Terrorangst im Reichstag Journalisten lösen Bombenalarm aus

Als im Reichstag zwei Männer mit bombentauglichem Material ertappt wurden, war die Aufregung groß. Ist jetzt der Terror in Berlin angekommen? Inzwischen hat sich rausgestellt, dass es sich um "Max"- Journalisten handelt. Das Bundeskriminalamt hatte die Reporter bereits vor dem Zwischenfall im Visier.


Reichstag bei Nacht: Mögliches Terrorziel
REUTERS

Reichstag bei Nacht: Mögliches Terrorziel

Hamburg/Berlin - In einem Schreiben an die Bundesregierung warnte das Bundeskriminalamt, Mitarbeiter des Hamburger Magazins "Max" planten, mit Sprengstoff in Regierungs- und Parlamentsgebäude einzudringen, meldet der SPIEGEL in seiner neusten Ausgabe. Auch das Motiv der Journalisten haben die Fahnder aus Wiesbaden ermittelt: Kurz vor dem Berlin-Besuch von US-Präsident George Bush wolle "Max" Lücken im deutschen Sicherheitskonzept bloßstellen. Selbst das Ziel des Presse-Angriffs war bekannt: den Berliner Reichstag, in dem Bush am 23. Mai eine Rede halten soll.

Am Freitagabend spazierten dann ein Reporter und ein Fotograf des Magazins in das Gebäude - vermutlich durch den Besuchereingang. Im Gepäck hatten sie mehrere Kilogramm Chemikalien, die für die Herstellung von Sprengstoff verwendet werden können. Vier Stunden lang hielten sich die Reporter nach Angaben von "Max"-Chefredakteur Hajo Schumacher im Reichstag auf. Dabei hätten sie sich bewusst auffällig verhalten - das bestätigte auch ein Sprecher der Bundestagsverwaltung.

In einer Toilette erfolgte schließlich der Zugriff der Bundestags-Polizei: Die Männer wurden überwältigt, als sie mit Schwefel, Aktivkohle und Salz hantierten. Sie wurden abgeführt, der Reichstag komplett evakuiert, Spürhunde durchsuchten stundenlang das Gebäude.

Schumacher erklärte, es habe sich um eine Recherche im Zusammenhang mit einer Geschichte über die Sicherheit in öffentlichen Gebäuden in Berlin gehandelt. "Nach dem 11. September und nach Djerba wollten wir wissen: Wie sicher ist Berlin?", zitiert die "Bild am Sonntag" Schumacher. Bereits seit drei Wochen seien die Reporter im Regierungsviertel unterwegs. Im gleichen Blatt verurteilt Bundestagsvizepräsident Rudolf Seiters die Aktion. "Ich halte das für makabren Sensationsjournalismus, den ich nachdrücklich ablehne", sagte er.

Besucherterrasse auf dem Reichstag: Angespannte Sicherheitslage
DPA

Besucherterrasse auf dem Reichstag: Angespannte Sicherheitslage

Nach Informationen des SPIEGEL hatte das Magazin den Verdacht des BKA erregt, nachdem ein Redakteur mit Sprengstoffexperten der ehemaligen Nationalen Volksarmee der DDR Kontakt aufgenommen hatte. Das BKA solle "lieber schleunigst seine Schutzmaßnahmen verbessern, statt sich auf terroristisch unverdächtige Presseorgane zu konzentrieren", so Schumacher, der "niemals Mitarbeiter mit echtem Sprengstoff losschicken würde".

Inzwischen wurden die beiden Journalisten wieder auf freien Fuß gesetzt. Die Reichstagskuppel ist seit Samstagmorgen wieder für Besucher geöffnet. Welche Konsequenzen für die Sicherheitsmaßnahmen an den Eingängen zu ziehen sind, wird jetzt geprüft.



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