Thailand Tragödie auf den Inseln

Nur mühsam kommt die Rettung der überlebenden Urlauber an den thailändischen Stränden in Gang. Dabei geht es um einen Wettlauf gegen die Zeit: Auf den verwüsteten Inseln vor der Küste harren noch zahlreiche Menschen aus, oft ohne jede Versorgung.

Aus Khao Lak berichtet Hardy Prothmann


Gebet für die Toten: Ein Mann aus Khao Lak trauert um seine Schwester, die von der Flut fortgerissen wurde
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Gebet für die Toten: Ein Mann aus Khao Lak trauert um seine Schwester, die von der Flut fortgerissen wurde

Khao Lak - Warum er überlebte, ist dem jungen Belgier, den der Helikopter am Strand von Khao Lak absetzte, auch nicht klar. Er hat schlicht Glück gehabt. Glück, weil er gerade, als die Welle auf das Ufer donnerte, den niedrigen Hügel der Palmeninsel erklommen hatte. Von dort musste er mit ansehen, wie das Wasser die Boote wegriss und alle Menschen, die es vorgezogen hatten, die Sonne am Strand zu genießen.

Glück aber auch, weil nach zwei Tagen endlich dieser Hubschrauber vorbei geflogen kam und ihn von dem unbewohnten Eiland vor der Küste Thailands pickte, auf der es außer Blättern, Wurzeln und ein paar Früchten nichts zu essen gab.

Wie diesen Mann bringen thailändische Retter nach und nach die Überlebenden von den Inseln vor der Ferienküste ans Festland. Hunderte, wenn nicht Tausende haben sich über die Weihnachtstage auf die Trauminseln zurückgezogen, um ein wenig Robinson-Gefühl zu erhaschen. Wie viele von ihnen überlebt haben, ist noch völlig ungewiss. Die Sorgen der Retter sind groß, denn die auf dem freien Ozean mehrere hundert Stundenkilometer schnellen Wellen sind über viele der niedrigen Eilande mit ungeheurer Gewalt hinweggerauscht.

Kaum Hilfe aus Deutschland

Der einzige Hubschrauber im Einsatz auf Phi Phi: Rettungsmaßnahmen laufen schleppend
AP

Der einzige Hubschrauber im Einsatz auf Phi Phi: Rettungsmaßnahmen laufen schleppend

Ein einzelner Hubschrauber, mehr bringen die Thailänder nicht auf, fliegt unaufhörlich die Inseln an, um jeweils sieben Personen ans Festland zu retten. Erst seit gestern Nachmittag ist das Militär mit Lastwagen und Soldaten präsent. Überwiegend helfen Freiwillige oder thailändische Hilfsorganisationen. Von Hilfe aus Deutschland kann noch keiner der vielen Dutzend Touristen berichten, die SPIEGEL ONLINE zum Hergang der Katastrophe und den Rettungsaktionen befragte.

Der Generalsekretär der Demokratischen Partei, Pradit Phataraprasit, machte sich gestern vor Ort ein Bild der Lage und sagte SPIEGEL ONLINE, dass er von mindestens 1000 Toten ausgehe, aber bis zu 2000 Tote allein in der Bucht von Khao Lak befürchtet. Der ebenfalls angereiste Parteichef der Demokraten, Banyat Bantatan, sagte, ganz Thailand müsse zusammenstehen. Weder er noch andere thailändische Stellen können die Zahl der Urlauber insgesamt, der Verletzten und der Opfer nennen. Auch zu den Hilfskräften gibt es keine Angaben. Offensichtlich hilft jeder, wo Hilfe gebraucht wird, oder zieht weiter an andere Orte.

Doch es mehrt sich auch die Kritik der betroffenen Urlauber: Vor allem die fehlende Hilfe und die Formular-Bürokratie wird kritisiert. Sofern es sich nicht um "klare Fälle" handelt, winkt die deutsche Botschaft ab. Zum Beispiel beim Frankfurter Michael Förster: Dessen Ehefrau hat noch einen kolumbianischen Pass. Er bekommt die spärliche Hilfe durch die Botschaft, seine Frau nicht. Kolumbien hat keine Vertreter auf Phuket.

Überforderte Reiseveranstalter

Der deutsche Urlauber Lothar Schlidt berichtet unter Tränen, er sei erst in den Tempel oberhalb von Khao Lak gerettet worden und wollte dann in den von Thomas Cook und Neckermann dort bereitgestellten Bussen mitfahren. Weil er aber bei keinem der Unternehmen gebucht hatte, wurde ihm die Mitfahrt nach Phuket City verweigert, obwohl Plätze frei waren. Schließlich schaffte es der verletzte Mann auf eigene Initiative ins Bangkok Phuket Hospital.

Überlebende Touristen in Khao Lak: Jeder Anruf wird zum Geduldsspiel
AFP

Überlebende Touristen in Khao Lak: Jeder Anruf wird zum Geduldsspiel

Auch andere Urlauber berichten, dass die Reiseveranstalter vollkommen überfordert seien und sich nur unzureichend um sie kümmerten. Natürlich stehen die Menschen hier unter einem enormen Schock, haben oft nichts als gespendete Kleider am Leib. Vielfach fehlt der Kontakt zu Familienmitgliedern oder Freunden. Die verletzten oder schockierten Urlauber ringen um Fassung und loben immer wieder die Hilfsbereitschaft der Thais.

Das Telefonnetz in der Region ist vollkommen überlastet, so dass jeder Anruf zum Geduldsspiel wird. Die Touristen haben zudem oft keinerlei Adressdaten mehr. Sie können deshalb niemanden erreichen, selbst wenn sie wollten. Der Schock des Erlebten weicht nun langsam dem Schock des Überlebens.

Transportmittel fehlen

Südafrikanische Urlauber nach ihrer Rettung von der Insel Phi Phi
REUTERS

Südafrikanische Urlauber nach ihrer Rettung von der Insel Phi Phi

Im Auffanglager im Nordwesten von Phuket City fehlt es an Organisation. Vermisstenlisten werden auf Karteikarten oder DIN-A4-Bögen geführt. Eine thailändische Kontaktnummer ist entweder dauernd besetzt, und wenn man durchkommt, können die Gesprächspartner häufig kein Englisch. Schwierig wird die Lage zudem für die havarierten Urlauber, weil viele Transportmittel fehlen und die Thais selten gut genug Englisch sprechen. Auch ist nur wenigen das Auffanglager bekannt. Viele Urlauber hören nur von anderen Urlaubern davon und versuchen dann, den Ort zu erreichen - was bei den gegebenen Verkehrsbedingungen schwierig ist.

Mittlerweile versuchen deutsche Urlauber in Eigeninitiative eine Bestandsaufnahme in den Krankenhäusern. Über die Zahl der Verletzten haben die deutschen Behörden keine auch nur annähernd stimmigen Zahlen. Überhaupt sind alle Zahlenangaben mit äußerster Vorsicht zu behandeln.

Die Meldungen der thailändischen Medien sind unzuverlässig, weil sie teils staatlich kontrolliert sind, teils zum Medienimperium des Ministerpräsidenten Thaksin Shinawatra gehören oder Repressionen befürchten.

Mitarbeit: Wolfgang Kneisel



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