Terroralarm in London Fahnder sollen kurz vor Probelauf zugegriffen haben

Immer mehr Details werden zu den vereitelten Anschlägen von London-Heathrow bekannt. Die Attentäter sollen laut US-Geheimdienstkreisen in Kürze einen Probelauf geplant haben. Drei Drahtzieher sollen identifiziert worden sein - und auch, wie sie mehrere Passagierjets in die Luft sprengen wollten.


London/Wahington - Bei dem Probelauf, der binnen der kommenden zwei Tage hätte starten sollen, wollten die Attentäter den Angaben von US-Geheimdienstlern zufolge testen, ob es ihnen gelingt, die benötigten Materialien an Bord von Flugzeugen zu schmuggeln. Die tatsächlichen Anschläge auf zehn Flugzeuge auf dem Weg in die USA sollten dann binnen weniger Tage folgen, hieß es am Donnerstag aus Geheimdienstkreisen in Washington.

Die Sicherheitskontrolleure sollten nicht den geringsten Anlass für einen Verdacht haben: Die verhinderten Täter von London wollten ihren tödlichen Sprengstoff mit einem Trick in die Flugzeuge schmuggeln. Einem Bericht des US-TV-Senders ABC zufolge wollten sie die Verpackungen von Sportgetränken mit einem weiteren Boden versehen. Im oberen Teil sollte sich demnach das Getränk befinden, im unteren der gefährliche Sprengstoff, ein Peroxid - rot eingefärbt und damit von außen nicht von dem harmlosen Getränk zu unterscheiden, so dass sie sogar aus der Flasche hätten trinken können. Mit dem Blitzlicht einer Kamera wollten sie den Sprengstoff zünden, berichtete ABC. Offiziell bestätigt wurden diese Angaben allerdings nicht. Laut einem Bericht von CNN wollten die Attentäter die Explosion mit einem MP3-Player oder einem Mobiltelefon auslösen.

Diverse - zum Teil widersprüchliche - Meldungen in den Medien ranken sich um die Identität der Festgenommenen. Der Fernsehsender ABC berichtete, westliche Geheimdienste hätten inzwischen die Identität dreier inhaftierter Hauptverdächtiger festgestellt. Demnach heißen die drei Tatverdächtigen Rashid Rauf, Mohammed al-Ghandra und Ahmed al-Khan. Zwei von ihnen sollen kürzlich nach Pakistan gereist sein. Später sollen sie von dort Geld erhalten haben.

Die Spur der mutmaßlichen Täter nach Pakistan passt zu Äußerungen von Frankreichs Innenminister Nicolas Sarkozy. Die vereitelten Anschläge auf Transatlantikflüge sollten nach seinen Angaben den Plänen zufolge von pakistanischen Staatsbürgern verübt werden. "In zwei oder drei Tagen werden wir mehr konkrete Informationen über die Arbeitsweise dieser Terroristengruppe haben, die pakistanischen Ursprungs zu sein scheint", sagte er vor Journalisten.

Pakistan seinerseits betonte, die pakistanischen Behörden hätten dabei geholfen, die Anschläge zu vereiteln und eng mit Geheimdiensten Großbritanniens und der USA zusammengearbeitet. "Tatsächlich hat Pakistan eine sehr wichtige Rolle bei der Aufdeckung und Zerstörung dieses internationalen terroristischen Netzwerks gespielt", sagte die Sprecherin des Außenministeriums, Tasnim Aslam. Auch in Pakistan habe es Festnahmen gegeben. Welche Staatsangehörigkeit die dortigen Verdächtigen haben, sagte die Sprecherin nicht.

Zuvor hatte die britische Polizei 24 Verdächtige festgenommen, die offenbar Bomben an Bord von mehreren Passagiermaschinen in die USA zünden wollten. Zunächst hatte die Polizei von 21 Verdächtigen gesprochen. Einer der Schwerpunkte der Razzien lag in Walthamstow im Osten der britischen Hauptstadt, wo eine große muslimische Gemeinde lebt.

Der Fernsehsender Channel Four berichtete, einer der Festgenommenen sei ein muslimischer Sozialarbeiter, bei einem weiteren handele es sich um einen Angestellten des Londoner Airports. Er habe einen Dienstausweis besessen, der ihm auf dem ganzen Gelände freien Zugang gewährte. Der Sender ABC News schreibt auf seiner Internetseite, 22 der Verhafteten seien pakistanischer Abstammung gewesen, zwei weitere stammten aus Iran und Bangladesh. Ein Mann sei am frühen Donnerstagmorgen in seinem Haus im Nordosten Londons festgenommen worden. Nachbarn berichteten, der Mann sei vor kurzer Zeit streng religiös geworden, heißt es in dem Bericht.

Unter Berufung auf ihren Polizeireporter bezeichnet SkyNews auf seiner Webseite die Verdächtigen als überwiegend junge Briten mittel- und südasiatischer Herkunft. Sie seien zwischen 17 und 35 Jahre alt. Unter den Festgenommenen solle sich auch eine junge Mutter befinden. Scotland Yard äußerte sich zu den Meldungen über die Identität der Verhafteten nicht.

Den Festnahmen waren nach Angaben der Polizei mehrmonatige verdeckte Ermittlungen vorausgegangen. Die Ermittlungen hätten dann in der Nacht zum Donnerstag einen "kritischen Punkt" erreicht, sagte der Leiter der Anti-Terror-Einheit bei Scotland Yard, Peter Clarke. Einem ABC-Bericht zufolge hatten die Fahnder festgestellt, dass mehrere Verdächtige Flüge in die USA gebucht hatten.

Dem britischen Innenminister John Reid zufolge wurden bislang die Hauptverdächtigen verhaftet. Die komplexe Anti-Terror-Operation sei längst noch nicht beendet.

Berichten zufolge werden etliche weitere Verdächtige gesucht. ABC News berichtete auf seiner Internetseite unter Berufung auf eingeweihte US-Kreise, nach fünf weiteren möglichen Tätern werde in Großbritannien auf Hochtouren gefahndet. Dem Sender Fox News zufolge sind sogar noch bis zu zehn weitere Verdächtige auf freiem Fuß. Die britische Polizei sagte über den ABC-Bericht, die Nachrichten stammten nicht von ihr. CNN berichtete unter Berufung auf US-Sicherheitskräfte, dass an den Attentatsplänen sogar bis zu 50 Menschen beteiligt gewesen sein könnten.

Die Angst vor neuen Terroranschlägen stürzte den internationalen Luftverkehr am Donnerstag ins Chaos. Zehntausende Menschen saßen auf Flughäfen fest. Weltweit wurden die Sicherheitsvorkehrungen verschärft. Nach Angaben der Lufthansa in Frankfurt am Main sind ab sofort Flüssigkeiten im Handgepäck auf Flügen in die USA verboten. Dazu zählten neben Getränken auch Sonnenmilch, Zahnpasta oder Haargels. Ausnahmen gibt es bei Babynahrung sowie für dringend notwendige Medikamente.

Wegen der mutmaßlichen Anschlagspläne wurde in Großbritannien Alarmstufe eins ausgelöst. Innenminister Reid sagte, bei einer Umsetzung der Pläne hätte es einen "Verlust an Menschenleben von bislang nicht bekanntem Ausmaß" gegeben. Laut BBC sollten jeweils drei Flugzeuge fast zeitgleich getroffen werden. Der Sender berichtete unter Berufung auf Sicherheitskreise, dass insgesamt neun Maschinen in der Luft gesprengt werden sollten.

Die Anschläge hätten unmittelbar bevorgestanden, aber vereitelt werden können, hieß es. Nach US-Angaben hatten es die Attentäter wohl auf führende US-Fluglinien abgesehen. Die Attentäter hätten es nicht darauf abgesehen, amerikanische Städte zu zerstören.

Auf dem Londoner Großflughafen Heathrow sowie vielen anderen Airports wurden die Personenkontrollen drastisch verschärft. Die Mitnahme von Handgepäck wurde mancherorts völlig verboten. Erst am Abend normalisierte sich auf dem größten Londoner Flughafen Heathrow die Lage trotz Terror- Alarms langsam wieder.

hen/AP/dpa/Reuters



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