Teil III Das Bernsteinzimmer im Osten

Von Erich Wiedemann


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Museumsleiter Alfred Rohde aus Königsberg muss schreckliche Qualen erlitten haben, als er sich von seinem liebsten Stück trennte. Er war dem Bernsteinzimmer verfallen. Mitarbeiter, die ihm nahe standen, sagten, er habe eine Beziehung zur Kunst gehabt, wie sie ein guter Liebhaber zu seiner Liebsten hat.

Die Sekretärin Charlotte Krüger hat beschrieben, wie der Chef morgens seine Lieben begrüßte. "Ach, dieser Direktor! Um fünf Uhr morgens kam er ins Schloss. Dann ging er zunächst einfach im Schloss umher. Er ging und ging und ging. Von Zimmer zu Zimmer, von Saal zu Saal. Und schaute die ganze Zeit und schaute und schaute. Dann ging er in den Südflügel, in dem sich das Bernsteinzimmer befand - Ach wie wunderschön war das"

Rohde hätte das Bernsteinzimmer niemals allein gelassen

Seine Freunde und seine engsten Vertrauten waren davon überzeugt, dass Alfred Rohde das Bernsteinzimmer nie allein gelassen hätte. War er deswegen bis zum bitteren Ende in Ostpreußen geblieben, obwohl er an der Parkinsonschen Krankheit litt und obwohl er reichlich Gelegenheit gehabt hätte, seine Frau und sich in Sicherheit zu bringen?

Er hatte außer seiner Kunst keinerlei Bindungen an Ostpreußen. Kein Eigentum, keine Verwandtschaft. Der Königsberger Oberbürgermeister Hellmuth Will hat in der Gefangenschaft ausgesagt: "Der Bernstein und das Bernsteinzimmer waren für Rohde das Wichtigste auf der Welt - Wenn es fortgebracht worden wäre, wer anders als Rohde hätte es begleitet."

Nachdem die Sowjets die Kontrolle über Königsberg übernommen hatten, wurde Rohde dem Archäologieprofessor Alexander Jakowlewitsch Brjussow unterstellt, der von Stalin nach Ostpreußen geschickt worden war, um nach verschwundenen Kunstschätzen zu fahnden. Rohde gab sich verhalten kooperativ. Aber Professor Brjussow traute ihm nicht. Er schrieb in sein Tagebuch: "Mir scheint, er weiß mehr, als er zugibt - Wenn er redet, dann lügt er nicht selten." Nach Lage der Dinge wird Brjussow wohl recht gehabt haben.

Sechs Wochen Anarchie

Als Brjussow mit seinem Stab in Ostpreußen eintraf, war die Stadt schon sechs Wochen lang besetzt. Sechs Wochen Mord, Folter, Sadismus, Anarchie. Jeder durfte mitnehmen, was er tragen oder transportieren konnte. Es wäre wohl auch niemand daran gehindert worden, sich das Bernsteinzimmer einzupacken, wenn er die Mittel gehabt hätte, es abzutransportieren.

Offenbar genoss das Bernsteinzimmer zunächst nicht die bevorzugte Aufmerksamkeit der sowjetischen Kunstkommissare, die seinem kulturgeschichtlichen Rang entsprach. Sie wurden erst wach, als Rohde sich nachts in seinem Arbeitszimmer dabei erwischen ließ, wie er Papiere verbrannte. Unter den Papieren, die nicht mehr in Flammen aufgingen, war die Kopie eines von Rohde verfassten Berichtes, in dem es heißt, er habe die aus sowjetischen Museen stammenden Kunstschätze, darunter das Bernsteinzimmer aus dem Katharinenpalais, auf Anweisung aus Berlin verpackt und "in ostpreußischen und sächsischen Gütern in Sicherheit bringen" lassen.

Brjussow verurteile Alfred Rohde für die Sabotageaktion zu fünf Tagen Arrest. Weil Rohde schwer krank war, wurde die Strafe aber anderntags gleich wieder aufgehoben. An den zwei folgenden Tagen versuchte Rohde, seinen russischen Vorgesetzten unter vier Augen zu sprechen, offenbar um ihm etwas Vertrauliches mitzuteilen. Das gelang ihm aber nicht, weil Brjussow ihn mit Missachtung strafte. Am 17. Dezember 1945 war Alfred Rohde tot.

Ein Mediziner verschwindet

Der Arzt Paul Erdmann, der den Totenschein ausgestellt hatte, verschwand einen Tag später aus der Stadt und wurde nie wieder gesehen. War Rohde, wie die Moskauer Regierungszeitung "Iswestja" vermutete, von Werwölfen umgebracht worden, weil er wusste, wo das Bernsteinzimmer war? Hatte er Selbstmord begangen, weil er fürchtete, er werde schwach werden und das Geheimnis preisgeben? Oder wurde er von Rotarmisten ermordet, damit er Brjussow nicht erzählen konnte, wie sie den Schatz shanghait hatten. In Rohdes Nachlass fand sich auch sein Tagebuch. Die letzten Seiten waren aber herausgerissen. Was stand auf diesen Seiten? Ilse Rohde konnte es auch nicht mehr erzählen, als man sich dafür interessierte. Sie starb zwei Wochen nach ihrem Mann.

Um die Todesursachen zu klären, ließ die sowjetische Militärverwaltung ein paar Wochen später das Doppelgrab der Rohdes auf dem 1. Luisenfriedhof am Hammerweg öffnen. Doch das Grab war leer.

Alexander Jakowlewitsch Brjussow will die geretteten Blätter der Akte, die Rohde nicht mehr hatte verbrennen können, erst später noch mal gründlich durchgesehen haben. Mit großer Überraschung, wie er schreibt. Bei den Papieren seien auch zwei Briefe Adolf Hitlers sowie ein Brief Rohdes an seinen Führer gewesen. Hitler habe Rohde und danach noch einmal Gauleiter Koch angewiesen, das Bernsteinzimmer nach Berlin bringen zu lassen. Rohde habe erklärt, das Bernsteinzimmer sei in Ostpreußen "an einem völlig sicheren Ort" in einem Bunker auf dem dritten Deck versteckt - und im übrigen gut "maskiert".

Leider sind die Briefe verschwunden

So, wie der deutsche Führer zum Bernsteinzimmer stand, sind auch Zweifel angebracht, dass es sie überhaupt gegeben hat. Man weiß immerhin, dass Adolf Hitler bei aller Liebe zur Kunst nicht zur ersten Riege der Bernsteinzimmer-Aficionados gehörte. Sonst hätte er für das gute Stück sicher in seinem Führer-Kunstmuseum in Linz einen Platz reserviert.

Wenn Rohde erst entschlossen war, das Bernsteinzimmer nach Westen auszulagern, und es dann doch in Ostpreußen versteckte, ist dann die Theorie so abwegig, dass er eine falsche Spur gelegt hat? Im Prinzip nicht, nur, wen hätte er denn reinlegen sollen? Seinen Mitarbeiter Professor Strauß vielleicht, der mal KP-Mann gewesen war, bevor er zum Faschismus konvertierte? Hinterher hieß es, Strauß sei von Anfang an ein bolschewistischer Maulwurf gewesen. Und man habe davon ausgehen müssen, dass er sofort alles an die Sowjets verraten würde.

Mag ja sein. Strauß brachte es später in der DDR schnell zum stellvertretenden Kulturminister. Aber das konnte Rohde natürlich nicht ahnen. Und im übrigen passt die Theorie nicht in die Zeit. Königsberg war Anfang 1945 einfach nicht der Ort für filigrane Intrigen.

Es ist nicht klar, ob Rohde tat, was er angekündigt hatte

Und außerdem war Alfred Rohde kein arglistiger Mann. Er hatte erklärt, dass er das Bernsteinzimmer nach Westen auslagern wollte. Und das hat er sicher auch so gemeint. Aber in den letzten Wochen vor dem Untergang Königsbergs überstürzten sich die Ereignisse. Es ist nicht sicher, dass er auch tat, was er angekündigt hatte. Exgauleiter Erich Koch hat in seiner Todeszelle in Barczewo (Wartenburg) ausgesagt, das Bernsteinzimmer sei seines Wissens auf den Lazarettdampfer "Wilhelm Gustloff" verladen worden und mit ihm untergegangen. Er war 1949 in Schleswig-Holstein, wo er inkognito als Landarbeiter lebte, festgenommen und dann an Polen ausgeliefert worden. 1958 kassierte er die unvermeidliche Todesstrafe. Doch die Polen ließen ihn leben, in der Hoffnung, er würde irgendwann das Bernsteinzimmer-Geheimnis preisgeben.

Über 25 Jahre lang hat Koch Polen und Sowjets mit immer neuen Geschichten gefoppt. Einmal wurde er sogar zu einer Ortsbesichtigung nach Kaliningrad geflogen. Er starb 1986, im Alter von 90 Jahren, friedlich auf seiner Pritsche. So viel scheint sicher: Er wusste nicht, wo das Bernsteinzimmer war. Das hat er einmal auch zugegeben. Er habe damals wahrhaftig was Wichtigeres zu tun gehabt, als sich um das Bernsteinzimmer zu kümmern. Und selbst wenn er es auf die Reise nach Westen geschickt hat, dann hat er sehr wahrscheinlich am Tag der Verladung die Kontrolle darüber verloren.

Koch hatte in all den Jahren seiner Haft stets ein vitales Interesse daran, die Recherchen nach dem Verbleib des Bernsteinzimmers so nachhaltig wie möglich zu verwirren. Je verworrener die Spuren umso besser waren seine Überlebenschancen. Die "Wilhelm Gustloff"-Spur war eine davon. Die "Wilhelm Gustloff" war Ende der dreißiger Jahre das größte Kreuzfahrtschiff der Welt. Nach Kriegsbeginn war es zum Lazarettschiff umgewidmet worden. Sie wurde am 30. Januar um 21.16 Uhr, dem Tag, an dem die Rote Armee auf Pillau vorstieß und Ostpreußen vom Reich abschnitt, vor der pommerschen Küste von drei sowjetischen Torpedos getroffen. Sie riss nach neuesten Schätzungen 9000 Menschen mit sich in die Tiefe, fünf- bis sechsmal so viele wie beim Untergang der "Titanic" starben. Die weitaus meisten Opfer waren Flüchtlinge. Es war die größte Schiffskatastrophe der Menschheitsgeschichte.

Alexander Marinesco - Ein "Held der Sowjetunion"

Alexander Marinesco, der Kommandant U-Bootes S 13, das die tödliche Salve abfeuerte, wurde dafür am 8. Mai 1990 posthum zum "Helden der Sowjetunion" ernannt. In Kaliningrad, dem ehemaligen Königsberg, erinnern noch heute Denkmäler an die "beispiellose Heldentat, die nach ihren Ergebnissen in der Geschichte des Seekriegs nicht ihresgleichen hat" (so Flottenadmiral S. G. Gorschkow, der Oberkommandierende der sowjetischen Seestreitkräfte).

Es war wirklich eine fulminante Idee von Erich Koch, zwei so hochkarätige Mythen zu einer Story aneinander zu koppeln. Bernsteinzimmer war spannend, "Wilhelm Gustloff" war spannend. Wie spannend musste erst das Bernsteinzimmer auf der "Wilhelm Gustloff" sein?

Tatsächlich haben Überlebende seinerzeit berichtet, kurz vor dem Auslaufen aus Gotenhafen (heute Gdinya) bei Danzig am 30. Januar habe ein Gestapo-Kommando 2 Meter mal 1,50 Meter große Kisten an Bord gebracht. Nur, wenn die Kisten wirklich aus Königsberg kamen, warum sollen sie dann 160 Kilometer weiter westlich verladen worden sein? Die Häfen Königsberg und Pillau lagen doch viel näher. Den langen, gefährlichen Weg über die umkämpfte Nehrung hätte man sich wahrhaftig sparen können.

Zwischen Ostpreußen und den westlichen deutschen Ostseehäfen waren in den letzten drei Kriegsmonaten Hunderte von Schiffen unterwegs, um Flüchtlinge und Fluchtgut in Sicherheit zu bringen. Fast zeitgleich mit der "Wilhelm Gustloff" lief der leichte Kreuzer "Emden" von Pillau aus, der das Kriegsbanner der Schlacht von Tannenberg und die Sarkophage des Feldmarschalls von Hindenburgs und seiner Ehefrau an Bord hatte. Auf diesem Transport hätte das Bernsteinzimmer gut dabei sein können.

Museumsdirektor Alfred Rohde war sogar Mitglied im Beirat des Tannenbergdenkmals. Er hätte das leicht arrangieren können. Die Aktenlage spricht gegen die Gustloff-Theorie. Der pensionierte Herforder Fremdenverkehrsdirektor Heinz Schön, ehemaliger Zahlmeisteranwärter auf der "Wilhelm Gustloff" und einer von gut tausend Überlebenden, hat mehrere Lademeister des Schiffes zur Sache einvernommen. Aber keiner konnte sich an Kisten aus Königsberg erinnern. Davon stand auch nichts in den Ladepapieren, die erhalten geblieben waren. Und deutsche Kapitäne nahmen es im allgemeinen mit ihren Papieren auch in turbulenten Zeiten sehr genau. Heinz Schön sagt, die Gustloff-These sei nachweislich verkehrt. Er hat sie selbst aufgestellt und sie dann akribisch zersägt. Das macht ihn so glaubwürdig. Es kommt ganz selten vor unter Schatzsuchern, dass sie eine falsche Idee nicht unter Ausgrenzung widriger Faktenlagen bis zur Lächerlichkeit verteidigen.

Taucher an der "Gustloff"

Die "Wilhelm Gustloff" ist nach dem Krieg mehrfach gründlich untersucht worden. Die Froschmänner, die 1963 im Auftrag der Seebehörde Gdinya zu dem fünfzig Meter tief gelegenen Wrack auf 55 Grad 7,5 Nord und 17 Grad 42 Ost hinabtauchten, berichteten von großen Löchern im Rumpf. In dem Bericht, den der Einsatzleiter später verfasste, hieß es: "Uns hat sehr überrascht, wie brutal und stümperhaft das Wrack zugerichtet war. Vermutlich waren es die Russen, die das getan haben, um das Schiffsinnere nach den Kisten mit dem Bernsteinzimmer zu durchsuchen, dafür waren die Öffnungen groß genug."



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