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Thailändische Inselnomaden: Wie Salaman sein Volk rettete

Aus Khura Buri berichtet

Sie haben keinen Begriff von der Zeit, geschweige denn von Tsunamis: die Morgan, ein Urvolk, das auf einer Insel vor Thailand lebt. Als die Flutwelle kam, rettete der Dorfälteste Salaman instinktiv seine Leute. Jetzt sitzt er mit seinem Völkchen in einem Notlager auf dem Festland inmitten der zerstörten Zivilisation und fürchtet die Moderne.

Dorfvorsteher Salaman, Begleiterin: "Wir haben die Flut überlebt, dann werden wir auch das überleben"
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Dorfvorsteher Salaman, Begleiterin: "Wir haben die Flut überlebt, dann werden wir auch das überleben"

Mit einer genauen Beschreibung des vergangenen Sonntags ist es bei Salaman so eine Sache. Uhrzeiten spielten für den kleinen, hageren Mann in seinem Leben bisher keine große Rolle. Wie auch, schließlich hat er noch nie eine Uhr besessen. Am Morgen sei es passiert, erinnert sich der Dorfälteste vom Stamm der Morgans auf der Insel Ko Surin Tai, weit draußen im Meer vor Thailands Küste. Er sah etwas, was er noch nie erlebt hatte. "Das Wasser zog sich wie ein Teppich zurück und zwar rasend schnell", erzählt Salaman und gestikuliert wild mit den Handflächen. Zunächst war er etwas ratlos. Dann schrie er aus voller Kehle: "Rennt so schnell ihr könnt! Es kommt!"

Inselwelt der Surinen: Heimat der Morgan
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Inselwelt der Surinen: Heimat der Morgan

Die schnelle Reaktion Salamans rettete seinen 180 Dorfeinwohnern das Leben. Wenige Minuten nachdem er die Männer, Frauen und Kinder hinauf in die Berge getrieben hatte, rollte auf der kleinen Insel vor dem Festland Thailands die meterhohe und tödliche Flutwelle an den Strand. Alles, was der Stamm besaß, wurde von den Wassermassen mitgerissen: Die schmalen Boote, mit denen die Männer täglich fischen gingen. Die aus Bambus gebauten Stege in das seichte Wasser. Die Strohhütten am Strand. Das Wasser verschluckt sie einfach. "Wären wir nicht gelaufen, wären wir alle gestorben", sagt Salaman.

Einen Tag später wurden die Morgans von der Marine von Ko Surin Tai evakuiert. Seitdem leben sie in einer Halle nahe dem Tempel der kleinen Hafenstadt Khura Buri. Viele aus dem Stamm sind zum ersten Mal auf dem Festland. Zuvor hatten sie ein Leben, das sich seit Hunderten Jahren kaum verändert hat. Fast komplett abgeschnitten von der Außenwelt ernährten sie sich auf der Insel ausschließlich von dem, was die Männer täglich mit ihren schmalen Holzbooten vom Meer mitbrachten. Ein bisschen Thai sprechen die meisten der See-Nomaden. Hauptsächlich aber reden sie untereinander in ihrer Sprache, von der sich auch ihr Name ableitet.

Traditionell bemalter Morgan-Junge: Zum ersten Mal im Leben ein Eis
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Traditionell bemalter Morgan-Junge: Zum ersten Mal im Leben ein Eis

Vor der Flut lebten die Ko Surin Tai in Strohhütten, aufgestellt auf Bambusstegen, ihr ganz eigenes Leben - ohne Strom, ohne Telefon, ohne Fernsehen. Die Männer gingen fischen, die Frauen kochten und schnitzten aus Muscheln Schmuck. Wurde eines der Stammesmitglieder krank, fuhr Salaman mit ihm zum Center des Nationalparks auf der Nachbarinsel. Manchmal legten Tauchtouristen mit Booten illegal am Traumstrand der Morgan-Insel an und schossen Fotos von den fast steinzeitlichen Männern, die ihre Gesichter traditionell gern mit Kreide einschmieren. Dies wurde jedoch von den Wächtern des Nationalparks der Surin-Inseln nicht gern gesehen.

Wie Salaman auf den klugen Entschluss kam, seine Dorfbewohner in die Berge zu scheuchen, weiß er selbst nicht mehr so genau. "Ich hatte so etwas noch nie gesehen", versucht er sich in einer Erklärung. Viele Menschen in Khura Bui haben Salaman diese Frage schon gestellt: die Helfer am Tempel und auch der Vertreter der Stadtverwaltung, Surat Akkavirotkul. "Es ist doch verrückt", sagt er, "da sterben Tausende, weil sie am Strand stehen bleiben und dieses primitive Völkchen trifft instinktiv die richtige Entscheidung und nicht ein Einziger kommt ums Leben." Salaman steht daneben und schaut rätselnd drein. Von den Tausenden Toten in Thailand oder gar dem Wort Tsunami hat er noch nie etwas gehört. "Ich hatte einfach Angst", lautet seine einfache Erklärung.

Mitglieder vom Stamm der Morgans: "Wären wir nicht gelaufen, wären wir alle gestorben"
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Mitglieder vom Stamm der Morgans: "Wären wir nicht gelaufen, wären wir alle gestorben"

Thailändische Zeitungen wie "The Nation" und die "Bangkok Post" berichten von alten Überlieferungen und angeblichen Sagen der Morgans. Diese hätten von einer anderen Flutwelle in grauer Vorzeit berichtet, bei der sich ebenfalls das Meer vor einer tödlichen Welle zurückgezogen habe. Doch Salaman bezeichnet diese Version schlicht als Unsinn.

Wegen ihres respektvollen Umgangs mit der Natur werden die Morgans von vielen Thailändern verehrt und geachtet. Dass sie im Gegensatz zu den Thailändern und Touristen an den Hedonismus-Zentren von Phuket und der Region Phang Nga überlebten, scheint für viele hier zu Lande geradezu symbolisch zu sein. Wohl auch deshalb stapeln sich rund um den Tempel die Hilfsgüter, die Freiwillige aus der ganzen Region eingesammelt haben.

Morgans: Manche machen ihre ersten Erfahrungen mit der Zivilisation
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Morgans: Manche machen ihre ersten Erfahrungen mit der Zivilisation

Für die Morgans selbst spielen weder diese Gefühle noch die Zeitungsgeschichten eine Rolle. Lesen kann so oder so keiner von ihnen, selbst Dorfvorsteher Salaman kennt weder sein Alter, noch hat er einen Nachnamen. Ziemlich verstört hocken die meisten Mitglieder seines Stammes auf dem Boden in der dreckigen Halle neben dem Tempel. Manche machen ihre ersten Erfahrungen mit der Zivilisation. Reichlich Schokoriegel haben die Thailänder landauf, landab gespendet. Die meist halb nackten Morgan-Kinder mühen sich noch ziemlich, die glitzernden Verpackungen aufzureißen, stopfen sich die Stücke danach in den Mund. Andere bekommen von Helfern zum ersten Mal in ihrem Leben ein Eis in die Hand gedrückt.

Die Mütter erproben aus den Bergen von gespendeter Kleidung derweil die Vorzüge von Büstenhaltern. Diese finden sie so schick, dass sie gar nicht erst etwas darüber tragen und sich die neue Mode gegenseitig vorführen. Scheu schauen sie in die hellen Scheinwerfer eines chinesischen Fernsehteams, das nach Khura Bui gekommen ist. Andere haben sich ganz in Tücher eingehüllt und in die Ecken der Halle verzogen.

Dorfvorsteher Salaman machen die Szenen auf dem Festland Sorgen. "Wir müssen schnell zurück auf unsere Insel", sagt der Morgan-Mann, der als einer der wenigen des Stammes regelmäßig nach Khura Buri übergesetzt hat. Er sorgt sich, dass gerade die Kinder an dem modernen Lebensstil Geschmack finden könnten und am Ende nicht mehr mit ihm und den anderen Erwachsenen zurückkehren wollen. "Wir brauchen nicht viel", sagt er immer wieder zu dem Vertreter der Stadtverwaltung, "nur ein bisschen Holz und Bambus, damit wir unsere Hütten wieder aufbauen können." Alles andere werde sich schon finden, meint Salaman. Neue Boote müssten gebaut werden, ein neuer Steg. Das alles würde zwar dauern, doch für die Morgans spielte Zeit auch bisher keine große Rolle.

Surat Akkavirotkul: Die Kinder könnten an dem modernen Lebensstil Geschmack finden
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Surat Akkavirotkul: Die Kinder könnten an dem modernen Lebensstil Geschmack finden

Einige Tagen oder vielleicht auch Wochen werden die Insel-Nomaden noch in Khura Buri bleiben müssen. Am Montag setzte zum ersten Mal nach den Rettungsaktionen auf der Inselgruppe wieder ein Boot des Nationalparks zu den Surinen über. Was die Mitarbeiter vorfanden, war nichts als Zerstörung. Von dem Zentrum des Parks auf einer der Nachbarinseln von Ko Surin Tai stehen nur noch Ruinen. Die wenigen Bambushütten für Besucher sind komplett weggerissen. Allein hier starben 90 Menschen durch die Flutwelle: Manche, als sie nach der Besichtigung der von Regenwald überzogenen Berge an den Stränden saßen. Andere tauchten rund um die Hauptinsel.

Wann der Weg für die Morgans wieder nach Ko Surin Tai geht und ob sie in ihr altes Leben auf der abgelegenen Trauminsel zurückfinden, ist in dieser Lage mehr als ungewiss. Salaman jedenfalls hat Hoffnung. "Wir haben die Flut überlebt, dann werden wir auch das überleben", sagt er.

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