgetränke-Trend so richtig verweigern will, lässt die modischen Aroma-Kaffees samt ihren schnittigen Maschinen stehen und zelebriert lieber Blatt-Tee - auch wenn es ein wenig Arbeit macht. Und Vorsicht vor dem Vanillehammer!

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Endlich im Sack: Kaffee-Fans haben sich nun auch den gebeutelten Genuss wie weiland die Teetrinker aufschwatzen lassen. Praktische Pad-Ausquetscher-Maschinen erobern die Büros und Küchen. Koffein-Fans dürfen erleben, was Tee-Liebhaber schon lange kennen. Fix, effizient, idiotensicher zu handhaben: Säckchen oder Kapseln mit Pulver erscheinen plötzlich als die Innovation schlechthin. Und die Kaffeeindustrie jubelt, weil sie nach langer Durststrecke mal eine nette Preis- und Image-Erhöhung über Neuprodukte durchzusetzen konnte. Praktisch, aber auch delikat?

Wahre Gourmets sind natürlich tolerant und gönnen jedem seinen Genuss, aber sie wussten schon immer, dass klassisch zubereiteter, erstklassiger Tee qualitativ niemals mit kleinteilig verpackter Massenware konkurrieren kann - was für eine korrekt gebrühte Tasse Kaffee meist ebenso gilt. Obendrein ist selbst bester Tee ein erschwingliches Vergnügen. Wenn Sie eine ziemlich gute Sorte, zum Beispiel First-Flush-Darjeeling aus Nordindien für zehn Euro pro 125 Gramm wählen, kostet Sie (bei zehn Gramm pro Liter) anschließend die Kanne frisches Heißgetränk nur rund 80 Cent. Nicht schlecht für einen "Champagner unter den Tees". Überhaupt: Falls Sie mit dem Tee ganz neu beginnen, greifen Sie gleich zum Feinsten und vergessen Sie erstmal die "Breakfast Teas", "Broken"-Sorten (BOP) und Billig-Mischungen, die Ostfriesen-Kandiszucker-Gebräue und milchverdünnten Schlabberbrühen. Zelebrieren Sie Tee rein wie einen guten Wein. Er hat es verdient.

Teegenuss fängt beim Einkauf an: Gehen Sie in ein gut sortiertes Fachgeschäft mit größerer Auswahl, die sich nicht in zahllosen aromatisierten Tees erschöpft, sonder auch sogenannte "Gartentees" enthält (entspricht etwa den "Lagen" beim Wein). Namen wie "Lingia", "Orange Valley", "Margaret's Hope" oder "Pussimbing" beim Darjeeling garantieren zumindest reinen, typischem Geschmack. Auch hier dreht sich viel um die Ernte, also den Jahrgang. Der meist teure, ganz frische "Flugtee" aus neuer Ernte ist deshalb so kostspielig, weil er extra in kleineren Mengen eingeflogen wird. Oft schmeckt er allerdings dünn und fade, nur manchmal großartig - ein Glücksspiel. Aber keine Angst: Jeder Tee-Fachmann im Spezialgeschäft lässt Sie gern von seiner Erfahrung und seinen Vorlieben profitieren.

Wichtige "Tips"

Gebrauchen Sie Ihre Sinne: Sehen Sie sich im Laden den Tee an, zumindest wenn Sie feinere Sorten mit filigranem Geschmack suchen. Bemerken Sie eine Menge kleiner grüner Blätter ("tips") im Tee, dann ist ein delikates Bouquet wahrscheinlich. Schnuppern Sie, und wenn angenehm frischer, grasiger Duft Ihre Nase erfreut, ist alles gut. Sie können sich auch einfach an den Qualitäts-Kategorien orientieren: Wenn auf der Verpackung "FTGFOP" steht, sind Sie auf der sicheren Seite. "T" bedeutet "tippy" und bezieht sich auf eben jene grünen Blätter. Einfachere Qualitäten wie "TGFOP" (Tippy Golden Flowery Orange Pekoe) oder "FOP" können natürlich auch sehr gut schmecken und sind nur etwas kräftiger und billiger. Probieren Sie es einfach aus. Die Kategorien gelten auch für andere Teegebiete: Im indischen Assam (größtes Anbaugebiet der Welt), in Sri Lanka (Ceylon) oder Sikkim wachsen auch sehr gute Schwarze Tees - zum eigentlich klassischen, dem Grünen Tee, kommen wir noch. Meiden Sie besser Aroma-Tees: Mit dem Vanille- oder Erdbeer-Hammer geschlagen, verschwindet der individuelle Geschmack des Ausgangsmaterials.

Zur Zubereitung benutzen Sie am besten zuvor gefiltertes (enthärtetes) Wasser und zwei Kannen, eine zum Aufbrühen der Teeblätter. Höchstens zehn Gramm pro Liter reichen aus. Drei Minuten ziehen lassen für anregende, fünf Minuten für sanft magenberuhigende Wirkung. Dann durch ein Sieb in die zweite Kanne abgießen - fertig. Haben Sie besagten zart duftigen Darjeeling gewählt, sollten Sie ihn nach dem Abguss etwas ruhen lassen. Erst dann entfaltet sich das zarte Aroma. Auf Zucker, Zitrone und ähnliche Zutaten möglichst komplett verzichten, Sie haben dann einfach "mehr vom Tee". Teeblätter brauchen Platz zur Geschmacksentfaltung, deshalb ist eine ganze Kanne gerade groß genug. Nehmen Sie eine aus Glas, so können Sie die spezifische Farbe Ihres Tees besser wahrnehmen.

"Tanztees" wieder im Kommen

Die heute gebräuchliche, fermentierte "schwarze" Version des Tees haben erst die Engländer vor rund 150 Jahren auf den Plantagen Indiens und Ceylons "erfunden". Davor war der Tee seit fast dreitausend Jahren nur als Grüntee aus China bekannt, der Mitte des 16. Jahrhunderts über Russland erst nach Europa kam. So ist grüner Tee, der unfermentierte, der eigentliche Tee, wie er inzwischen weltweit wieder mit wachsender Begeisterung getrunken wird. Mittels Rösten in Pfannen oder durch Dämpfen werden bei der Grüntee-Produktion die Enzyme in den Blättern abgetötet, um die Fermentation zu verhindern. Durch diese Art des Trocknens wird das Vitamin C in den Blättern erhalten und der Teein-Gehalt (chemisch dem Koffein gleich) leicht erhöht - Grüntee kann also mindestens so ein Wachmacher wie Kaffee sein - nur, dass die Wirkung sanfter einsetzt, dafür aber auch länger anhält.

Lange Zeit hat Tee nicht zuletzt durch altbackenes Marketing ein leicht verschnarchtes Image: Dumpfe, enge Läden und wenig schicke Accessoires dämpften bei der Nach-Hippie-Generation die Neugier auf den delikaten Blatt-Aufguss. In den letzten Jahren haben Initiativen wie "Samova" und die Berliner "Teekampagne" hier einiges bewegt. "Samova" erfindet zwar den Tee nicht neu, doch das Unternehmen versucht immerhin, durch edel und hell designte Läden sowie Veranstaltungen wie charmante "Tanztees" und literarische Salons die Brücke zwischen Tee-Philosophie und jüngerem Szenepublikum zu schlagen. Die hauptstädtische "Teekampagne" kommt sachlich strenger daher, hat sich konsequent auf Darjeeling konzentriert und bietet hervorragende Qualität zu äußerst günstigen Preisen, dazu knappe Informationen zu Tee und Anbau. Vorbildlich und übersichtlich gerade für Einsteiger. Ob philosophisch oder rein genießerisch: Es lohnt sich auf jeden Fall, den Tee neu zu entdecken.



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