Terroranschläge in Norwegen Gericht schließt Öffentlichkeit von Breivik-Anhörung aus

Anders Breivik tötete Dutzende Menschen in Norwegen - und wollte dann seine Taten vor der Weltpresse erläutern. Doch ein Gericht hat jetzt entschieden, dass die erste Anhörung unter Ausschluss der Öffentlichkeit stattfindet.


Hamburg - Anders Breivik wollte die erste Anhörung vor dem Haftrichter als Bühne nutzen, wollte seine wirre Ideologie präsentieren - doch das Gericht hat abgelehnt: Die Anhörung findet unter Ausschluss der Öffentlichkeit statt. Ein Massenmörder soll nicht die Chance bekommen, sich zu präsentieren. Damit entsprach das Gericht dem Antrag der Staatsanwaltschaft.

Die Anklage will zudem nach Angaben des Bezirksgerichts acht Wochen Untersuchungshaft für Breivik fordern - doppelt so viel wie üblich. Die Anklage wolle sich in dieser Zeit auf den Prozess vorbereiten, sagte eine Gerichtssprecherin.

In seinem 1516-Seiten starken Pamphlet "2083. Eine europäische Unabhängigkeitserklärung", hatte Breivik geschrieben, er wolle die Zeit nach einer möglichen Festnahme als "Propagandaphase" nutzen (Hintergründe zum Pamphlet des Täters finden Sie hier).

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Norwegen: Ein Land in Trauer
Im ganzen Land hielten die Menschen um 12 Uhr inne. "Zum Gedenken an die Opfer aus den Osloer Regierungsgebäuden und von Utøya erkläre ich eine Minute nationale Stille", verkündete Ministerpräsident Jens Stoltenberg vor der Aula der Osloer Universität. Der Schienenverkehr stand für eine Minute still, auch an den Flughäfen und an der Börse wurde die Arbeit niedergelegt. An sämtlichen offiziellen Gebäuden hingen die Landesfahnen auf Halbmast. In Oslo versammelten sich die Menschen im Stadtzentrum, legten Blumen nieder und trugen sich in ein Kondolenzbuch ein.

An dem öffentlichen Gedenken beteiligten sich auch Schweden, Dänemark, Island und Finnland. Dort hatten die Regierungen die Bevölkerung dazu aufgerufen, die Opfer ebenfalls zu würdigen.

Wie die Polizei bekanntgab, könnte die Zahl der Opfer nach unten korrigiert werden. Eine Sprecherin der Osloer Polizei sagte, eine mögliche Änderung der Opferbilanz werde gegebenenfalls am Nachmittag bei einer geplanten Pressekonferenz bekanntgegeben. Nach den bisherigen Angaben kamen bei dem Massaker im Ferienlager auf der Insel Utøya 86 Menschen ums Leben. Sieben weitere starben bei dem vorherigen Bombenanschlag in Oslo.

Breivik hatte als Polizist getarnt zu der kleinen Insel Utøya übergesetzt. Kaltblütig erschoss er Jugendliche, die bei ihm Schutz suchten und Jugendliche, die sich tot stellten. Viele Teenager sprangen auf der Flucht ins Wasser und versuchten, zum 600 Meter entfernten Festland zu schwimmen. Selbst auf die Flüchtenden soll Breivik noch geschossen haben. Retter kamen mit Booten zu Hilfe - unter ihnen der deutsche Urlauber Marcel Gleffe, der etliche Jugendliche aus dem kalten Wasser zog ( seinen Augenzeugenbericht lesen Sie hier).

Polizei verteidigt sich gegen Vorwürfe

Unverständnis gibt es über den zeitlichen Ablauf der Tat: Hätte die Polizei nicht schneller am Tatort sein können? Erst etwa 90 Minuten nach den ersten Schüssen und rund 60 Minuten nach dem ersten eingegangenen Notruf hatte eine Spezialeinheit den Tatort erreicht. ( die Chronologie der Tat finden Sie hier). Die angeforderte Anti-Terror-Einheit hatte zunächst kein geeignetes Boot auftreiben können, ein Hubschrauber war nicht einsatzbereit. Am Montag verteidigte sich die Polizei nun gegen den Vorwurf, sie sei zu spät am Einsatzort gewesen. Oslos Polizeichef Anstein Gjengedal sagte dem TV-Sender NRK, die Einheit "Delta" sei sofort nach dem ersten Alarmruf in Gang gesetzt worden - trotz der vorherigen Bombenexplosion im Regierungsviertel. "Wir waren schnell genug da", sagte der Polizeichef.

Zur Entscheidung, per Auto und nicht per Hubschrauber anzureisen, sagte Gjengedal: "Es war einfach das Schnellste." Der als Transportmittel einzig denkbare Hubschrauber des norwegischen Militärs habe außerhalb Oslos gestanden und wäre deshalb später am Tatort gewesen. "Wir haben mehrere Jahre lang um einen eigenen Transporthubschrauber gebeten, aber ohne Erfolg", sagte er. Der einzige Überwachungshubschrauber der Polizei war für einen schnellen Flug nach Utøya nicht einsetzbar, weil das gesamte Personal Urlaub machte.

Als die Polizei schließlich auf der Insel eintraf, ließ sich Breivik ohne Gegenwehr festnehmen. Er verfügte zu dem Zeitpunkt "noch über große Mengen Munition", sagte Ermittlungschef Sveinung Sponheim.

Laut der norwegischen Zeitung "Aftenposten" sagte der Täter in einem Verhör, er habe bei dem Anschlag auf der Insel auch die ehemalige Ministerpräsidentin Gro Harlem Brundtland treffen wollen. Die frühere Vorsitzende der Arbeiterpartei habe auf Utøya am Freitagmittag einen Auftritt gehabt. Er habe sich aber leider verspätet, sagte Breivik laut "Aftenposten", Brundtland sei nicht mehr auf der Insel gewesen. In seinem Manifest tituliert Breivik die Politikerin, die oft als "Landesmutter" bezeichnet wird, als "Landesmörderin".

Vor dem Massaker auf Utøya hatte Breivik in Oslo eine selbstgebaute Autobombe gezündet. Das Regierungsviertel wurde verwüstet, auch das Büro von Ministerpräsident Jens Stoltenberg war betroffen.

Breivik übernahm auch Passagen des "Unabombers"

Die französische Polizei durchsuchte am Montag im Süden des Landes das Haus von Breiviks Vater. Etwa ein Dutzend Beamte waren im Einsatz, das Haus wurde abgesperrt. Breiviks Vater hatte nach eigenen Angaben seit Jahren keinen Kontakt mehr zu seinem Sohn. Ihr Mann sei wegen des Ansturms der Fotografen und Reporter am Morgen nach Spanien geflohen, hatte seine Ehefrau am Sonntag erklärt. "Wir haben eine schreckliche Nacht verbracht." Die Frau sagte weiter, sie habe den 32-Jährigen noch nie gesehen. Am Sonntagabend hatten sich mehrere Polizisten vor der Villa des früheren Diplomaten postiert. Die Beamten seien dort, um "jeden Zwischenfall und jede öffentliche Störung" zu vermeiden, hieß es bei der Staatsanwaltschaft Carcassonne.

In seinem Manifest, das er kurz vor den Taten verschickte, fasst Breivik seine wirre Ideologie zusammen. Passagen des Dokuments sind fast wortgetreu von anderen Autoren übernommen - darunter auch Formulierungen des "Unabombers" Ted Kaczynski, der wegen einer Serie von Briefbombenanschlägen in den USA 1998 zu lebenslanger Haft verurteilt worden war.

Breivik übernahm Abschnitte, die sich auf den ersten Seiten von Kaczynskis in den neunziger Jahren veröffentlichtem Manifest finden, ohne wie bei anderen Zitaten auf den Urheber hinzuweisen.

hut/dpa/AFP/dapd/Reuters

insgesamt 148 Beiträge
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kornfehlt 25.07.2011
1. Nicht die erste
politische Gerichtsentscheidung! Und das nicht nur in Norwegen!
mborevi 25.07.2011
2. Es bleibt zu hoffen, ...
... das die Öffentlichkeit bei dem gesamten Verfahren außen vor bleibt. Ich kann mir kein Interesse der Öffentlichkeit vorstellen, diese ebenso abstrusen und wirren wie irrelevanten und bedeutungslosen Gedankengänge eines solchen Verbrechers nochmals mündlich vorgetragen zu bekommen.
rhodensteiner 25.07.2011
3. Schade
Ich hätte gerne mehr über die Motivation des mutmaßlichen Täters aus erster Hand gehört, auch wenn das bedeutet diesem Irren ein Podium zu bieten.
Smartpatrol 25.07.2011
4. Politisch.. ja.
Zitat von kornfehltpolitische Gerichtsentscheidung! Und das nicht nur in Norwegen!
Einem Massenmörder in die Demagogensuppe zu spucken? Welch verwerfliche Entscheidung dieser verdammten "Gutmenschen"! :-D :-D
ichstehaufberlin 25.07.2011
5. da geht's schon los
Kann man ja emotional verstehen, die würden den wohl am liebsten gleich einen Kopf kürzer machen. Rechtsstaatlichkeit ist imho aber was anderes. Das muss eine Demokratie schon aushalten, dass sich ein Angeklagter öffentlich verteidigen darf. Und die Öffentlichkeit hat ebenso einen Anspruch, sich mit dem Angeklagten auseinanderzusetzen. Wenn er sich in Szene setzen will, dann wird das Gericht schon Mittel haben, das zu unterbinden, aber bitte so nicht.
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