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Tepco-Boss Shimizu: Zorn auf Mr. Unsichtbar

Von Fabio Ghelli und

Seit Wochen macht Tepco-Chef Masataka Shimizu in der Fukushima-Krise eine schlechte Figur - sein Auftritt bei der Gedenkfeier für die Opfer des Bebens in Japan bestätigt den miesen Ruf. Der Atommanager wirkt überfordert und planlos, die Wut auf den Konzernlenker wächst.

Japans Katastrophe: Kein Ende des Elends in Sicht Fotos
AP

Hamburg - Plötzlich ist er wieder da: Masataka Shimizu steht am Montag im Regierungsbüro der Präfektur Fukushima. Der Chef des Energiekonzerns Tokyo Electric Power Company, besser unter der Abkürzung Tepco bekannt, trägt die blaue Arbeitsuniform des AKW-Betreibers. Exakt um 14.46 Uhr senkt er sein Haupt und verharrt einige Momente. Es ist der Zeitpunkt, als am 11. März das Erdbeben der Stärke 9,0 die Region erschütterte und einen zerstörerischen Tsunami auslöste. Im ganzen Land legen die Menschen nun Schweigeminuten ein.

Wochenlang war Shimizu, 66, von der Bildfläche verschwunden. Abgetaucht, während sein Konzern durch die größte Krise der Unternehmensgeschichte taumelt. Sprachlos, während seine Mitarbeiter im havarierten AKW Fukushima I ihr Leben riskieren, um eine Ausweitung der Katastrophe zu verhindern. Ein Phantom.

Da passt es gut ins Bild, dass sich Shimizu ausgerechnet eine Schweigeminute für seine Rückkehr in die Öffentlichkeit aussuchte. Viel mitzuteilen hat der Boss des größten japanischen Energieversorgers nämlich nicht. "Wir haben die Öffentlichkeit und die Menschen in der Präfektur Fukushima in eine große Notlage gebracht, verursacht durch die Probleme des Atomkraftwerks", wird Shimizu in der Zeitung "Mainichi Daily News" zitiert. "Ich möchte mich nochmals zutiefst dafür entschuldigen."

Dabei belässt es der Top-Manager. Antworten auf die zahllosen Fragen der japanischen und internationalen Öffentlichkeit sowie der Menschen in der Katastrophenregion rund um das betroffene AKW gibt es nicht. Wie so oft in den vergangenen Wochen. Systematisch schweigt Tepco zu all dem, was in der Kraftwerksruine von Fukushima tatsächlich passiert. Informationen gelangen nur zögerlich an die Öffentlichkeit - wenn überhaupt.

Täuschen und vertuschen

Die Desinformation hat Methode: Der AKW-Gigant ist in Japan für seine Bunkermentalität berüchtigt. Unangenehmes wird runtergespielt, Störfälle haben fast schon Tradition. Der Konzern vertuschte jahrelang Pannen. Zudem sollen Statistiken gefälscht, Umweltberichte fingiert und Resultate von Sicherheitsüberprüfungen geschönt worden sein.

Shimizu wird in diesem Umfeld groß, er wächst buchstäblich im Innern von Tepco auf. Sein Vater arbeitet bereits für den Konzern. 1968, nach seinem Studium an der Tokioter Elite-Universität Keio, fängt auch der Junior als 22 Jahre junger Ökonom bei Tepco an. Anfang der achtziger Jahre wird ihm ein führender Posten in der Verwaltung des Atomkraftwerks Fukushima II anvertraut. Nun beginnt der steile Aufstieg innerhalb des Unternehmens.

Shimizu gilt als Verwaltungsfachmann, Verfechter der Atomenergie - und Workaholic, der im Büro Fitnessübungen macht. In seinem Betrieb nennen sie ihn Cost Cutter, den radikalen Kostensenker. Als Leiter der Materialbeschaffungsabteilung trifft er beispielsweise die Entscheidung, die Tepco-Uniformen nicht mehr in der Heimat, sondern in China schneidern zu lassen. Shimizu arbeitet sich hoch, wird Vize-Boss und 2008 schließlich Konzernlenker, nachdem ein kleinerer Atomunfall im Kraftwerk Kashiwazaki seinen Vorgänger den Job gekostet hat.

Anspruch und Wirklichkeit

Die mit seinem Amtsantritt verbundenen Hoffnungen auf mehr Transparenz und Selbstkritik bei dem Stromkonzern sind immens: Shimizu arbeitete einst auch als PR-Chef bei Tepco und fungierte bis vor kurzem auch als Vorsitzender der japanischen Gesellschaft für Unternehmenskommunikation. "Kommunikation ist zum Überleben wichtig", verkündete er einst als Credo.

Doch zwischen diesem Anspruch und der Wirklichkeit klafft eine gewaltige Lücke.

Die von ihm eingeleiteten Reformen verpuffen nahezu wirkungslos. Die Bürokratie bei Tepco verliert nichts von ihrer Schwerfälligkeit, ihren langen Entscheidungswegen und undurchsichtigen Strukturen.

Shimizus Besuch in der Provinz Fukushima am Montag ist sein erster im Katastrophengebiet rund um die AKW-Ruine - und erst seine zweite öffentliche Stellungnahme nach dem verheerenden Unglück überhaupt. Gelungene Kommunikation sieht anders aus.

Und Shimizu begeht einen weiteren Fauxpas: Er ist gekommen, um sich zu entschuldigen - doch geht er nicht zu den Opfern, sondern zur Provinzregierung. Deren Gouverneur Yuhei Sato lässt ihn abblitzen, bereits zum zweiten Mal. Shimizu wird lediglich gestattet, Satos Sekretärin seine Visitenkarte zu hinterlassen. Diese Demütigung zeigt, wie tief das Ansehen des Tepco-Chefs in der japanischen Öffentlichkeit gesunken ist.

"Was will der hier?", soll ein Beamter in Fukushima gefragt haben. Der Tepco-Chef solle lieber in Tokio bleiben und sich um den Katastropheneinsatz in seinem zerstörten Atomkraftwerk kümmern. Auch ein Sprecher der nationalen Atomsicherheitsbehörde kritisiert Shimizu für japanische Verhältnisse harsch: "Es wäre besser, wenn er seine Aufrichtigkeit mit den Betroffenen demonstrieren würde, indem er über die aktuelle Situation in den einzelnen Reaktoren und die Zukunftsaussichten für das Kraftwerk Auskunft gibt."

Dünne Worte der Entschuldigung reichen den Betroffenen nicht mehr. Sie wollen Erklärungen.

Kommunikationspannen von Anfang an

Doch daran krankte bereits Shimizus erster öffentlicher Auftritt nach der Katastrophe. Als am 11. März der Tsunami kurz nach 15 Uhr gegen die Gebäude des Kraftwerks Fukushima I prallt, ist Shimizu gerade auf Geschäftsreise in der Region Osaka unterwegs. Bei seiner Rückkehr nach Tokio, einen Tag nach dem Unglück, erreicht ihn die Nachricht von der Explosion in Reaktor 3.

Doch bevor er sich der Presse stellt, vergehen weitere 24 Stunden.

Am 13. März, 53 Stunden nach dem Erdbeben, das Japans Nordostküste verwüstet hat, erscheinen die Tepco-Führungskräfte im Sitzungssaal des Hauptquartiers in Chiyodaku zum ersten Mal geschlossen vor der Presse, um sich zum Unglück im AKW Fukushima I zu äußern.

Shimizu spricht in knappen Sätzen, liest von einem Blatt Papier: "Wir werden sehen, wir werden auswerten", sagt er sichtlich angeschlagen. Die Schuld schiebt er auf die Kräfte der Natur: "Wir könnten argumentieren, dass wir angemessen auf einen Tsunami entsprechend unseren Projektionen vorbereitet waren. Aber der Tsunami hatte einfach ein Ausmaß, das weit über unsere Annahmen hinausging." Der 66-Jährige, der sich den Ruf eines unbeirrbaren Machers erarbeitet hat, scheint vor dem Ausmaß der Katastrophe zu kapitulieren.

"Was zur Hölle ist hier los?"

Die Unternehmenskommunikation ist ein Desaster. Selbst Japans Regierungschef Naoto Kan fühlt sich hintergangen, von den ersten Explosionen in Fukushima erfährt er erst aus dem Fernsehen. "Was zur Hölle ist hier los?", fragt Kan am 15. März wütend, als er in die Tepco-Zentrale stürmt - und dort kurzerhand ein Krisenzentrum einrichten lässt, zu dessen Chef er sich selbst ernennt.

Einer der stellvertretenden Bosse des Krisenstabs soll Shimizu sein. Doch der sorgt anschließend vor allem mit seiner zweiwöchigen Abwesenheit für Schlagzeilen. Das Krisenmanagement übernimmt vorübergehend Aufsichtsratschef Tsunehisa Katsumata. Shimizu sei wegen Krankheit vorübergehend arbeitsunfähig gewesen, heißt es später. Den offiziellen Unternehmensangaben zufolge soll er unter Bluthochdruck und Schwindelgefühlen gelitten haben.

Und auch in der internen Kommunikation gibt es offenbar gravierende Mängel. Eine kurze Hausmitteilung ist alles, was die 38.000 Tepco-Beschäftigten bislang von ihrem Boss zur Atomkatastrophe gehört haben sollen. "Bitte bewahren Sie Ruhe und verlieren Sie nicht ihren Stolz, ein Mitarbeiter von Tepco zu sein", heißt es darin. Die Kommunikationspolitik des Stromkonzerns führt teilweise zu bizarren Szenen. Auf die Frage der "Washington Post", ob er seinen Chef gesehen habe, antwortete ein Tepco-Sprecher vor einigen Tagen: "Ich muss das mal nachchecken."

Politiker, Manager und Journalisten halten einen Rücktritt Shimizus für unvermeidbar. Der Vorsitzende des japanischen Oberhauses, Takeo Nishioka, nennt das wochenlange Abtauchen "unverständlich und unentschuldbar". Doch noch gibt es laut Tepco "keine Absicht, die momentane Führungsriege zu ändern".

Die Tageszeitung "Mainichi Shimbun" spricht von einem geköpften Unternehmen, dessen Angestellte immer verlorener wirken: Eine schiffbrüchige Mannschaft, die im Moment des Untergangs vom eigenen Kapitän im Stich gelassen wurde.

Mitarbeit: Lucas Negroni

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insgesamt 41 Beiträge
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1. die japanische anti-atom-bewegung
Tabris2011 11.04.2011
wenn ich mich richtig erinnere, demonstrierte die japanische "anti-atom-bewegung" vor zwei wochen mit 500 leuten. letzten sonntag waren es 5000 personen, die ihre angst und wut öffentlich machten! ich denke, dass der umdenkungsprozess langsam, aber tiefgreifend im gange ist. bei aller japanischer zurückhaltung: das wird massive spüren in der technik -und obrigkeitsgläubigkeit hinterlassen. der ganze konzern sollte verstaatlicht und zerschlagen werden!
2. Der TEPCO Boss hat noch mehr gesagt.
ichse-michse 11.04.2011
Laut NHK könne er zu seiner persönlichen Verantwortung z.Z. gar nichts sagen, da er sich erstmal um seine Firma kümmern müsse. Und er sieht offenbar auch nur die Reaktoren 1 - 4 als Unglücksmasse: "Shimizu declined to comment on how he himself would take responsibility for the problems, saying he must now concentrate on overcoming the company's worst-ever crisis. He added that he expects to see the ruined No. 1 through No.4 reactors at the power plant to be decommissioned." Quelle: http://www3.nhk.or.jp/daily/english/11_26.html Was für eine Elite^^
3. So darf es nicht weitergehen bei Tepco
Kaygeebee 11.04.2011
Millionen an Prämien einsacken, dass können Firmenbosse prima. Dann mal Rückgrat zeigen und das hausgemachte Problem in den Griff bekommen, da passen die meisten. Beim Bund nannte man das "Tarnen, täuschen, verpissen!" Nur weil Shimizu ein (wahrscheinlich) sechs- bis siebenstelliges "Gehalt" erhält heißt noch lange nicht das er auch kompetent ist. Manager dieser Art sind immer nur gut solange nichts passiert, d.h. sie beten jeden Tag drei mal das nichts passiert das ihren Alltag durcheinanderbringt. Das schlimmste wäre wenn es bei Tepco nach der Katastrophe (und bei Radioaktivität kann man kaum von einem "nach" reden, dass Zeug wird uns noch auf Jahrtausende verfolgen) genau so weitergeht wie vor der Katastrophe.
4. Nicht nur Tepco
kabelfritze 11.04.2011
Zitat von Tabris2011wenn ich mich richtig erinnere, demonstrierte die japanische "anti-atom-bewegung" vor zwei wochen mit 500 leuten. letzten sonntag waren es 5000 personen, die ihre angst und wut öffentlich machten! ich denke, dass der umdenkungsprozess langsam, aber tiefgreifend im gange ist. bei aller japanischer zurückhaltung: das wird massive spüren in der technik -und obrigkeitsgläubigkeit hinterlassen. der ganze konzern sollte verstaatlicht und zerschlagen werden!
Verstaatlichung bedeutet, dass der Staat garantiert auf allen Folgekosten dieser Wahnsinnstechnologie sitzen bleibt. Nee, ich finde, man sollte die Konzerne leben lassen, damit sie für ihre Sünden bluten können. Die dürfen alle nicht in Rente, bis sie ein sicheres Verfahren zur Endlagerung realisiert haben.
5. Wer nicht taucht, taucht nix!
abwählen! 11.04.2011
Warum erinnert mich der Typ nur so eklatant an Angela Merkel. Wie die drei Affen.... Jedes Volk hat die Führer die es verdient? Nicht wirklich -Diese korrupte Bande hat niemand "verdient"! Nicht in Japan, nicht in Deutschland, nicht Italien, nicht Frankreich...abwählen! Alle!
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