Terror-Aufzeichnungen "Wir haben ein paar Flugzeuge"

Der Tower versuchte wieder und wieder Kontakt zum Flug 11 der American Airline aufzunehmen. Es blieb geheimnisvoll still. Dann hörte der Fluglotse: "Wir haben ein paar Flugzeuge. Bleibt ruhig und euch passiert nichts. Wir kehren zum Flughafen zurück."


WTC: Das zweite Flugzeug zerstört den Südturm
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WTC: Das zweite Flugzeug zerstört den Südturm

New York - Die Entführer der Maschinen, die am 11. September für die Anschläge auf das World Trade Center und das Pentagon benutzt wurden - eines stürzte bei Pittsburgh ab - kehrten nicht zu den Flughäfen zurück, wo sie gestartet waren. Der "New York Times" liegen die Aufzeichnungen der Gespräche zwischen den Cockpits und dem Kontrollzentrum vor. Sie dokumentieren, wie ein Morgen voller Routine in Chaos und Terror umschlug.

Der Fluglotse fragte irritiert: "Wer spricht da?" Keine Antwort. Dann hört er die Stimme wieder: "Keine Bewegung bitte; wir kehren zum Flughafen zurück. Macht keine Dummheiten."

Die Anweisungen des Entführers galten offenbar der Crew und den Passagieren an Bord. Wohl ohne seine Absicht wurden sie auf der Frequenz übertragen, auf der die Fluglotsen im Kontrollturm mit den Piloten kommunizieren. Möglicherweise hatte ein Besatzungsmitglied den Kontakt zum Tower aktiviert.

Flugzeuge von United Airlines waren die Waffen der Attentäter
REUTERS

Flugzeuge von United Airlines waren die Waffen der Attentäter

In die nüchterne Sprache der Fliegerei mischten sich in den folgenden Minuten Töne ungewöhnlicher Verwirrung. Das erste sichere Zeichen einer Entführung kam von Flug 175 der United Airlines, die um 8.14 Uhr Boston in Richtung Los Angeles verlassen hatte. Unmittelbar nach dem Start fragte ein Fluglotse bei mehreren Piloten an, ob sie etwas von Flug Nummer 11 wüssten, zu dem der übliche Kontakt bereits abgebrochen war.

Der Pilot des Fluges 175 antwortete dem Lotsen um 8.41 Uhr: "Gleich nach unserem Start in Boston fingen wir einen verdächtigen Funkspruch auf." "Hörte sich an, als ob jemand das Mikro abgedreht hat und sagte, jeder soll auf seinem Platz bleiben."

Nur 90 Sekunden später wurde sein eigener Flug Teil der sich abspielenden Katastrophe: Flug 175 wich vom planmäßigen Kurs in Richtung Los Angeles ab, und der Funkkontakt zum Boden riss ab. Der Fluglotse in Boston sagte, der Antwortsender reagiere nicht.

Um 8.50 Uhr meldete sich ein nicht identifizierter Pilot über die übliche Frequenz und fragte: "Weiß jemand, was das für ein Rauch über Lower Manhattan ist?"

Flug 11 war bereits Minuten zuvor in den Nordturm des World Trade Center geflogen. Unterdessen blieben die wiederholten Versuche des Lotsen, Flug 175 zu rufen, erfolglos.

Um 8.53 Uhr, als Flug 175 bereits mit ungefähr 500 Meilen pro Stunde über den Hudson brauste - doppelt so schnell wie erlaubt - wurde den Lotsen auf Long Island klar, was vorging: "Es handelt sich offenbar um eine Entführung", sagte er, "wir haben hier jetzt ein paar Probleme."

Kurz nachdem das erste Flugzeug ins World Trade Center stürzte, versuchte ein Fluglotse in Indianapolis Kontakt mit Flug 77 aufzunehmen, der auf dem Dulles-International-Flughafen bei Washington in Richtung Los Angeles gestartet war. Der Pilot hatte bestätigt, die Information erhalten zu haben, seinen Kurs in Richtung auf ein Signalblinklicht in Falmouth, Kentucky, zu ändern. Weitere Funksprüche vom Boden erwiderter er nicht mehr.

"American 77, Indy", sprach der Fluglotse immer wieder in sein Mikrofon. "American 77, Indy, radio check. How do you read?"

Um 8.56 Uhr wurde Flug 77 nicht mehr erreicht. Die Luftfahrtbehörde FAA hatte bereits wegen der von Boston aus gestarteten gekidnappten Maschinen Kontakt mit dem Pentagon aufgenommen. Gegen 9.24 Uhr, also 28 Minuten später, benachrichtigte sie auch die nordamerikanische Flugraum-Verteidigung (Norad) über Flug 77. Kurz danach stiegen Kampfjets auf.

Mohamed Atta soll eines der Flugzeuge geflogen haben
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Mohamed Atta soll eines der Flugzeuge geflogen haben

Die FAA rief auch die Flugabfertigungsstelle in Dallas/Texas an. Der Flugverteiler dort sollte versuchen, Flug 77 auf eine andere Frequenz zu leiten. Der Versuch schlug jedoch fehl. Gegen 9.09 Uhr kam die Information vom Lotsen, Flug 77 sei nicht zu erreichen. Seine Airline habe die "unbestätigte Nachricht, das zweite Flugzeug sei ins World Trade Center eingeschlagen und explodiert". Er schien zu glauben, bei diesem Flugzeug handele es sich um Flug 77. Doch tatsächlich war die American 77 auf dem Weg über Pittsburgh zurück nach Washington.

Um 9.33 Uhr machte derselbe Fluglotse, der ungefähr 70 Minuten zuvor den ganz normalen Start des Fluges Nummer 77 überwacht hatte, ein nicht identifizierbares Blinkzeichen auf dem Radarschirm aus. Er rief vom Dulles-Flughafen seinen Kollegen auf dem nationalen Flughafen (Reagan-Airport) in Washington an, um ihm mitzuteilen, dass ein "fast moving primary target", das bedeutet ein Flugzeug ohne Wiedergabesender, ostwärts fliege und auf die Flugverbotszone über dem Weißen Haus, dem Kapitol und dem Washington Monument zuhalte.

Kurz nach den Anschlägen: Verschärfte Kontrollen auf amerikanischen Flughäfen
AP

Kurz nach den Anschlägen: Verschärfte Kontrollen auf amerikanischen Flughäfen

Ein Aufsichtsbeamter auf dem Dulles-Airport unterrichtete daraufhin über eine Hotline den Geheimdienst im Weißen Haus. Der Präsident war gerade in Florida, doch Vizepräsident Dick Cheney hielt sich dort auf. Sicherheitsbeamte brachten ihn in einen unterirdischen Bunker.

Drei Minuten später, um 9.36 Uhr, wurde ein Frachtflugzeug des Militärs vom Typ C-130, das gerade planmäßig vom Luftwaffenstützpunkt Andrews in Maryland gestartet war, vom Reagan-Airport aus damit beauftragt, das "schnell fliegende Geschoss" abzufangen und zu identifizieren. Die Mannschaft der C-130 gab durch, es handele sich um eine Boeing 757. Sie fliege tief und schnell.

Das Flugzeug hielt Kurs auf Washington-Mitte. Doch als es das Pentagon überflogen hatte, machte es eine Kurve nach rechts und verlor stark an Höhe. Um 9.38 Uhr krachte es in die Westseite des Pentagon.

Beim Aufprall war es mehr als 500 Meilen pro Stunde schnell - was die Zerstörungskraft erhöhte und es leichter manövrieren ließ. Die Untersuchungen ergaben später, dass es auf dem Weg über das Pentagon mittels des Autopiloten gesteuert wurde, um präzise auf Kurs zu bleiben.

Nur wenige Minuten vor dem Einschlag ins Pentagon geriet Flug Nummer 93 der United Airlines von Newark nach San Francisco in der Nähe von Cleveland vom Kurs ab. Aus heutiger Sicht scheint es, als seien Passagiere auf Flug 93 über die anderen Flugzeugentführungen informiert gewesen.

Es ist anzunehmen, dass die Besatzung durch alle Hintergrundgeräusche im Cockpit des Fluges 93 hindurch einen "Ping"-Ton gehört hat, wie ihn Computer von sich geben, wenn sie eine E-Mail empfangen. Es war eine Textnachricht, die ein Fluglotse über Funk aus der Nähe von Chicago geschickt hatte. In grünen Buchstaben war auf dem schwarzen Schirm zu lesen: "Vermeiden Sie, dass jemand ins Cockpit eindringt."



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