Terrordrohung gegen Bundeswehrkasernen Die teuren Märchen des Agenten "Toni"

Vergangene Woche versetzte die Bundeswehr zwei Kasernen wegen eines angeblich drohenden Terroranschlags in höchste Alarmbereitschaft. Nun stellt sich heraus, dass die Behörden einem windigen Tippgeber aufgesessen sind, der sie nicht zum ersten Mal mit seinem Talent zum Märchenerzählen beeindruckt hat.

Von Georg Mascolo


Fluglehrzentrum Rheine: Keine parkenden Autos vor der Kaserne, strenge Besucherregeln
AP

Fluglehrzentrum Rheine: Keine parkenden Autos vor der Kaserne, strenge Besucherregeln

Hamburg - "Rheine hat Angst" lautete die Schlagzeile. Oder "Terroralarm bei der Luftwaffe". Die Meldungen klangen dramatisch, gefährlich, unheimlich: Für zwei deutsche Luftwaffenstandorte galt plötzlich Gefahrenstufe "Charlie", die zweithöchste im Alarm-Ranking der Nato. Keine parkenden Autos vor der Kaserne, strenge Besucherregeln, Alarmbereitschaft für die Offiziere - so hießen bis heute morgen die Vorschriften beim Jagdbombergeschwader 33 im rheinland-pfälzischen Büchel und beim Fluglehrzentrum Rheine in Westfalen - bis das Verteidigungsministerium wieder Dienst nach Vorschrift befahl.

Die Bedrohung hatte so ihre Besonderheiten: Etwa dass sie bis zum kommenden Sonntag, dem Muttertag, gelten sollte und dann erst wieder vom 24. bis zum 30. Mai. Und danach dann gar nicht mehr. Ganz schön raffiniert von den Terroristen, hätte man als unbedarfter Zeitungsleser denken können. Nur sonderbar, dass sich in der Regierung niemand hatte finden lassen, der sich sorgte, den Ernst der Lage beschwor oder zur Wachsamkeit mahnte. Nicht einmal Innenminister Otto Schily, sonst qua Amt in diesen Dingen immer etwas aufgedreht, wollte sich äußern.

Gesucht wurde weniger nach den angeblichen Attentätern, welche die beiden Bundeswehrstandorte angreifen wollten. Vielmehr interessierte es die Sicherheitsbehörden, wie es passieren konnte, dass eine von einem als windig bekannten Informanten stammende Geschichte es zu einer offiziellen Warnmeldung brachte, die nach Überzeugung eines Regierungsexperten "einfach der letzte Scheiß ist". Am Ende zeichnet sich eine kuriose Geschichte ab, die von alarmierten Behörden erzählt, die gern alles, aber nur keinen Fehler machen wollen.

Die Märchen der "Spezialkraft N-941-H"

In Zeiten der allgegenwärtigen Terrorgefahr und der nicht abreißenden Meldungen aus der ganzen Welt scheint vieles denkbar und letzte Gewissheiten sind im Geheimdienstmilieu zugegebenermaßen eher selten. Hunderte, oft dubioser Tipps, gibt es beinahe jede Woche. Die Gefahr wächst, dass auch der skurrilste Unsinn reicht, um die Behörden nach dem Knopf für die Alarmklingel suchen zu lassen. Aber viel spricht im Fall der Bundeswehrkasernen auch dafür, dass man mit nochmaligem Nachdenken auf Plan-"Charlie" ganz gut hätte verzichten und dem Land zumindest eine Aufgeregtheit in ohnehin notorisch aufgeregten Zeiten ersparen können.

Jagdbombergeschwader 33 Büchel: "Tonis" tolle Tipps floppten
DDP

Jagdbombergeschwader 33 Büchel: "Tonis" tolle Tipps floppten

Der Urherber der scheinbar so gefährlichen Terrorwarnung für die Bundeswehr war den Sicherheitsbehörden bestens bekannt. Spezialkraft N-941-H, die sich nur "Toni" nennen lassen will, ist der Urheber der Geschichte. Der angebliche ehemalige iranische Agent des Teheraner Geheimdienstes dient sich seit Jahren Diensten, Medien und seit einigen Monaten auch der Bundesanwaltschaft an. Fast zu jedem Thema des internationalen Terrorismus hat der Mann etwas zu liefern. Leider aber stimmt es selten und auch im Fall der Bundeswehr entpuppten sich "Tonis" tolle Tipps als Flop.

Auf die Idee, bei der windigen Quelle lieber ein bisschen vorsichtig zu sein, ist nicht schwer zu kommen: Die amerikanische CIA will "Toni" schon vor den Anschlägen des 11. September gewarnt haben. Dem Bundesnachrichtendienst (BND) vertraute er an, der israelische Mossad sei der wahre Urheber des Massenmordes. Als ähnlich glaubwürdig gilt Tonis Erklärung, dass al-Qaida bereits ein Killerkommando damit beauftragt hat, gerade ihn wegen seines brisanten Insiderwissens ermorden zu lassen. Etwas detaillierter als seine Hinweise waren jedoch stets seine Forderungen nach etwas Geld, einer Wohnung oder diversen Hilfestellungen bei Behördengängen.

Undeutliches Gefasel vor einem Wandteppich

Dass "Toni" nicht sehr glaubhaft ist, zeigte sich auch beim Prozess gegen den mutmaßlichen Terrorhelfer Abdelghani Mzoudi. Buchstäblich in der letzten Minute vor dem drohenden Freispruch Ende 2003 zauberte die Bundesanwaltschaft plötzlich "Toni" als neuen Zeugen gegen Mzoudi hervor. Er sollte beweisen, dass Mzoudi durchaus schuldig ist. Das Ergebnis einer genauen Prüfung von "Tonis" Aussagen aber kam zu einem deutlichen Fazit. "Es ist der Eindruck entstanden, dass der Zeuge sich zu jedem wichtigen Thema als Informant anbietet, wenn er sich einen Vorteil davon erwartet", urteilte der BND. Etwas weniger geheimdienstlich gesprochen: Toni ist ein Schwätzer.

"Tonis" Karriere als Hinweisgeber für dies und das haben die wenig schmeichelhaften Einschätzungen offenbar noch nicht ausreichend geschadet. Vor Ostern schreckte er Bundesanwaltschaft und Bundeskriminalamt (BKA) mit einer ganz heißen Geschichte auf. Im Auftrag des iranischen Geheimdienstes würden demnächst Anschläge in Deutschland verübt; für 200 000 Dollar könne er ein beweiskräftiges Video aus Dubai beschaffen. "Toni" lies sich auf einfachen Spesenersatz runterhandeln, das versprochene Video zumindest lieferte er ab.

Die angeblich so alarmierenden Bilder hingegen zeigte das Band nicht wirklich. Vor einem Wandteppich war der Hinterkopf eines Mannes zu sehen, der in ein lautgestelltes Telefon sprach. Zu verstehen war nicht viel, obwohl sich ein halbes Dutzend Farsi-Dolmetscher der Sache annahm. Von Westfalen wurde geredet, von Anschlägen auf die deutsche Luftwaffe und von "Buschel" und "Buschen" - leider aber ließen sich solche Orte mit Bundeswehreinrichtungen nicht finden. Die Lücken, die das wirre Video hinterließ, füllte "Toni" großzügig. Gemeint sei Büchel, diagnostizierte er als Kenner des Terrorismus und auch Rheine sei bedroht. Das Hit-Team bestehe aus drei Männern und zwei Frauen; die seien bereits in einem Ausländerheim in Ostdeutschland und warteten nur auf ihren Einsatz.

"Wenn die Polizei kommt, sag bitte, dass alles stimmt"

Unter Zuhilfenahme des Behördengrundsatzes "Melden macht frei" mäanderte Tonis toller Tipp von da an durch die deutschen Sicherheitsbehörden. Die Bundesanwaltschaft leitete ein Verfahren ein. Nicht weil wir die Geschichte glaubten, sondern nur weil wir sie nicht restlos ausschließen konnten, erklärt die Behörde heute. "Toni" sei ein schwieriger Fall, er habe aber durchaus auch schon Zutreffendes erzählt. Ähnlich offen hatte die Behörde ihre Einschätzung auch schon bei "Tonis" Starauftritt im Hamburger Terrorprozess gelassen.

Gleichwohl aber arbeitet nun der Apparat der Weiterreichung: Das BKA kabelte eine offizielle Warnmeldung an das Verteidigungsministerium. Weil ja vielleicht, wenn auch wahrscheinlich nicht, irgendwas dran sein könnte. Und das Verteidigungsministerium ordnete Alarmstufe "Charlie" an. Am vergangenen Dienstag wurden dann schließlich die Wohnungen angeblich Verdächtiger durchsucht und in Hamburg ein Zeuge befragt, von dem Toni erklärt hatte, er könne die ganze Geschichte bestätigen. Das konnte er dann aber doch nicht. Zu Protokoll gab der Mann, er könne nur sagen, was Toni ihm aufgetragen habe. Wenn die Polizei kommt, sag bitte, dass alles stimmt, soll "Toni" ihm aufgetragen haben.

Die Karriere von "Toni" scheint mit seinem letzten Lügenmärchen nun endgültig zu Ende zu sein. Nach den scheinbar so hochbrisanten Tipps des Informanten prüft nun sein ehemaliger Partner in Sachen Terrorbekämpfung, die Bundesanwaltschaft, ob "Toni" wegen falscher Anschuldigung dran ist.



© SPIEGEL ONLINE 2004
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.