Therapie abgeschlossen: Endlich wieder Sonne auf meiner Haut

Geschafft. SPIEGEL-ONLINE-Autor Jörg Böckem hat seine Hepatitis-C-Therapie beendet und wagt jetzt nach einem langen Leidensjahr Schritte ins Leben. Leicht wird's nicht: Die Freundin ist weg, die neue Unabhängigkeit von Medikamenten fast beängstigend.

Seltsam, wie sehr sich Anfang und Ende gleichen: Es ist Freitag, der 11. August 2007, der erste Freitag ohne Interferonspritze und ohne Ribavirintabletten seit fast einem Jahr. Der erste Tag, an dem mich nach dem Aufstehen keine bleierne Schwere überfällt. Ich bin ziemlich aufgekratzt, kann kaum stillsitzen, drehe die Musik auf. "Start Again - You will feel better", singt Shirley Lee von "Spearmint". Manchmal ist mein iPod in seiner Musikauswahl ganz schön pathetisch. Was wohl in den nächsten Tagen auf mich zukommt? Wie werde ich mich fühlen? Ein Jahr zuvor, nach meiner ersten Spritze, ging es mir ähnlich. Ich war aufgeregt und voller Neugier auf das, was mich erwartet, auf die Veränderungen in meinem Leben. Im Gegensatz zu heute hat mir die bevorstehende Veränderung damals allerdings auch ein wenig Angst gemacht.

Die Operation "Zurück ins Leben" lässt sich zunächst gut an. Ich schlafe besser, meine Stimmung steigt und ich fühle mich schon nach zwei Tagen deutlich leistungsfähiger. Sogar die vier Stockwerke hinauf in meine Wohnung bereiten mir weniger Probleme. Zugegeben, die Treppe schafft mich nach wie vor, aber zumindest bin ich nach dem Aufstieg nicht reif für das Sauerstoffzelt und erhole mich innerhalb weniger Minuten wieder. Das erste Bier schmeckt herrlich. Aber die Wirkung ist mir ein wenig unheimlich, die leichte Wahrnehmungsverschiebung, die ich schon nach dem ersten Glas spüre, ist mir nicht geheuer. Nach dem zweiten Bier wäre ich besoffen, gruselige Vorstellung. Nach dem ersten mache ich Schluss.

Am Sonntag fahre ich mit Simone und ihrer Schwester an die Nordsee. Ein Jahr zuvor hatte ich so einen Ausflug kurzfristig abgesagt, ich war nicht in der Lage, meine Wohnung zu verlassen. Im vergangenen Jahr habe ich die Sonntage meist auf dem Sofa verbracht, von einer Bleidecke niedergedrückt. An diesem Sonntag spüre ich statt der Macht der Schwerkraft nur Sonne und Wind auf meiner Haut, großartig.

Die Veränderungen stellen mich allerdings auch vor unerwartete Probleme. Zurück in die Spur zu finden erweist sich als weniger einfach als gedacht. Ich fühle mich wie ein Tier, das nach Jahren im Zoo ausgewildert wird: Mit der neu gewonnenen Freiheit weiß ich nicht immer umzugehen, es fällt mir schwer, den erweiterten Spielraum zu nutzen. Ich bin daran gewöhnt, meine Tagesplanung meinen eingeschränkten Möglichkeiten anzupassen, muss erst wieder lernen, umzudenken und neue Strukturen zu finden.

Linda ist weg, die Zukunftsplanung ist Makulatur

Zu Beginn der Behandlung habe ich mich ähnlich gefühlt. Die größte Schwierigkeit bestand darin, mit den veränderten Grenzen zurecht zukommen, meinen Tagesablauf der eingeschränkten Belastbarkeit, physisch wie psychisch, anzupassen. Zu Beginn durchaus eine Herausforderung und eine spannende Erfahrung, am Ende, als die Grenzen enger und enger wurden, eine zermürbende.

Vor der Entscheidung für die Behandlung habe ich lange zurückgeschreckt. Einige meiner Befürchtungen sind wahr geworden, andere nicht. Neben den Schlafstörungen haben mich vor allem die psychischen Veränderungen besonders stark belastet - die Wahrnehmungsstörungen, die Stimmungsschwankungen, die Reizbarkeit und die Zwanghaftigkeit. Die körperlichen Beeinträchtigungen wie ständige Schwäche und Müdigkeit, Kopf- und Gliederschmerzen, Kreislaufstörungen, Durchfall, Juckreiz und einiges mehr, waren belastend, sicher, aber weniger verstörend. Meist ist es mir in den vergangenen Monaten gelungen, mich mit den Veränderungen in meinem Leben irgendwie zu arrangieren. Oder sie einfach auszuhalten, zumindest das. Zudem haben die 48 Wochen mir neue, wichtige Erfahrungen beschert, auch wenn nicht alle angenehm waren.

Die leidvollste Nebenwirkung ist leider von Dauer: Lindas Auszug. Seit die Schmerzen und die Erschöpfung nachgelassen haben, seit die Behandlung mein Leben nicht mehr beherrscht und strukturiert, spüre ich die Löcher, die unsere Trennung in mein Leben gerissen hat, stärker. Nach der Behandlung heiraten, Kinder haben - meine Zukunftsplanung ist Makulatur. Den extremen Belastungstest Hepatitis-C-Behandlung hat unsere Beziehung leider nicht ausgehalten, eine sehr bittere Erfahrung. Mir graust vor Lindas endgültigem Auszug nächsten Monat. Noch befindet sich der Großteil ihres Besitzes in meiner Wohnung.

Trotzdem, ich bereue es nicht, mich für die Behandlung entschieden zu haben. Ich wusste vorher, dass es schwierig werden würde. Die Therapie ist eine Investition in die Zukunft. Start Again - You Will Feel Better. "Am Ende der Behandlung wirst du dich zehn Jahre jünger fühlen", hat mein Arzt zu Anfang prophezeit. OK, darauf warte ich noch. Aber ich glaube fest daran, dass das Virus endgültig aus meinem Körper vertrieben ist. Die Zukunft kann kommen.

So, das wär's. Ende, aus. Zumindest vorerst - eine Blutuntersuchung in sechs Monaten wird zeigen, ob die Behandlung dauerhaften Erfolg gebracht hat. Sobald das Ergebnis vorliegt, werde ich noch einen letzten Eintrag schreiben. Bleibt die angenehme Pflicht, mich zu bedanken. Bei meinen Freunden und meiner Familie, die mich in dieser schwierigen Zeit sehr unterstützt haben, in jeder Hinsicht. Bei meinen Lesern, für Interesse, Kritik, Anteilnahme, Hinweise und Zuspruch. Danke!


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Forum - Wege aus der Sucht?
insgesamt 856 Beiträge
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1.
Kapnix 04.05.2007
Zitat von sysopSPIEGEL-Autor Jörg Böckem beschreibt in seinem Therapie-Tagebuch eindringlich Drogensucht und ihre langen Folgen. Was ist Ihre Meinung zu seinen Aufzeichnungen? Wie kann man Drogenabhängigen besser beim Kampf gegen die Sucht unterstützen?
Der Erste, und auch wesentlichste, Schritt würde darin bestehen, das alle die sich mit diesem Thema beschäftigen, verstehen und akzeptieren, das so gut wie kein Süchtiger seine Droge freiwillig nimmt. Ein banaler, aber in meinen Augen sehr wichtiger, Schritt.
2.
susenn 04.05.2007
Zitat von sysopSPIEGEL-Autor Jörg Böckem beschreibt in seinem Therapie-Tagebuch eindringlich Drogensucht und ihre langen Folgen. Was ist Ihre Meinung zu seinen Aufzeichnungen? Wie kann man Drogenabhängigen besser beim Kampf gegen die Sucht unterstützen?
Die beste Unterstützung erfolgt VOR dem Kampf gegen die Abhängigkeit. Lehrkräfte, Eltern, Ausbilder sollten Vorbild sein und über die Folgen von Drogenmissbrauch aufklären. Damit meine ich alle, auch die s.g. "weichen Drogen". Die Gefahr einer Abhängigkeit besteht eben auch bei Tabak, Alkohol, Zigaretten und Tabletten. In jedem Fall entscheidet der verantwortungsvolle Umgang über Nutzen oder Zerstörung.
3.
rabenkrähe 04.05.2007
Zitat von sysopSPIEGEL-Autor Jörg Böckem beschreibt in seinem Therapie-Tagebuch eindringlich Drogensucht und ihre langen Folgen. Was ist Ihre Meinung zu seinen Aufzeichnungen? Wie kann man Drogenabhängigen besser beim Kampf gegen die Sucht unterstützen?
..... Der oder die Süchtige muß die Bereitschaft/Notwendigkeit entwickeln, zu dem zu schauen, was mit der jeweiligen Sucht um jeden Preis versteckt werden soll. rabenkrähe
4.
albatrox 05.05.2007
Zitat von susennDie beste Unterstützung erfolgt VOR dem Kampf gegen die Abhängigkeit. Lehrkräfte, Eltern, Ausbilder sollten Vorbild sein und über die Folgen von Drogenmissbrauch aufklären. Damit meine ich alle, auch die s.g. "weichen Drogen". Die Gefahr einer Abhängigkeit besteht eben auch bei Tabak, Alkohol, Zigaretten und Tabletten. In jedem Fall entscheidet der verantwortungsvolle Umgang über Nutzen oder Zerstörung.
Die Kinder von heute sind die Eltern und Erzieher von morgen. Was man selber nicht hat, kann man nicht vermitteln. Die beste Prophylaxe ist die Alternative. Sinnvolle Betätigung ist keine Garantie, aber unverzichtbar, um die Zahl der Betroffenen zu mindern. a
5.
Kapnix 05.05.2007
Zitat von rabenkrähe..... Der oder die Süchtige muß die Bereitschaft/Notwendigkeit entwickeln, zu dem zu schauen, was mit der jeweiligen Sucht um jeden Preis versteckt werden soll. rabenkrähe
Wenn sie das könnten, wären sie nicht süchtig. Und wenn sie es während der Sucht erkennen befreit es sie nicht daraus.
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