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Terror-Verschwörungstheorien: "Das ist doch alles ein Kreuzzug der Protestanten"

Von Brenda Strohmaier

So mancher Muslim will nach den gescheiterten Kofferattentaten nicht glauben, dass Glaubensbrüder ein Attentat geplant haben sollen. Und so kursieren bereits neue Verschwörungstheorien. Sie passen zu jenen, die es zum 11. September und den jüngsten Anschlagsversuchen in London gibt.

Hamburg - Die Libanesen, die die Bomben in zwei Regionalzügen deponiert haben sollen, wurden bezahlt. Und zwar vom deutschen Geheimdienst. Da ist der 27-jährige Mann aus Saudi-Arabien sich sicher. Und warum? "Das ist doch alles ein Kreuzzug der Protestanten", erklärt er. "Ganz Norddeutschland ist doch protestantisch und Präsident Bush auch." Es folgt eine Fülle von verwirrenden Argumenten und Geschichtsdaten, es geht um die Pest, Martin Luther und Helmut Kohl. Irgendwie soll das alles zusammenhängen.

Den jungen Saudi mit aus westlicher Sicht kaum nachvollziehbaren Ansichten kann man an an einer Straßenecke in Hamburg treffen, ganz in der Nähe des Bahnhofs. Hier im Stadtteil St. Georg leben Ausländer aus aller Welt, viele davon sind Muslime. Mehrere Moscheen haben sich in dem Viertel angesiedelt, in vielen Läden gibt es keinen Alkohol, dafür werden Dinge wie elektronische Koranlerngeräte angeboten. Was sich hier in diesen Tagen noch finden lässt, ohne groß danach zu suchen: Dutzende von Verschwörungstheorien darüber, wie es in der Welt wirklich zugeht. Und zwar solche, die sich durchaus widersprechen.

So wird an der Straßenecke am Steindamm, irgendwo zwischen Nur-Moschee und Kuds-Moschee, heftig über die Kreuzzugsthese des jungen Saudis diskutiert. "Es geht nicht um Religion, es geht doch nur um Geld", sagt ein Algerier im Lacoste-Hemd. Ein Tunesier stimmt ihm zu und fragt: "Oder warum sind deutsche Soldaten jetzt im Kongo?" Beim Kampf um Geld und vor allem um Öl, so die Theorie, sei den westlichen Staaten jedes Mittel recht. Eine gängige These: Die Amerikaner haben von dem geplanten Attentat am 11. September gewusst, es aber nicht verhindert. "Wir glauben, dass Amerika diesen Anschlag brauchte, um den Irakkrieg beginnen zu können", erklärt der libanesische Grafikdesigner Mahran Abdulwahab mit hamburger Akzent.

"Die sind verrückt"

Viele Migranten, die man auf die Kofferbomber anspricht, reagieren mit Sätzen wie: "Die sind verrückt." Mehr haben die meisten dazu nicht zu sagen. Auch Abdulwahab hält solche Taten für schlichten Wahnsinn. "Das schadet doch nur uns, die wir hier leben." Doch selbst er - der überaus gemäßigte Ansichten vertritt und schon mal eine jüdische Freundin hatte - kann sich nicht verkneifen, zu erwähnen, dass man aus den westlichen Medien nicht die ganze Wahrheit erfahren könnte, weil "die einfach zu judenfreundlich berichten". Im Bahnhofsviertel bekommt man auch noch zahlreiche andere, viel hanebüchenere antisemitische Äußerungen zu hören.

Besonders befremdlich scheint allerdings, was ein 17-jähriger Kurde aus Bonn vor ein paar Tagen auf SPIEGEL TV vor laufender Kamera zu Protokoll gab. Seine Version davon, wie der jüngste Libanonkonflikt begann: "Es war erst mal so, dass die Juden ein Kind oder so vergewaltigt haben." Später erzählt er davon, dass er aus sicherer Quelle wüsste, dass Juden auch schon mal Sechsjährige in einem Kindergarten systematisch erschossen hätten. "Nur die Lehrerin haben die leben lassen, damit die psychisch krank wird."

Auch in St. Georg kursieren viele seltsame Thesen zum Libanonkonflikt. So versichert ein Verkäufer in einem Telefonladen, dass die jüngsten Razzien in London allesamt Propaganda gewesen seien. Ein geplantes Attentat mit Flüssigsprengstoff? Von wegen. "Das glaubt doch niemand. Da geht es doch nur darum, vom Libanonkrieg abzulenken", erklärt der Mann und zeigt vor seine Tür, wo ein Grüppchen Männer plauscht. "Wir denken hier alle so."

Antisemitismus ist Programm

Befeuert werden derartige Ansichten von Propagandasendern wie al-Manar, der von der Hisbollah finanziert wird. Das Programm verklärt Selbstmordattentate und zeigt sogar im Kinderprogramm antisemitische Sendungen, wie auf SPIEGEL TV zu sehen war. "Diese Filme werden für Kinder gemacht. Ganze Generationen wachsen mit Vorurteilen auf, dass Juden Affen und Schweine sind", moniert Wahied Wahdathagh vom Berliner Middle East Media Research Institut, das arabische Fernsehsender beobachtet. Auch Filme wie der umstrittene türkische Blockbuster "Tal der Wölfe" - in dem ein jüdischer Arzt Gefangenen im berühmt-berüchtigten Iraker Gefängnis Abu Ghureib Organe entnimmt - schlagen in diese Kerbe.

Libanesen wie der Grafikdesigner versichern allerdings, dass sie durchaus differenzieren könnten: "Wir wissen doch, dass al-Manar Hisbollah-TV ist und schauen auch andere Sender." Dagegen sprechen manche Immigranten den Deutschen die Fähigkeit des klugen Medienkonsums ab. "Viele lesen doch nur 'Bild' oder schauen Fernsehen, und die halten uns jetzt alle für Terroristen", erklärt ein junger Tunesier - und hat dazu gleich noch eine Theorie parat. Nämlich jene, dass man vor lauter Terrorberichterstattung die wahren Probleme der Immigranten vergesse. "Das ist doch ein Ablenkungsmanöver. Wir wollen hier nur in Ruhe leben. Und dafür brauchen wir Jobs, Jobs, Jobs. Schreiben Sie das doch mal."

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