Therapie-Tagebuch: Der Tag, an dem das Steak wieder schmeckt

SPIEGEL-ONLINE-Autor Jörg Böckem sammelt kleine Zeichen der Hoffnung: Auch als Hepatitis-C-Infizierter kommt er als Organspender in Frage. Und zum ersten Mal seit langer Zeit genießt er einen Männerabend mit Steaks, Fernsehen und Fußball.

Meine Organe sind tatsächlich zu etwas nütze. Abgesehen davon, dass sie mich am Leben halten, natürlich. Jahrzehntelang habe ich gedacht, meine Innereien seien nach meinem Ableben eher so etwas wie Sondermüll. Dass ich trotz Hepatitis-C-Infektion und langjährigem Drogenkonsum unter gewissen Voraussetzung als Organspender in Frage komme, ist mir neu. Ich werde mir schnellst möglich einen Organspenderausweis besorgen.

Steak steht auf dem Speiseplan: "Ein Tag zum Hineinbeißen"
DPA

Steak steht auf dem Speiseplan: "Ein Tag zum Hineinbeißen"

Mittwoch Abend bin ich zum einem Empfang der Grünen im Hamburger Rathaus eingeladen, Thema des Abends ist Lebertransplantation bei Hepatitis C. Tatsächlich stellen Hepatitis-C-Infizierte den größten Anteil der Patienten, die eine Spenderleber bekommen. Und bei der größten Gruppe innerhalb der HCV-Infizierten, erläutert eine Ärztin des UKE, sei der Infektionsweg unklar. Ungefähr ein Drittel gehöre nicht zu den Risikogruppen, also intravenöse Drogenkonsumenten, Klinikpersonal, Gefängnisinsassen oder Empfänger von Bluttransfusionen. Das Stigma der Junkieseuche ist auch statistisch widerlegt.

Die Ärztin berichtet von einem Patienten, einem Architekten, der Anfang der 90er Jahre von seiner Hepatitis-C-Infektion erfuhr und nach langem Leiden an der Krankheit - bis hin zum Leberversagen - seit vergangenem Jahr mit Spenderorgan wieder ein normales Leben führen kann. Die Erfolgsquote einer Lebertransplantation liegt bei HCV-Infizierten bei 87 Prozent, eine sehr gute Zahl. Doch es fehle an Spendern.

Leider gibt es auch weniger aufbauende Beispiele - ein Mitglied der Hepatitis-C-Selbsthilfegruppe in Hamburg hat zwei erfolglose Interferontherapien und eine Lebertransplantation hinter sich. Mittlerweile hat das Virus auch die neue Leber stark beschädigt, er wartet auf seine nächste Transplantation.

Donnerstag nachmittag sitze ich mit Christoph in einem Straßencafe, es geht ein leichter Wind, die Sonne wärmt mein Gesicht. Ein Tag, so Recht zum Hineinbeißen, um es mit Erich Kästner zu sagen. Ich bin halbwegs ausgeschlafen, mein Kopf ist klar, mein Körper wach, die Arbeit ging mir gut von der Hand, so soll es sein. Eine Wohltat, vor allem nach den grottenfinsteren Tagen und Nächten, die hinter mir liegen. Freitag setze ich mir die 38ste Spritze, Samstag mutiere ich zum lebenden Männerklischee: Steak-Essen mit Bernd, danach das DFB-Pokalfinale im Fernsehen, anschließend der Boxkampf von Artur Abraham. Die gute Stimmung hat gehalten, sogar am Sonntag, seit Beginn der Behandlung der Tag in der Woche, an dem die Nebenwirkungen mich besonders heftig niederdrücken, bin ich überraschend fit. Pfingstmontag schlafe ich bis Mittags, nach dem Frühstück schreibe ich einige Stunden. Am Abend nehme ich meine Wirbelsäulengymnastik wieder auf, dass erste Mal seit Wochen. Anschließend in die Badewanne, danach Wäsche waschen und Essen kochen, alles kein Problem. Solche Tage sind wie ein kostbares Geschenk.

Jeder Unglückliche ist auf seine Weise unglücklich

"Ich weiß nicht, ob ich mir das antun möchte", hat mir ein Leser vergangene Woche geschrieben. Er ist ebenfalls mit dem Hepatitis-C-Virus infiziert und kann sich nicht zu einer Behandlung entscheiden, zu sehr fürchtet er die von mir beschriebenen Nebenwirkungen. Möglich, dass meine Schilderungen manchmal abschreckend klingen. Schließlich sind es vor allem die üblen Tage und Nächte, die sich mir einprägen und Eingang in mein Tagebuch finden. Die normalen Tage, die, an denen ich ohne größere Blessuren durch den Alltag komme, hinterlassen weniger Spuren, auch in meinen Texten. Aber es gibt sie, immer wieder. "Alle glücklichen Familien gleichen einander, jede unglückliche ist auf ihre Weise unglücklich", heißt es bei Tolstoi. Deshalb werden die unglücklichen auch häufiger und ausführlicher beschrieben, in der Literatur, im Kino. Für gute und schlechte Tage gilt ähnliches.

Alles in allem ist das Verhältnis von guten und schlechten Tagen in den neun Monaten seit Beginn der Behandlung relativ ausgeglichen, auch wenn die schlechten in den vergangenen Wochen deutlich an Boden gewonnen haben. Und ein großer Teil der Zeit ist weder das eine noch das andere, ganz normale Tage eben, die man hinter sich bringt und abhakt. Wie sonst auch. Nur, dass die schlechten Tage deutlich mieser sind als üblich und die guten weniger aufregend. Genau genommen gehören die normale Tage in dieser Zeit schon zu den Guten.

Anfang der Woche sorgt die holländische Produktionsfirma Endemol, Erfinder von TV-Absurditäten wie "Traumhochzeit" oder "Big Brother", wieder für Schlagzeilen - Freitag Abend soll im holländischen Fernsehen eine neue Show starten, in der drei Kandidaten um eine Niere kämpfen. Die todkranke Organspenderin bestimmt am Ende der Sendung, welcher Kandidat ihre Niere bekommt, die Zuschauer dürfen per Telefon ihr Votum abgeben. Bizarr. Der verantwortliche Sender betont in seinen Statements, die Sendung solle auf die Wichtigkeit von Organspenden aufmerksam machen und um Spender zu werben. Zumindest ist es ihnen gelungen, dass Thema in die Medien zu hieven. Abwarten, ob es nutzt.

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