In Höhle eingeschlossene Jugendliche "Eine unvorstellbare Situation"

Seit fast zwei Wochen sitzt eine Fußballmannschaft in einer thailändischen Höhle fest. Experten erklären, wie die Gruppe überleben konnte - und was andauernde Dunkelheit mit der Psyche anrichtet.

AP/ Tham Luang Rescue Operation Center

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Wenn Chanin wieder an der Oberfläche ist, bekommt er ein Fahrrad. Das hat ihm sein Onkel Panupat Vibulrungreung versprochen. Chanin solle es sich selbst in einem Laden aussuchen. Das habe sich der elfjährige Junge schon immer gewünscht.

Seit dem 23. Juni ist Chanin in einer Höhle im Norden Thailands eingesperrt. Zwölf junge Fußballer zwischen 11 und 16 Jahren und ihr Trainer verharren seitdem in der Dunkelheit. Immerhin: In einer Videobotschaft sah es so aus, als ginge es der Gruppe gut.

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Eingeschlossene Fußballmannschaft: Angst vor dem Regen

Wie konnten die 13 Verunglückten so lange in der Höhle überleben? Was geschieht in der Psyche, wenn man tagelang kein Licht erblickt? Im Gespräch mit Experten wird deutlich: Die Gruppe konnte auch wegen der einzigartigen Situation in der Höhle überleben.

Da ist zum einen die Temperatur: Über 20 Grad warm ist es in der Höhle, wie Taucher, die an der Rettung beteiligt sind, laut dem "Guardian" sagten. "Die größte Gefahr in einer Höhle in Deutschland ist die Unterkühlung", sagt Martin Groß. Er ist Geschäftsführer der Höhlenrettung Baden-Württemberg. Der Verein rettet Verunglückte aus Höhlen oder Bergwerken und arbeitet dabei mit Polizei und Feuerwehr zusammen.

Martin Groß im Bergwerk Hallwangen im Schwarzwald
Stephan Liedtke

Martin Groß im Bergwerk Hallwangen im Schwarzwald

In deutschen Höhlen sei es im Schnitt unter zehn Grad warm, eine Unterkühlung könne deswegen schon nach weniger als einer Stunde eintreten.

Und ein zweiter Faktor half der thailändischen Gruppe offenbar: Trinkwasser. Wie ein beteiligter Arzt sagte, tropft von den Stalaktiten in der Höhle Trinkwasser. "Sauberes Wasser ist die wichtigste Voraussetzung für das Überleben", sagt Höhlenretter Groß.

Außerdem entscheidend: die Gruppendynamik. "Wenn es eine Person gibt, die Ruhe ausstrahlt, ist viel gewonnen", sagt Groß. Der Trainer der Mannschaft könne diese Person sein.

Ob das tatsächlich zutrifft, ist unklar. Doch es gibt Hinweise, dass der Mann seine Führungsrolle ausfüllte, sich gar aufopferte: Eine thailändische Nachrichtenseite berichtete, dass es dem Betreuer schlechter gehe als den Jugendlichen, weil er ihnen den gesamten Proviant überlassen habe.

Körper aus dem Takt

Auch Martin Keck weiß, wie wichtig ein solcher Ruhepol ist. Er ist Klinikdirektor am Max-Planck-Institut für Psychiatrie in München. Das Unglück in Thailand nennt er "eine unvorstellbare Situation".

Reuters/Thai Navy Seal

Tagelang in Dunkelheit zu verharren, hat erhebliche Auswirkungen auf die Psyche. "Der Taktgeber in unserem Gehirn funktioniert nicht mehr", sagt Keck. Diese reiskorngroße Sammlung von Nervenzellen sitzt im Hypothalamus und steuert die inneren Uhren in jeder Zelle des Körpers, wie der Psychiater erklärt. Sie richtet sich nach dem Licht - wenn das fehlt, gerät der Körper aus dem Takt.

Mögliche Folgen: Fieber, ein anhaltend hoher Pegel an Stresshormonen. Letzteres könne laut Keck Angst und Panik auslösen. Panikattacken könnten so stark werden, dass die Menschen Todesangst verspürten, den totalen Kontrollverlust. Und: Die Angst könne ansteckend sein, so Keck.

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In dieser Lage sei es wichtig, dass es eine Autorität gebe, die Struktur und Sicherheit vermittle. "Die Gruppe kennt sich, es gibt feste Rollenzuschreibungen, das ist hilfreich", sagt Psychiater Keck. Bei einer Gruppe verschütteter Bergleute müsse diese Hierarchie womöglich erst noch ausgebildet werden. "Das kostet Kraft", sagt Keck.

Doch es kann gelingen, wie das Grubenunglück von San José zeigt: 33 Bergarbeiter waren 2010 mehr als zwei Monate im Norden Chiles verschüttet, in 700 Meter Tiefe. Auch sie wählten einen Anführer, und konnten schließlich gerettet werden.

Sorge um das Wetter

Auch nach der Rettung ist laut Psychiater Keck psychologische Betreuung wichtig. Andernfalls könnten Jahre später Flashbacks eintreten, eine posttraumatische Belastungsstörung oder gar Depressionen.

Doch zuvor müssen die Jugendlichen und ihr Trainer aus der Höhle gezogen werden. Der härteste Gegner der Retter: Regen. "Was uns am meisten Sorge bereitet, ist das Wetter. Wenn es wieder regnet, könnten unsere Bemühungen einen Rückschlag erleiden, wie es schon einmal passiert ist", sagte der Chef der Rettungsmission, Narongsak Osotthanakorn.

In der vorigen Woche musste ein Sucheinsatz, der wegen der schlechten Sicht ohnehin schwierig ist, schon einmal wegen Regen und Überflutung der Höhle für mehrere Tage unterbrochen werden.

Mit Material der dpa

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