Terror-Ermittlungen Die netten Attentäter von nebenan

Ermittler haben jetzt den vierten mutmaßlichen Attentäter identifiziert. Auch er soll Brite gewesen sein und ein unauffälliges Leben geführt haben. Die Familien der mutmaßlichen Terroristen können nicht glauben, dass ihre Angehörigen für die Bluttat verantwortlich sind. Inzwischen jagt Scotland Yard laut BBC einen fünften Mann.


Angehöriger Ahmed: "Er war es nicht"
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Angehöriger Ahmed: "Er war es nicht"

London/Hamburg - Nachbarn und Freunde sind fassungslos, Angehörige können es nicht glauben: Was hat vier Briten dazu veranlasst, mit Bomben in die Londoner Innenstadt zu ziehen und 48 Menschen mit sich in den Tod zu reißen? Die britische Polizei macht vier Männer für die unfassbare Bluttat vom vergangenen Donnerstag verantwortlich: Hasib Hussein, Mohammed Sadique Khan, Shehzad Tanweer und ein vierter noch nicht namentlich genannter Engländer pakistanischer Abstammung.

Die vier mutmaßlichen Attentäter wurden kurz vor den ersten Explosionen von Video-Überwachungskameras am Londoner Bahnhof King's Cross gefilmt. Sie trugen Rucksäcke, in denen sich vermutlich die Sprengsätze befanden. Ein Polizist sagte, die Männer hätten sehr entspannt ausgesehen, als ob sie in den Urlaub führen.

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Heimat der Terroristen: Ein Leben im britischen Durchschnitt

Der Sender BBC berichtete jetzt unter Berufung auf Polizeikreise, ein weiterer Mann sei ins Visier der Ermittler geraten. Eine Polizeisprecherin bestätigte dies zunächst nicht. Bislang war von vier Attentätern die Rede gewesen. Ob es sich bei dem fünften Mann um einen weiteren Attentäter oder um einen Drahtzieher handelt, ist unklar.

Die Nachricht, dass es die Täter Briten seien, löste Schockwellen in Großbritannien aus. "The Boy Bombers", schrieb das Boulevardblatt "The Sun" - die "Bomben-Jungs". "Es waren vier normale britische junge Männer aus normalen britischen Familien, die Fußball und Mädchen liebten, also warum nur wurden sie zu Selbstmordattentätern?", fragte der "Daily Mirror" auf seiner Titelseite. Wenn es sich bestätigt, waren die vier die ersten Selbstmordattentäter in Westeuropa.

Nach allem, was über Hussein, Khan und Tanweer bislang bekannt ist, passen sie einerseits in das Bild der völlig unauffälligen Attentäter vom Schlage eines Mohammed Atta, die wie die Terroristen des 11. September bis zu ihrem Verbrechen keinerlei Verdacht erregten. Andererseits scheint es sich bei den Tätern - ganz anders als bei Atta & Co. - um junge Männer gehandelt zu haben, die fest in einer westlichen Gesellschaft verankert waren: Sie sind in Großbritannien aufgewachsen und hatten ihre Bezugspunkte dort. Einer von ihnen, Tanweer, war sogar ein begeisterter Anhänger der urbritischen Sportart Cricket.

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London: Wer waren die Attentäter?

"Er war es nicht", sagte Baschir Ahmed, der Onkel von Tanweer, der BBC. "Es müssen Kräfte hinter ihm gewesen sein." Ahmed, der seinen Neffen, am Tag vor den Anschlägen, zuletzt gesehen hat, erzählte Tanweer sei Anfang des Jahres für zwei Monate nach Pakistan gereist, um dort religiösen Studien nachzugehen.

Auch nach Afghanistan soll er bei der Gelegenheit gereist sein. Die Polizei vermutet, er könnte dort in einem Trainingslager der Qaida für den blutigen Anschlag geschult worden sein. Der Sohn eines Fish-and-Chips-Restaurant-Besitzers kam bei dem Anschlag in der Circle-Line bei Aldgate ums Leben gekommen. In Leeds hat er Sportwissenschaften studiert. Nachbarn zufolge war er ein "guter Muslim". Der 19-Jährige wohnte mit einem Bruder und zwei Schwestern zusammen.

Mohammed Khan kümmerte sich um behinderte Kinder

In dem zerbombten Bus am Tavistock Square entdeckten die Fahnder Führerschein und Kreditkarten von Hasib Hussein. Seiner Familie hatte er gesagt, er fahre mit Freunden nach London. Die Vermisstenanzeige der Angehörigen brachte der Polizei den entscheidenden Hinweis. Die Mutter meldete sich am Tag nach dem Anschlag telefonisch bei der Polizei. Ihr Sohn habe das Haus der Familie am Mittwochabend verlassen und sei seither über Handy nicht zu erreichen. Mit gepresster Stimme gab sie durch, was Hasib Hussein getragen habe, als er loszog.

Bomber in der Nachbarschaft? Die Polizei in Leeds bewacht das Haus in dem einer der mutmaßlichen Selbstmordattentäter gewohnt hat
AFP

Bomber in der Nachbarschaft? Die Polizei in Leeds bewacht das Haus in dem einer der mutmaßlichen Selbstmordattentäter gewohnt hat

Der 19-Jährige lebte mit seiner Familie in Holbeck, einem Vorort von Leeds. Nachbarn sagten dem Fernsehsender, die Husseins hätten schon seit 20 Jahren in dem typisch britischen Backsteinhaus gelebt und seien "sehr nette Leute". Vor zwei Jahren habe Hasib begonnen, sich sehr für religiöse Dinge zu interessieren.

Mohammed Sadique Khan, der bei dem Anschlag im U-Bahnhof Edgware Road ums Leben gekommen sein soll, kam aus Dewsbury bei Leeds. Er war laut Sky News verheiratet gewesen und hatte eine etwa acht Monate alte Tochter. Das Paar galt als sehr ruhig. Nachbarn zufolge habe der 30-Jährige mit behinderten Kindern gearbeitet.

Die Polizei gab heute bekannt, auch der Name des vierten Attentäters sei ihr mittlerweile bekannt, sie nannte ihn jedoch noch nicht. Wie die anderen drei komme er aus West Yorkshire. Die Ermittler gehen davon aus, dass er mit ihnen befreundet gewesen sei und nach außen hin ein normales Leben geführt habe.

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