Terroranschläge in Norwegen: Stiefbruder von Prinzessin Mette-Marit unter Mordopfern

Anders Behring Breivik tötete mehr als 90 Menschen, darunter auch den Stiefbruder von Kronprinzessin Mette-Marit. Nun verlangt der Attentäter eine öffentliche Anhörung, um seine wirre Ideologie zu erklären. Doch das wollen Polizei und Staatsanwaltschaft verhindern.

DPA

Hamburg - Ganz Norwegen weint um seine Toten, auch der Königshof ist direkt betroffen: Unter den Mordopfern des Attentäters Anders Behring Breivik ist auch der Stiefbruder der norwegischen Kronprinzessin Mette-Marit. Der 51-jährige Polizist Trond Berntsen wurde erschossen, als er seinen zehnjährigen Sohn schützen wollte, berichtet die Zeitung "Dagbladet". Berntsen hielt sich privat im Sommerlager der sozialdemokratischen Jugendorganisation auf. Eine Hofsprecherin sagte der Nachrichtenagentur NTB: "Die Gedanken der Prinzessin sind bei den nächsten Angehörigen."

Mit dem Doppelanschlag wollte der Attentäter die norwegische Gesellschaft erschüttern und seine verstörende Ideologie so weit wie möglich verbreiten - dazu will er nun auch den Auftritt vor Gericht nutzen. Der 32-Jährige hat den Wunsch geäußert, "in Uniform" vor dem Haftrichter erscheinen zu dürfen. Das sagte sein Anwalt Geir Lippestad dem norwegischen Fernsehsender NRK. Er wisse allerdings nicht, um welche Uniform es sich handele, so der Anwalt.

Ob ein derartiger Auftritt zugelassen wird, ist jedoch unklar. Zudem wünsche Breivik, dass die Sitzung öffentlich sei, damit er sich der Öffentlichkeit erklären könne, sagte sein Anwalt. Doch dazu wird es möglicherweise nicht kommen - die Polizei und die Staatsanwaltschaft beantragten den Ausschluss der Öffentlichkeit. Die Entscheidung trifft der Richter.

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Norwegen: Ein Land in Trauer
Breivik schreibt in seinem 1516-Seiten starken Pamphlet "2083. Eine europäische Unabhängigkeitserklärung", dass er die Zeit nach einer möglichen Festnahme als "Propagandaphase" nutzen wolle ( Hintergründe zum Pamphlet des Täters finden Sie hier). Er gilt als verantwortlich für zwei Terroranschläge, bei denen am Freitag mindestens 93 Menschen ums Leben kamen. Zunächst detonierte eine Bombe im Zentrum der Hauptstadt Oslo, anschließend massakrierte Breivik auf der Insel Utøya mehr als 80 Menschen in einem Jugendlager der regierenden Arbeiterpartei.

Laut der norwegischen Zeitung "Aftenposten" hat der Täter in einem Verhör gesagt, er habe mit dem Anschlag auf der Insel auch die ehemalige Ministerpräsidentin Gro Harlem Brundtland treffen wollen. Die frühere Vorsitzende der Arbeiterpartei habe auf Utøya am Freitagmittag einen Auftritt gehabt. Er habe sich aber leider verspätet, sagte Breivik laut "Aftenposten", Brundtland sei nicht mehr auf der Insel gewesen. In seinem Manifest tituliert Breivik die Politikerin, die oft als "Landesmutter" bezeichnet wird, als "Landesmörderin".

Massaker im Ferienlager

Auf Utøya spielten sich am Freitag dramatische Szenen ab: Der Attentäter war als Polizist getarnt. Kaltblütig erschoss er Jugendliche, die bei ihm Schutz suchten und Jugendliche, die sich tot stellten. Teenager sprangen auf der Flucht vor dem Killer ins Wasser und versuchten, zum 600 Meter entfernten Festland zu schwimmen. Selbst auf die Flüchtenden soll Breivik noch geschossen haben. Retter kamen mit Booten zu Hilfe - unter ihnen auch der deutsche Urlauber Marcel Gleffe ( seinen Augenzeugenbericht lesen Sie hier), der etliche Jugendliche aus dem kalten Wasser zog.

Bis eine Spezialeinheit den Tatort erreichte, vergingen 90 Minuten, in denen Breivik immer wieder abdrückte ( die Chronologie der Tat finden Sie hier). Die Anti-Terror-Einheit hatte zunächst kein geeignetes Boot auftreiben können. Als die Polizei endlich auf der Insel eintraf, ließ sich Breivik ohne Gegenwehr festnehmen. Er verfügte zu dem Zeitpunkt "noch über große Mengen Munition", teilte Ermittlungschef Sveinung Sponheim mit.

Vor dem Massaker auf Utøya hatte Breivik in Oslo mit einer selbstgebauten Autobombe Teile der Innenstadt in eine Trümmerlandschaft verwandelt. Mindestens sieben Menschen wurden durch die Wucht der Explosion und Trümmer getötet. Auch das Büro von Ministerpräsident Jens Stoltenberg wurde verwüstet. Laut "Aftenposten", sagte der Täter im Verhör, er habe noch weitere zentrale Gebäude treffen wollen.

Norwegen trauert

In einem Geständnis bezeichnete Breivik seine Taten als "grausam, aber notwendig". Neun Jahre lang soll er den Doppelanschlag geplant haben. Nur wenige Stunden vor der Bombendetonation in Oslo hatte er sein wirres "Manifest" im Internet abgeschlossen: "Ich glaube, dies wird mein letzter Eintrag sein." Er wolle Europa vor "Marxismus und Islamisierung" retten. In dem Text stufte er "multikulturelle" Kräfte als Feinde ein. Er beschrieb den Bau einer Bombe, erwähnte auch die Jugendorganisation, die das Inselcamp organisiert hat. In seine Pläne habe er niemanden eingeweiht. Breivik hat weder Frau noch Kinder.

"Er sagt, dass er allein gehandelt hat. Das müssen wir jetzt sehr genau überprüfen", sagte Sponheim. Der Attentäter soll auch Bundeskanzlerin Angela Merkel als mögliches Ziel gesehen haben. In seinem Manifest habe er namentlich die CDU-Chefin erwähnt sowie allgemein die SPD, Linke und Grünen als mögliche Anschlagsziele genannt, berichtet die "Hamburger Morgenpost". Der Verfassungsschutz bestätigte dem Blatt, dass er in dieser Sache ermittelt. Es gehe um mögliche Kontakte des Attentäters zur rechten Szene in Deutschland. Laut dem britischen "Telegraph" überprüft auch Scotland Yard mögliche Kontakte des 32-Jährigen nach England.

Seit dem Frühjahr hatte Breivik sechs Tonnen Kunstdünger gekauft, der zur Herstellung von Bomben geeignet ist. Der Schütze hatte über Netzwerke im Internet Kontakte in die rechte Szene ( Hintergründe zu seinen Aktivitäten im Netz lesen Sie hier). "Es ist ausgesprochen schwer für mich, eine vernünftige Zusammenfassung von dem zu geben, was er in dem Verhör gesagt hat", sagte sein Verteidiger Lippestad.

Mit einer Schweigeminute um 12 Uhr will Norwegen der Toten gedenken. Das kündigte Ministerpräsident Stoltenberg nach einem Gespräch mit König Harald V. an. Wenig später soll Breivik dem Haftrichter vorgeführt werden.

hut/dpa/AFP

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insgesamt 389 Beiträge
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1. Schlimm, schlimm
blaudistel 25.07.2011
Meinungsfreiheit hin oder her. Man sollte ihm - dem Massenmörder - kein öffentliches Forum bieten. Und ich habe mich doch weiss Gott gewundert warum er die letzte Kugel nicht für sich selbst verwendet hat. Aber Nein - er will seine dämlichen Thesen noch lauthals verkünden. Ich hoffe dass die norwegische Justiz ihm Klebeband auf die Goschn verpasst.
2. Ausnahmsweise denke ich,
P.H. 25.07.2011
daß es nicht unklug wäre, sich das anzuhören, denn ich gehe fest davon aus, daß es sogar und potenzielle Nachahmer Sympathisanten gibt. Wir müssen einen Blick "in" diese Menschen werfen, um so etwas in Zukunft leichter verhindern zu können. Nur wer wegsieht, wird der Wiederholungsgefahr Tür und Tor öffnen.
3. hoffentlich
kastenmeier 25.07.2011
Zitat von sysopAnders Breivik tötete mehr als 90 Menschen, darunter auch den Stiefbruder von Kronprinzessin Mette-Marit. Nun verlangt der Attentäter eine öffentliche Anhörung, um seine wirre Ideologie zu erklären. Doch das will die Polizei verhindern. http://www.spiegel.de/panorama/0,1518,776352,00.html
gelingt das der Polizei. Die Medien, Spon z. B., sind dabei ja keine tolle Hilfe. Das verbreiten seines Gedankengutes inkl. Beifügung einer Fotostrecke mit seinen Posen begründen diese widerlichen Medienmacher wohl mit ihrer "Informationspflicht". Herzlichen Glückwunsch - eine effektievere Verbreitung hätter dieses Monster selbst nie hinbekommen.
4. Ablenkungsmanöver
nopolemik 25.07.2011
Zitat von sysopAnders Breivik tötete mehr als 90 Menschen, darunter auch den Stiefbruder von Kronprinzessin Mette-Marit. Nun verlangt der Attentäter eine öffentliche Anhörung, um seine wirre Ideologie zu erklären. Doch das will die Polizei verhindern. http://www.spiegel.de/panorama/0,1518,776352,00.html
Ist es ein Zufall, dass Norwegen gerade jetzt solche Anschläge erfahren muss, wo sich das Land aus der Lybienbombardierung zurückziehen will, oder vielleicht weil Norwegen sich für einen Staat der Palästinenser einsetzt?
5. ....
fiutare 25.07.2011
Muss eigentlich über jedem Artikel dieser widerwärtige Typ in seiner Popanz-Uniform abgebildet sein?
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"Abscheuliche Akte der Gewalt"

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Fläche: 323.787 km²

Bevölkerung: 4,920 Mio.

Hauptstadt: Oslo

Staatsoberhaupt:
König Harald V.

Regierungschef:
Erna Solberg

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