Thailand "Aber ich weiß doch nicht, wo meine Frau ist!"

Die Lage der Opfer nach der Flutkatastrophe in Thailand ist unübersichtlich. Recherchen von SPIEGEL ONLINE vor Ort deuten auf eine höhere Opferzahl vor allem unter Touristen hin, als bisher angenommen wurde.

Aus Phuket berichtet Hardy Prothmann


Erste Hilfe im Krankenhaus auf Phuket: Konzentriert aber nicht panisch
REUTERS

Erste Hilfe im Krankenhaus auf Phuket: Konzentriert aber nicht panisch

Im Vachirat-Hospital in Phuket geht es zu wie auf einem Markt. Überall gibt es Informationsstände. Übersetzer haben Zettel an der Brust mit den Sprachen, in denen sie Auskünfte erteilen können. Überwiegend auf Englisch, aber auch in anderen europäischen und asiatischen Sprachen. Immer wieder heulen Sirenen, Krankenwagen fahren vor, Verletzte werden ausgeladen. Viele kommen mit privaten Fahrzeugen. Die Atmosphäre ist konzentriert, aber nicht panisch. Den Verletzten und den Angehörigen stehen die Sorge und die Erschöpfung ins Gesicht geschrieben.

Der deutsche Assistenzarzt Gerhard Melcher hat gegen 19 Uhr Ortszeit im Vacharit-Hospital etwa zehn Verletzte aus Deutschland gezählt - auf zwei von 15 Stationen. "Es werden mehr sein, wie viele, kann ich nicht sagen." Der deutsche Arzt macht hier seine Facharztausbildung und war zum Zeitpunkt der Flutwelle im Fitnessstudio in der Touristenhochburg Patong. Unverletzt leistete er selbst 16 Stunden zuerst im örtlichen Krankenhaus Hilfe, um dann in Phuket weiterzuarbeiten. Nach Aussage von Melcher ist die medizinische Versorgung gut und die Krankenhäuser leisten hervorragende Arbeit und den gegebenen Umständen

Im privaten Bangkok Phuket Hospital waren am frühen Abend 569 Flutwellenopfer gezählt worden, darunter 44 deutsche Touristen. Todesfälle hat es hier bislang keine gegeben. Typische Verletzungen sind Frakturen, Prellungen, Schnittwunden. Mehrere Patienten mit Wirbelsäulenverletzungen warten auf den Transport nach Bangkok.

"Alles mitgerissen"

Völlig unklar ist die Lage im Hotel «Sofitel Magic Lagoon Khao Lak». In dem Hotel haben sich zum Zeitpunkt der Katastrophe etwa 350 Gäste sowie 200 bis 250 Mitarbeiter des Unternehmens aufgehalten. Doch die französische Accor-Gruppe, der das Hotel gehört, konnte bisher keinen Kontakt herstellen. Die riesige Flutwelle soll in dem Hotel mit 319 Betten «alles mitgerissen» haben.

Viele Touristen melden sich nach Aufrufen freiwillig zum Blut spenden. Die deutschen Intensivpfleger Magnus Poth (40) und Jens Borschard (31), die in Chalong Urlaub machen, haben sich sofort freiwillig gemeldet und vergangene Nacht Patienten versorgt. Zur Zeit warten die Männer vor dem Krankenhaus, weil über 700 Verletzte aus Ko Phi Phi, wo Leonardo di Caprio The Beach gedreht hat und Ko Lanta vor der Küste von Krabi erwartet werden.

"Ich frage mich angesichts der Vielzahl von deutschen Verletzten, wo die Bundeswehrmaschine mit den 30 Intensivbetten bleibt. Ich frage mich, wo überhaupt die Unterstützung aus Deutschland bleibt", empört sich Pohl über die Lage. Viele deutsche Urlauber fühlen sich von Deutschland im Stich gelassen. Doch in Berlin wurde ein Krisenstab eingerichtet, über eine Hotline können Angehörige sich über der Situation vor Ort informieren. Am Dienstag soll außerdem der Lazarett-Airbus MedEvac der Bundeswehr mit einem OP-Saal an Bord vom Flughafen Köln/Bonn starten, um Schwerverletzte zurück in die Heimat zu holen.

Safe geplündert, Geld weg

Der Hamburger Martin Gerstmann wurde von der Welle in Khao Lak überrascht, blieb aber unverletzt und verbrachte die Nacht bei einer Thai-Familie in den Bergen. Seine Frau fand er verletzt erst über einen Tag später im Bangkok Phuket Hospital wieder. In seinem Zimmer des vollkommen verwüsteten Kamala Beach Hotels fand er in einer Tasche noch Geld - der Safe war geplündert. Dem Ort sind keine Inseln, aber ein Riff vorgelagert, über das sich die Welle nach Augenzeugenberichten über zehn Meter hoch aufbauen konnte.

Die meisten Urlauber, die von ihren Familien und Freunden getrennt wurden, haben keine Informationen über deren Schicksal. Ein Urlauber aus Bad Salzuflen klagte: "Die von der Botschaft wollten mich morgen mit einer Maschine nach Rom ausfliegen. Aber ich weiß doch nicht, wo meine Frau ist." Ihn erfasste die Welle am Strand von Karon. Er wurde Kilometer weiter in Kata Noi von Fischern geborgen.

Die Touristen haben weder Geld, noch Adressbücher, noch Handys, in denen ihre Kontaktnummern gespeichert sind. Alles Hab und Gut ist von Flut zerstört worden. Ob Deutsche, Franzosen, Spanier, Engländer oder Skandinavier, alle sind dieser unwirklichen Situation ausgeliefert. Selbst die, die noch ein Handy haben, können keinen Kontakt zu ihren Reiseleitern aufnehmen, weil einerseits die Netze vollkommen überlastet sind oder die Büros nicht mehr existieren.

Auf eine Palme gerettet

In den Krankenhäusern und an anderen Stellen sind kostenlose internationale Notruftelefone eingerichtet worden. Das Bangkok Phuket Hospital stellt zudem kostenlos Computer und Internet zur Verfügung. Ein Deutscher, der sich in Khao Lak auf einer Palme retten konnte, wurde zunächst in Phang Na versorgt und fand via Email heraus, dass seine schwer verletzte Freundin bereits im Bangkok Phuket Hospital eingeliefert worden war. Deutsche, die auf Phuket leben, boten den Krankenhäusern sofort ihre Hilfe an, nachdem sie von dem Ausmaß der Katastrophe erfuhren. Sie spenden Kleider und Hygieneartikel - und Trost. Sie organisieren Übersetzungshilfen, Geldtransfers, senden Emails oder versuchen, telefonisch Angehörige zu benachrichtigen.

Die Flutopfer berichten einhellig von der freundlichen Hilfe und Unterstützung durch die thailändische Bevölkerung. Von ihren Heimatländern fühlen sich die meisten Urlauber aber bis jetzt im Stich gelassen. Wer stark verletzt ist, weiß meistens nicht, wie er aus dem Land kommen soll und hat auch keine Möglichkeit, diese Information zu bekommen. Für die Überlebenden ist der Urlaub, aus dem ein Albtraum wurde, noch lange nicht zu Ende.

Mitarbeit: Wolfgang Kneisel



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