Terrorismus Zweiter Kofferbomber festgenommen

Auch der zweite mutmaßliche Bahn-Bombenleger ist festgenommen worden. Das teilte die Bundesanwaltschaft heute in Karlsruhe mit. Der Mann habe sich im Libanon selbst gestellt. Jetzt bemüht sich Deutschland um eine Auslieferung.


Hamburg - Nach Angaben von deutschen Sicherheitsbehörden meldete sich Dschihad H. heute in der libanesischen Hafenstadt Tripoli. Der 20-jährige Libanese hatte bis Ende Juli in Köln gelebt. Die Bundesanwaltschaft bemüht sich nun um eine Auslieferung des Mannes. Ein Auslieferungsabkommen mit dem Libanon habe Deutschland allerdings nicht, teilte das Bundesjustizministerium SPIEGEL ONLINE mit. Laut "Richtlinien für den Verkehr mit dem Ausland in strafrechtlichen Angelegenheiten" ist eine Auslieferung daher nur auf vertragloser Grundlage möglich, es müsse ein Rechtshilfeersuchen auf diplomatischem Wege übermittelt werden.

Mutmaßlicher Kofferbomber Dschihad H.: Der Libanese stellte sich in Tripoli der Polizei
DPA

Mutmaßlicher Kofferbomber Dschihad H.: Der Libanese stellte sich in Tripoli der Polizei

Nach Dschihad H. war weltweit gefahndet worden. Erst gestern hatte das Bundeskriminalamt (BKA) ein neues Foto des Mannes veröffentlicht und um Hinweise aus der Öffentlichkeit gebeten.

Der Libanese wird verdächtigt, gemeinsam mit seinem Landsmann, dem 21-jährigen Youssef Mohamad E. H., für zwei versuchte Bombenattentate auf Regionalzüge in Dortmund und Koblenz Ende Juli verantwortlich zu sein. Ihm wird laut Haftbefehl Mitgliedschaft in einer terroristischen Vereinigung sowie vielfacher versuchter Mord und die versuchte Herbeiführung einer Sprengstoffexplosion vorgeworfen.

In der Wohnung von Dschihad H. im Kölner Stadtteil Ehrenfeld hatten deutsche Terror-Fahnder gestern nach Informationen der "Süddeutschen Zeitung" eine Reihe von Beweisen für die Täterschaft der verdächtigen Libanesen gefunden - Drähte, unfertige Zündvorrichtungen und Brandbeschleuniger. Die Bundesanwaltschaft wollte sich hierzu nicht äußern. Ein Sprecher des Bundeskriminalamts (BKA) sagte SPIEGEL ONLINE, man wolle zu den laufenden Ermittlungen keine Angaben machen. "Zu den Funden in der Kölner Wohnung gibt es weder eine Bestätigung noch ein Dementi."

Bombenwerkstatt in Kölner Wohnung

Laut "Süddeutscher Zeitung" gehen die Ermittler davon aus, dass Youssef Mohamad E. H. und Dschihad H. die Sprengsätze in der Kölner Wohnung zusammengesetzt haben. Später hätten sie die beiden in Koffern verpackten Bomben auf dem Kölner Hauptbahnhof in Regionalzügen deponiert, wo sie am 31. Juli in Dortmund und Koblenz gefunden worden waren. Sie waren nicht explodiert, weil die Bombenbauer nach Angaben der Ermittler Fehler beim Bau gemacht hatten.

Aufgrund von Videoaufzeichnungen vom Kölner Bahnhof hatten BKA und Bundesanwaltschaft am Freitag eine öffentliche Fahndung veranlasst - einen Tag später wurde Youssef Mohamad E. H. am Kieler Bahnhof festgenommen; der entscheidende Hinweis soll aus dem libanesischen Militärgeheimdienst gekommen sein. Bis zu dem Zeitpunkt, als er sich heute den libanesischen Behörden stellte, war den deutschen Fahndern nicht klar, ob sich der Mann wieder in Deutschland oder im Libanon aufhielt.

Youssef Mohamad E. H. und Dschihad H. waren nach dem gescheiterten Anschlag nach Istanbul geflogen und hatten sich von dort aus in den Nahen Osten abgesetzt. Youssef Mohamad E. H. war aus bisher nicht geklärten Gründen nach Deutschland zurückgekehrt.

Einzeltäter oder Netzwerk?

Nach Angaben von BKA-Präsident Jörg Ziercke wissen die Fahnder "mit Gewissheit", dass Youssef Mohamad E. H. und Dschihad H. "zusammengearbeitet haben, dass sie gemeinsam diese Tat geplant haben". Jetzt müsse analysiert werden, ob es ein Täternetzwerk gebe oder ob es sich um radikalisierte Einzeltäter handele. Laut Pressemitteilung der Bundesanwaltschaft sind noch "weitere bislang noch unbekannte Mitglieder einer terroristischen Vereinigung" verdächtigt, an der Tat beteiligt zu sein.

Berichte, die beiden Libanesen hätten Kontakt zur verbotenen islamistischen "Hisb ut-Tahrir" gehabt, wurden vorerst nicht bestätigt.

Aus Sicherheitskreisen wurde heute bekannt, dass der in Untersuchungshaft sitzende Youssef Mohamad E. H. aus dem Gefängnis im schleswig-holsteinischen Neumünster nach Berlin-Moabit verlegt wurde. Dort werde er in der Außenstelle des BKA verhört.

kaz/dpa/AFP/AP



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