Terroralarm Zweiter Kofferbomber ins Ausland entkommen

Ganz nah dran wähnten sich die Fahnder am zweiten Kofferbomber: Seine Identität ist bekannt, ein Libanese, 20 Jahre alt, wohnhaft in Köln. Doch der Versuch, ihn zu verhaften, ist vorerst gescheitert: Der Mann floh in den Nahen Osten - wohl gleich nach dem gescheiterten Attentat.

Von , , Sönke Klug und Alexander Schwabe


Hamburg – Am Montagabend war Jörg Ziercke noch zuversichtlich. Da verkündete der Chef des Bundeskriminalamtes (BKA) im ZDF, der zweite Verdächtige würde rasch gefasst werden. Doch heute herrscht im BKA, bei der Bundesanwaltschaft und beim Verfassungsschutz Enttäuschung: Der Verdächtige, ein 20-jähriger Mann aus dem Libanon, der Dschihad H. heißen soll, ist verschwunden – ein Zugriff in Köln scheiterte heute Nacht.

Doch die Frage ist: Waren die Ermittler tatsächlich so nah dran an Dschihad H.?

Dschihad H. und der am Samstag verhaftete Youssef Mohamad E. H. haben nämlich nach neuen Erkenntnissen der Behörden nur Stunden nach ihrem versuchten Anschlag eine Maschine nach Istanbul genommen. Dies berichtet die "Süddeutschen Zeitung". Die Namen der beiden standen dem Bericht zufolge auf der Passagierliste eines Flugs. Dschihad H. sei von Istanbul aus weiter in den Nahen Osten geflogen. Dort solle er sich immer noch aufhalten.

Unklar ist, weshalb Youssef Mohamad E. H. nach Deutschland zurückkam. Der 21-Jährige sei am vorvergangenen Mittwoch zurückgekehrt, hatte ein Mitbewohner angegeben. Youssef habe erzählt, sein älterer Bruder sei bei einem israelischen Militäreinsatz getötet worden. Er habe deshalb seine Eltern in Damaskus besucht.

Vor drei Wochen, am 31. Juli, waren in zwei Regionalzügen in Dortmund und Koblenz Bomben in Koffern gefunden worden, die nach bisherigen Erkenntnissen nur deshalb nicht detonierten, weil die Bombenbauer handwerkliche Fehler gemacht hatten. Das BKA und die Bundesanwaltschaft hatten am Freitag in einem Fahndungsaufruf Fotos und Videoaufnahmen der mutmaßlichen Bombenleger beim Betreten der Bahnsteige in Köln veröffentlicht.

Ein entscheidender Hinweis kam vom libanesischen Militärgeheimdienst: Im Zuge der Ermittlungen wurde am Samstag der 21-jährige Libanese Youssef Mohamad E. H. am Kieler Bahnhof festgenommen. Er sitzt seither in Untersuchungshaft. Nach Angaben der Ermittler belegen DNA-Spuren und ein Fingerabdruck, dass Mohamad E. H. an dem versuchten Anschlag beteiligt war.

Die Beamten erhielten seit seiner Festnahme laut BKA-Chef Ziercke eine "Fülle von Informationen". Diese führten heute Nacht zu einer Durchsuchung: Eine Hundertschaft der Polizei durchsuchte ein Gebäude in Köln, in dem Dschihad H. vermutet wurde. Angeblich handelte es sich dabei nicht um das Gebäude, in dem der Verdächtige lebte. Das BKA wollte die Aktion nicht bestätigen und machte keine Angaben zum genauen Ort der Durchsuchung.

Bekannt ist bisher nur: Die Beamten fanden nur ein leeres Zimmer vor – Dschihad H., der bereits seit längerem in Köln gelebt haben soll, war geflohen.

Neue Festnahme in Kiel

In Kiel kam es heute erneut zu einer Festnahme. Ein Bewohner des Edo-Osterloh-Studentenwohnheims Nummer vier am Steenbeker Weg wurde laut Zeugen um die Mittagszeit von zwei Kriminalbeamten in zivil zum Verhör abgeführt. Den Angaben von Mitbewohnern gegenüber SPIEGEL ONLINE zufolge wohnte der Mann im ersten Stock des Wohnheims - wo auch Youssef Mohamad E. H., der verhinderte Zugbomber von Köln, lebte.

Bei dem Abgeführten handelt es sich laut dem Zeugen möglicherweise um einen "Araber". Er war in das Visier der Ermittler geraten, weil er möglicherweise ein Kontaktmann oder Informant Youssefs ist. Die Polizei durchsuchte in Kiel zudem eine Wohnung. Ein Polizeisprecher sagte, diese liege in der Nähe des Studentenwohnheims. Ein junger Mann sei vernommen worden. Weitere Einzelheiten wollte der Sprecher nicht nennen.

Schleswig-Holsteins Innenminister Ralf Stegner (SPD) teilte lediglich mit, dass das Bundeskriminalamt "mit Unterstützung von operativen Kräften der Landespolizei, u. a. des Landeskriminalamtes, die Durchsuchung eines Zielobjektes in Kiel-Wik durchgeführt hat. Diese Maßnahmen stehen in Zusammenhang mit den Ermittlungen der Bundesanwaltschaft zu den mutmaßlichen Bahnbombenlegern von Ende Juli".

Durchsuchungen in Köln

Im Laufe des Tages wurde auch das Wohnhaus von Dschihad H., ein dreistöckiges Studentenwohnheim in der Peter-Bauer-Straße im Kölner Stadtteil Ehrenfeld, durchsucht. Vor dem Gebäude standen mehrere Polizei-Busse.

Bewohner des Gebäudes berichteten, dass sie den Verdächtigen schon seit längerer Zeit nicht mehr gesehen hätten. Die Post von Dschihad H. sei unbeachtet liegen geblieben. Der junge Libanese sei "sehr politisch" gewesen, habe zuletzt häufig über den Nahostkonflikt geredet und dabei eine pro-palästinensische Haltung eingenommen, sagten Mitbewohner.

Details über Dschihad H. wollte eine Sprecherin des BKA SPIEGEL ONLINE "aus Ermittlungsgründen" nicht nennen. Auch die Bundesanwaltschaft in Karlsruhe sowie die Kölner Polizei wollten sich auf Anfrage nicht äußern. Erst am Nachmittag bestätigte die Bundesanwaltschaft, die Identität des zweiten Bombenlegers zu kennen. Generalbundesanwältin Monika Harms teilte mit, die Bundesanwaltschaft wolle gegen den flüchtigen mutmaßlichen Kofferbomber einen Haftbefehl beim Ermittlungsrichter des Bundesgerichtshofs (BGH) beantragen - wegen des "Verdachts der Mitgliedschaft in einer terroristischen Vereinigung, des vielfachen versuchten Mordes und einer versuchten Sprengstoffexplosion". Harms widersprach Informationen, ein Zugriff sei heute Nacht gescheitert. Sie erklärte, es habe bisher keinen Festnahmeversuch gegeben.

Einem Bericht der "Bild" zufolge sollen Mohamad E. H. und Dschihad H. einem Netzwerk angehören, das in Nordrhein-Westfalen zum ersten Mal in Erscheinung getreten sei. Fahnder gehen der Zeitung zufolge davon aus, dass Mohamad E. H. gut mit Dschihad H. befreundet war.

Der Berliner "Tagesspiegel" berichtete, Angehörige der Großfamilie von Mohamad E. H. hätten Verbindungen zur in Deutschland verbotenen islamistischen Organisation Hisb ut-Tahrir al Islami. Mehrere Mitglieder der Großfamilie würden als "problematisch" eingestuft. Sicherheitsexperten halten es demnach für denkbar, dass der 21-Jährige von Hisb ut-Tahrir al Islami oder von Sympathisanten der Organisation in seiner Familie den Anstoß zur Radikalisierung bekam.

Die Polizei vernahm heute sechs Stunden lang den Onkel von Mohamad E. H. in Mülheim an der Ruhr sowie eine Person, die für die Aufenthaltserlaubnis von Mohamad E. H. in Deutschland gebürgt hatte. Die Ermittler versuchten, über das persönliche Umfeld des Verhafteten mehr über die Hintergründe des gescheiterten Anschlags sowie über den Flüchtigen zu erfahren. In Mülheim kam es darüberhinaus zu weiteren Hausdurchsuchungen.

Nach Informationen aus Ermittlerkreisen fand auch in Oberhausen eine Razzia statt. Vermummte Polizisten hätten das Eckhaus einer libanesischen Familie gestürmt, hieß es. Kurze Zeit später sei ein Mann zu dem von der Polizei belagerten Haus gekommen und habe sich widerstandslos festnehmen lassen. Augenzeugen zufolge handelt es sich um einen 32-jährigen Libanesen. Nach Zeitungsberichten sollen bei einem Essener Autohändler Gasflaschen sichergestellt worden sein, die im Zusammenhang mit den gescheiterten Attentaten stehen könnten.

In Hamburg geriet heute erneut die Imam-Ali-Moschee im Stadtteil Uhlenhorst ins Visier der Ermittler. SPIEGEL ONLINE erfuhr heute, dass der Verfassungsschutz diese Moschee derzeit genauer beobachtet – weil im Kieler Wohnheim, in dem Mohamad E. H. lebte, ein Poster dieses schiitischen Gebetshauses hing. Die Imam-Ali-Moschee gilt nach Erkenntnissen des Verfassungsschutzes als Treffpunkt schiitischer Hisbollah-Anhänger.

Auf den ersten Blick war heute von Ermittlungen in der Moschee nichts zu erkennen. "Alles ist wie immer, Gott sei dank", sagte ein Sekretär der Moschee gegenüber SPIEGEL ONLINE. Er frage sich, woher diese Gerüchte kämen, die die Moschee in die Nähe des Kofferbombers rückten. Gleichwohl gab es heute Anzeichen, dass Akten und Unterlagen aus der Moschee beiseite geschafft wurden. Ein Sprecher der Moschee dementierte jeglichen Kontakt zu dem mutmaßlichen Bombenleger Youssef Mohamad E. H. Geschäftiges Kommen und Gehen herrschte heute trotzdem an der Imam-Ali-Moschee - wegen einer Hochzeit.



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